AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

MAX STIRNER zum 200. Geburtstag

Ich bin nur dadurch Ich, dass Ich Mich mache,
d.h. dass nicht ein Anderer Mich macht,
sondern Ich mein eigen Werk sein muss.
EE, 256

Philosoph, Lehrer, Journalist
Geboren am 25.10.1806 in Bayreuth.
Max Stirner hat hier in der Gegend in den letzten Jahren seines Lebens gelebt und gewirkt. siehe Alt-Berlin
Am 25. Juni 1856 starb er und wurde am 28. Juni 1856 auf dem Berliner Sophienfriedhof in einem Armengrab verscharrt.

Die bis heute maßgebliche Biographie Stirners verfasste der Schriftsteller und individualistisch-anarchistische Programmatiker John Henry Mackay in fünfundzwanzigjähriger Arbeit. Er ließ 1892 auch eine Grabplatte setzen.
Ab den 1960er Jahren lag das Grab am Grenzstreifen, wie der Osten sagte, oder im Todesstreifen, nach westdeutschen Sprachgebrauch.
Am 22.03.1994 wurde die Grabstätte zum Berliner Ehrengrab. (Ehrengrabstätten sind Ausdruck der Ehrung Verstorbener, die zu Lebzeiten besondere Leistungen erbracht oder sich um die Stadt besonders verdient gemacht haben, durch das Land Berlin-Mitte V-8-53).

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Die Fotos von der Grabstätte sind von 2003.

Der Einzige und sein Eigenthum.

Hinweisen muß man auf die Wirkungsgeschichte seines Werkes bis heute und sicher auch in Zukunft, vorallem durch das 1844 erschienene Buch: Der Einzige und sein Eigenthum, das seit 1972 durchgehend im Handel befindlich ist in einer Ausgabe des Verlages Philipp Reclam jun. Stuttgart (Universalbibliothek Nr. 3057-62)

2006-10-25

Topographie

Die Stadt ist übervoll: Sie wiederholt sich, damit irgend etwas im Gedächtnis bleibe. Das Gedächtnis ist übervoll: Es wiederholt die Zeichen, damit die Stadt zu existieren beginnt. (Italo Calvino)

Was sind Zeichen, in denen sich uns Geschichte, Bedeutung einer Stadt vermitteln, und durch die sie, indem wir die Zeichen lesen, für uns zu existieren beginnt? Alles kann Zeichen in diesem Sinne sein.

Diese “Topographie” ist notwendig subjektiv. Die Auswahl ihrer Gegenstände und die Bedeutung dieser Gegenstände sind “willkürlich”, wenn das heißt, das die Bedeutung für den Autor letzlich Realität hat qua subjektiver Identifaktion.
Eine “Näherung” an die Wirklichkeit einer Straße, eines Stadtteils, einer Stadt - die nie in
einem Ziel zur Ruhe kommt.(Karl Schwarz)


Nr. 14-15

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Aufnahme 1980 aus: Im Scheunenviertel/Eike Geisel, Berlin 1981

Führer durch das Haus
Vorderhaus links parterre,1. Stock und Hof links 1.Stock:
2. Mädchenwohnheim des Verbandes Berlin des jüdischen Frauenverbundes.
Vorderhaus rechts 1.Stock:
Tagesheim für Säuglinge
Vorderhaus rechts 2.Stock:
Chewra Kadischa Groß-Berlin
Quergebäude Keller, rechts:
Kochschule der Jüdischen Gemeinde
Quergebäude parterre, 1.Stock und 2.Stock rechts; Hof links 1.Stock:
Jüdisches Kinderheim “Ahawah”
Quergebäude 2.Stock links:
Arbeitsstube für Frauen und Mädchen: Nähstube
Quergebäude rechts 2.Stock:
Zahnklinik und orthopädischer Turnsaal der jüdischen Kinderhilfe
Hof links, parterre:
Kinderstube des Wohlfahrtsamtes der Jