“Nur wenige Wohngebiete in Berlin haben sich, nein: wurden in den vergangenen dreißig Jahren so radikal verändert wie die Spandauer Vorstadt.
Der Wandel ist um so bemerkenswerter, als er nicht – wie etwa am jenseits der einstigen Sektorengrenze gelegenen Gesundbrunnen – unter einem umfassenden Austausch der Bausubstanz geschah. Im Gegenteil: Rund um Oranienburger und heutiger Torstraße sind die alten Häuser zum großen Teil erhalten geblieben.
Sie wurden renoviert, saniert, restauriert und mehr oder minder behutsam durch Neubauten ergänzt. Sehr viel weniger behutsam war der Umgang mit der Bevölkerung: Sie wurde weitgehend vertrieben.

Wie es in der und rund um die Auguststraße aussah, bevor diese zur schicken Galeriemeile und zum Paradebeispiel für Gentrifizierung mutierte, wie man hier lebte und wer hier wohnte, dokumentierte Günter Jordan 1979 in seinem abendfüllenden Film „Berlin – Auguststraße“. Das besondere Augenmerk des 1941 geborenen DEFA-Regisseurs lag dabei auf den Kindern: Fünft-, später Sechstkläßlern aus der damaligen Bertolt-Brecht-Oberschule n der Auguststraße (im Gebäude der ehemaligen jüdischen Mädchenschule).
Jordan beobachtete die Kinder bei der Vorbereitung eines Schulfestes, bei der Auseinandersetzung mit ihrem ambitionierten, für DDR-Verhältnisse überraschend anti-autoritär wirkenden jungen Klassenlehrer und bei „gesellschaftlicher Tätigkeit“ ebenso wie bei unbeaufsichtigter Freizeitgestaltung. Er fragte sie nach ihrem Leben und ihren Vorstellungen und zeigte, wie sie ihr Viertel in Besitz genommen hatten, allen Problemen nicht nur mit den maroden Häusern zum Trotz. Damals wegen des gezeigten Milieus und Ambientes nicht allzu wohlgelitten, ist der ebenso eigenwillig wie hintersinnig mit Musik von Hanns Eisler versehene Schwarzweißfilm heute ein bedeutendes Zeugnis einer verschwundenen Welt.
„Berlin – Auguststraße“ ist die vierzehnte Berlin-Film-Rarität des Monats, die Berlin-Film-Katalog im Brotfabrikkino präsentiert.”
Mehr zu dem Projekt unter www.berlin-film-katalog.de.
Vom 4.-10 Juli 2013 täglich um 19 Uhr im Brotfabrikkino, Caligariplatz 1, 13086 Berlin (Pankow/Weißensee). Straßenbahnlinien: M 2, 12, M 13, Buslinien: 156, 158
www.brotfabrik-berlin.de
Quelle: Flyer www.berlin-film-katalog.de
2013-07-03


Schloss-Simulation gesehen 1993
“Im Jahre 1442 glaubt sich Kurfürst Friedrich II. am Ziel lang gehegter Wünsche. Der schwelende Streit zwischen Zünften und Patriziat um die Teilhabe am Rat ist voll entflammt. Die Handwerker bestehen auf der Wahl eigener Ratsmannen und berufen den Landesherrn zum Schiedsrichter. Geschickt die bürgerliche Zwietracht nutzend, macht dieser sich daran, erworbene Stadtrechte zu beschneiden, zu beseitigen.
Gerichtshoheit und Niederlagsrecht gelangen schnell in seine Hände. Die Vereinigung von Berlin und Cölln, Grundlage gemeinsamer Stärke, wird aufgehoben, die Beteiligung am Bündnis der Hanse verboten. (…) Friedrich II. besteht darauf, innerhalb der Stadt ein Schloß zu errichten und am 1. Juli 1443 persönlich den Grundstein zu legen. Ein „frenum antiquae libertatis” in den Augen der Bürger, ein „Zügel der alten Freiheit”. Eine Zwingburg, um Berlin und Cölln in dauerhafte Abhängigkeit zu bringen. (…)
Auch wenn des Nachts immer wieder Steine verschwinden, Gerüste umstürzen und schwere Stützbalken die Spree hinuntertreiben, der Bau schreitet voran. Die Spannung in den Straßen steigt. Noch ein Funken, und die Explosion ist da. Friedrich II. spielt mit dem Feuer. (…)
Januar 1448. Die Bürger greifen zu den Waffen. Es kommt zu jener offenen Erhebung, die als Berliner Unwille in die Geschichtsbücher eingegangen ist.
Eigenmächtig wird die Trennung von Berlin und Cölln aufgehoben, im Rathaus auf der Langen Brücke amtiert wieder der gemeinsame Rat. (…)
Doch damit nicht genug.
Die Aufständischen ziehen in Scharen zum unerwünschten Schloß. Leider widerstehen die schon fertiggestellten Mauern aus Feldsteinen und Mörtel den eiligen Abbruchversuchen, aber man weiß sich zu helfen. Schnell ist die Schleuse des Cöllnischen Stauwehres geöffnet, und munteres Spreewasser überflutet die Baustelle.(…)”

Schloss-Simulation gesehen 1993

Schloss-Simulation gesehen 1993
Quellen:
Schwebel, Oskar: Geschichte Der Stadt Berlin, 1888, Erster Band, S. 134
zitiert nach:
Berger, Joachim, Berlin freiheitlich & rebellisch, Berlin 1987
siehe auch: Stadtschloss Berlin: Millionenschwerer Fassadenschwindel
2013-06-12

1 Gebäude der Sozial-Verwaltung der Jüdischen Gemeinde, Rosenstraße 2-4; Gefängnis während der »Fabrik-Aktion«.
2 Die »Alte Synagoge«, Heidereutergasse 4.
3 Jüdisches Altersheim, Große Hamburger Straße 26.
4 Gestapo-Leitstelle Berlin, Burgstraße 28; (mit dem Berliner Judenreferat; auch in dem Gebäude Burgstraße 26 befand sich eine Dienststelle der Gestapo.
5 S-Bahnhof »Börse«, heute »Hackescher Markt«, zu DDR-Zeiten »Marx-Engels-Platz«.
In der Rosenstraße 2–4 errichtete die Jüdische Gemeinde 1905 ein großes Verwaltungsgebäude, das später unter anderem das Wohlfahrts- und Jugendamt beherbergte.
“Am 27. Februar 1943 führte die Berliner Gestapo die letzte große Razzia gegen Juden durch, die überwiegend in der kriegswichtigen Rüstungswirtschaft Zwangsarbeit leisten mussten. Während dieser „Fabrik-Aktion“ wurden jüdische Partner von „Mischehen“, „Mischlinge“ sowie „Geltungsjuden“ von den „Volljuden“ separiert und in dem Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde in der Rosenstraße 2-4 in Berlin-Mitte festgehalten, [um ihren Status zu überprüfen und unter ihnen Fachpersonal als Ersatz für zu deportierende Mitarbeiter jüdischer Einrichtungen auszuwählen].
Die nicht-jüdischen Angehörigen hatten im Laufe des Tages herausgefunden, wohin ihre Angehörigen gebracht worden waren. Vor dem Gebäude fanden sich – ohne untereinander organisiert zu sein – viele Angehörige ein. Überwiegend „arische“ Ehefrauen der Festgehaltenen, aber auch „arische“ Ehemänner von jüdischen Frauen kamen dort hin. Sie brachten Lebensmittelpäckchen mit, die von den Wachen am Eingang angenommen wurden. Viele wussten nicht, ob ihre Angehörigen dort tatsächlich festgehalten wurden. Die Wartenden tauschten die wenigen Informationen untereinander aus und kamen täglich wieder.
Niemand kannte die Pläne der Gestapo für die circa 2000 dort einsitzenden Menschen. Der sogenannte „Rassestatus“ eines jeden wurde eingehend geprüft. Dokumente belegen, dass diese Personengruppe nicht für die Deportation vorgesehen war. (…)[Die Entlassungen aus der Rosenstrasse begannen am 1.März 1943 und zogen sich mindestens bis 12.März hin.] Sie kehrten zu ihren Familien zurück und wurden wieder zur Zwangsarbeit befohlen. Ungefähr 200 ehemalige Rosenstraßen-Insassen arbeiteten danach in den Verwaltungsstrukturen der Jüdischen Gemeinde.” (1)
“Zeitgenössische Dokumente zu diesen Vorgängen gibt es bisher nicht” (…) daher “bleiben bis heute die Zahl der Teilnehmer, die konkreten Umstände sowie die Dauer und die Form des Protestes in der Rosenstrasse ungesichert. Die Angaben, wie viele Menschen sich tatsächlich vor dem Gebäude versammelten, schwanken erheblich, von 150 bis zu 6000. (…)
Weder damalige Dokumente noch die weitere historische Entwicklung stützen also die Annahme, dass Proteste wie in der Rosenstraße die Deportationsplanungen der NS-Führung verändert oder deren Realisierung behindert hätten. Die Geschichte vom Erfolg des Protestes der nichtjüdischen Angehörigen und der Rettung der Juden in der Rosenstraße vor dem Abtransport nach Auschwitz ist gleichwohl inzwischen ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingeschrieben. Die bereits kurz nach dem Krieg entstandene Legende fußte auf Berichten von Überlebenden und ihren subjektiven Eindrücken. (…)
Eine reale Chance, den Prozess der Judenverfolgung aufzuhalten, der schließlich in den Massenmord mündete, bestand nur an seinem Beginn. Schon 1933 hätte sich eine breite Opposition formieren müssen, als der NS-Staat die ersten antijüdischen Maßnahmen einleitete und die ersten diskriminierenden Gesetze erließ, um die deutschen Juden zu vertreiben. Notwendig wäre ein frühes und breites Engagement in allen Schichten der Gesellschaft, ganz besonders unter den Eliten, gewesen.”(2)
(1) Topographie des Terrors, Barbara Schieb http://www.berlin.de/2013/partner/sonstiges/stiftung-topographie-des-terrors-mit-mehreren-veranstaltern/
(2) Wolf Gruner: Widerstand in der Rosenstraße. Die Fabrik-Aktion und die Verfolgung der „Mischehen“ 1943. Frankfurt/M 2005
Karte aus Gernot Jochheim: Frauenprotest in der Rosenstraße Berlin 1943. Berichte, Dokumente, Hintergründe, Berlin 2002
2013-03-11

© Busch Gmbh
Die DDR-Grenzmauer für den Modellbau (H0)
“Die Einzelelemente entsprechen den Stützwandelementen Typ UL 12.41 der »neuen« Mauer von 1979/80 und besitzen auch im Modell die typischen Betonwandabschrägungen im Fußbereich. Ein Originalmauerelement ist 3,6 m hoch, 1,2 m breit und wiegt ca. 2,6 t. ”

© Busch Gmbh
Erst ab Mitte der 1980er Jahre entstanden die farbigen Sprühgrafittis und Malereien auf der ‘Berliner Mauer’. Bis dahin gab es vorallem ‘writings’: Sprüche und Parolen.
Bis in die 1980er Jahre war die ‘Mauer’ in Westberlin “die grösste Wandzeitung der Welt”:
“Ronald Steckel hat auf einer mehrmonatigen Wanderung entlang der Westseite der Mauer alle Texte abgeschrieben und ist mit dem Manuskript zu Wolfgang Neuss gegangen, um das gesammelte Volksvermögen durch die ‘Schnauze der Nation’ ‘zur Sprache zu bringen’.”
http://www.berlin-wall-shop.de/pi2/pd138.html
siehe auch: /wolfgang-neuss-zum-85igsten
Abriss am Bethanien Damm - gesehen Sommer 1990:



2013-03-07
In der Oranienstraße 64 betreibt Schankwirt Schulz ein florierendes Bierlokal. Harfenspielerinnen sorgen für Stimmung und Umsatz. Alles in bester Ordnung, wenn sein Hauswirt, Schneidermeister Steffen, nicht zum Monatsende gekündigt hätte. Wegen kontraktwidrigen Einbaus zweier eiserner Öfen. Die „Exmittierung” — das damalige Wort für Räumung — steht unmittelbar bevor, als am 29. Juni 1863 die empörte Gästeschar ihrem Kneipier zu Hilfe kommt. Tatkräftig.
Zunächst wirft man dem kleinlichen Hauswirt mal die Fensterscheiben ein. Dabei soll es nicht bleiben. Herbeilaufende Schutzmänner erhalten, wie dem späteren Polizeibericht zu entnehmen ist, einen unfreundlichen Empfang.
„Die Mannschaft wurde mit Gläsern und Flaschen beworfen, und die Ausschreitungen der Menge wurden schließlich so stark, daß die Straße mit Hülfe der blanken Waffe gesäubert werden mußte.”
Das Vorgehen der Ordnungshüter mit dem blanken Säbel hat die Lage nicht beruhigt. Vier lange Kreuzberger Nächte rund um den Moritzplatz sind die Folge. „Die Polizeiorgane wurden nicht nur beschimpft, sondern es wurde auch aus den Häusern mit Steinen nach ihnen geworfen. Um das Einschreiten der Berittenen zu erschweren, wurden Rinnsteinbohlen und abgerissene Bauzaunbretter zusammengeschleppt. Man zerschlug die Straßenlaternen, brach die Brenner ab und entzündete das ausströmende Gas, so daß mächtig auflodernde Flammen von den verübten Gewaltthätigkeiten weithin Kunde gaben.”
Am Abend des 3. Juli richtet sich der Zorn gegen zwei Zivilbeamte. Von Umstehenden als Schutzmänner erkannt, entkommen sie mit Müh und Not in das Haus Prinzenstraße 37, wo ein Kollege wohnt. Den nachdrängenden Verfolgern tritt Polizeileutnant Hoppe in den Weg. Verprügelt und seines Säbels verlustig, muß er bald selber flüchten. In seine nahe Wohnung, Prinzenstraße 40, welche nun ebenfalls belagert wird.
Quelle:
Berger, Joachim, Berlin freiheitlich & rebellisch, Berlin 1987, S.103
Manfred Gailus, Pöbelexzesse und Volkstumulte in Berlin, Berlin, 1984
zur Blockade am 14.02. in Kreuzberg:
http://zwangsraeumungverhindern.blogsport.de/
update:
2013-02-13
update 14.02.:
Berliner Zeitung: Kommentar zur Zwangsräumung - Ein maßloser Einsatz
http://www.berliner-zeitung.de/berlin/kommentar-zur-zwangsraeumung-ein-massloser-einsatz,10809148,21820960.html
Deutschlandfunk: Vor der Tür - Initiative unterstützt Mieter
http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2013/02/14/dlf_20130214_1945_e7dd75ec.mp3
Zwangsräumung um jeden Preis - Widerstand wächst [Bericht]
http://www.youtube.com/watch?v=dyEslndd4UY

Im aktuellen BERLIN BUCH des Tagesspiegel-Stadtmagazins ‘Zitty’ erläutert Claudia Wahjudi in einem Gespräch mit dem ehemaligen Auguststraßen Galeristen Friedrich Loock (Galerie Wohnmaschine), mit Jutta Weitz, Ben de Biel und dem Kunsthändler Judy Lybke, wie der ‘Mythos Auguststraße’ entstand.
‘Warum wurde dann ausgerechnet die Auguststraße zur Kunstmeile? Es gab doch so viele Straßen in der Nachbarschaft mit leeren Wohnungen und Läden.’
FRIEDRICH LOOCK: “Das lag an den damaligen Schlüsselfiguren, zum Beispiel an Jutta Weitz. Sie arbeitete in der Wohnungsbaugesellschaft Mitte, die fast alle Immobilien in Mitte verwaltete. Jutta hat die ganze Rückübertragung begleitet und mitgesteuert. Man wusste damals einfach: Dieses Haus wird den Besitzer wechseln oder ist in Restitution, das dauert vielleicht noch ein halbes Jahr. Und Jutta entschied: So lange nutzt Künstlerinitiative X oder Initiative Y die Räume und zahlt dafür nur die Betriebskosten – hier ist der Schlüssel. Kündbar innerhalb eines Monats, aber so lang tobt Euch aus. Jutta Weitz hatte auch für die heutigen Kunst-Werke ein Konzept auf dem Schreibtisch – für ein Bodybuilder-Center. Sie ist jedoch zu Klaus Biesenbach gegangen, der wenig später dort die Kunst-Werke gründen sollte.
JUTTA WEITZ: “(…) Die Auguststraße war interessant, weil sie zwischen Tacheles und Eimer lag. Da ist man damals automatisch durchgelaufen.(…) Damals haben sehr viele Menschen in Mitte Räume gesucht. Und am Anfang war der Bestand der WBM unheimlich groß, fast ganz Mitte. Ich hatte schnell mitgekriegt, dass die im Kunstbereich andere Möglichkeiten haben als etwa eine Tischlerei. Handwerker brauchen langfristige Mietverträge, weil sie Gewerbeauflagen erfüllen müssen. Die konnten wir aber oft nicht geben, weil die Eigentumssituation der Häuser unklar war. Ateliers und Galerien dagegen haben wenige Auflagen. Und wenn, dann hat sich niemand dran gehalten.(…) Um Zwischennutzung als Instrument der Stadtentwicklung ging es damals nie. Erst später wurde es so gesehen. Damals hat sich das zufällig entwickelt. Als Einzelfallentscheidung.”
(…)
FRIEDRICH LOOCK: “Das war vielleicht auch das Besondere an Berlin-Mitte. In Prenzlauer Berg saßen die alten Ostszene-Leute auf ihrer Ostszene und in Kreuzberg saßen die Westszene-Leute auf ihrer Westszene. Aber in Mitte gab es diesen limitierten Besitzverstand nicht. Dorthin kamen alle – aus West aus Ost, aus dem Ausland, aus Russland und Amerika. Die Dinge spielten sich anfangs auf Augenhöhe ab. Nichts war klar, außer der Vision: Hier liegt die Zukunft.
(…)
‘Wie hat man voneinander gehört?’
FRIEDRICH LOOCK: “Jutta veranstaltete damals ihre sonntäglichen Brunchs bei sich zu Hause, wo dann von Klaus Biesenbach bis zu den Leuten vom Tacheles und dem Eimer alle rumsaßen. Das war die Börse für die Infos: Wo waren Räume frei, wo kann man was nutzen? Jutta war der Schlüssel zu allem.”

Quelle:
Zitty Spezial Berlin
Das Berlin Buch 2013
siehe auch:
Authentizität als Kulisse
Die Spandauer Vorstadt als lebendiges Beispiel für das Wechselspiel der Aufwertung zwischen Kunstbetrieb, Gewerbe und Sozialstruktur. Ein Resümee
2013-01-30


“Die bürgerliche Instanz der Breiten Straße, vor allem für junge Mädchen war seit 1839 das Kaufhaus Hertzog, der Berliner Spezialist für Aussteuer, Maßkonfektion und die Lieferung in edlen Schachteln bis an die Haustür. 1908/09 ließ er an der Ecke Scharrenstraße einen Neubau im Stil des Neobarocks errichten. Ein Erweiterungsbau entstand an Stelle des 1899 abgerissenen Cöllnischen Rathauses [1].
1912 erstreckte sich der Kaufhauskomplex fast über das gesamte Karree bis zur Brüderstraße zwischen Scharrenstraße und Neumannsgasse. Es war damals das größte Warenhaus Berlins.(…)
Im Jahr 1949 wurden die Erben, welche das Geschäft bis dato geführt hatten, enteignet. 1970 wurde es umfassend instand gesetzt. Danach befand sich bis 1990 in dem Gebäude ein Hochzeitsausstatter und ein DDR-Jugendmode-Kaufhaus. Das unter Denkmalschutz stehende Haus steht derzeit leer [2].
So etwas wie Denkmalschutz gab es in der Gründerzeit nicht. Was den zunehmenden Verkehr behinderte, wurde abgetragen, auch wenn es von Schinkel oder Knobelsdorf gebaut war.
66 Jahre später wurde gegen den Rat von Denkmalschützern und Stadtplanern der Fischerkiez, der die Bombardierungen des Zweiten Weltkrieges einigermaßen überstanden hatte, abgerissen, darunter auch die Patrizierhäuser auf der rechten Südseite der Breiten Straße. (…) Die Parzellen des Straßenabschnittes von Neumannsgasse bis Scharrenstraße wurden 1967 vollständig mit dem Komplex des Bauministeriums überbaut. (Es ist inzwischen auch abgerissen.) Die von der Breiten Straße abzweigende Scharrenstraße ist eine der ältesten Straßen der Stadt. Sie hat ihren Verlauf so gut wie nie verändert. Ihren Namen verdankt sie den Scharren, hohen Verlaufsständen, meist für Brot, die 1667 von der Breiten Straße an das Cöllnischen Rathaus verlegt wurden.(…)
Was in Alt-Cölln in den sechziger Jahren euphemistisch Altstadterneuerung genannt wurde, war ein Abriss der teilweise barocken Stadt. Die Häuser im Karree zwischen Scharrenstraße, Friedrichsgracht, Brüderstraße verschwanden bis auf drei.
Die Grundstücke wurden mit einem Apartmentblock überbaut. Heute ist das Haus in die Jahre gekommen
Nebenan hält sich tapfer das Cafe am Petriplatz, das Gartentische an den Gehweg gestellt hat. (…) Zehn Meter weiter staut sich der Verkehr stadtauswärts. Und das bedeutet hier: in alle Richtungen. Die sechsspurige Straße wurde in den sechziger Jahren zwischen Leipziger Straße und Alexanderplatz wie eine Schneise durch die ehemalige Altstadt geschlagen. Die Pläne dafür waren alt. Zuletzt hatte sich in den zwanziger Jahren Ernst Reuter, als Verkehrsstadtrat für eine Verbreiterung starkgemacht. Die Berliner Innenstadt sollte mit einem Netz breitspuriger Straßen versehen werden. (…) In dieser Zeit drohte Berlin im zunehmenden Individualverkehr zu ersticken, zeitweise wurde die Friedrichstraße für Fahrradfahrer gesperrt, weiI sie den Autos und Bussen im Wege waren.”[1]

Abriss des DDR-Bauministeriums 2011
[1] Annett Gröschner, Heimatkunde Berlin, 2010
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Rudolph_Hertzog
siehe auch:
http://www.stadtentwicklung.berlin.de/cgi-bin/hidaweb/getdoc.pl?DOK_TPL=lda_doc.tpl&KEY=obj%2009020050
2013-01-15
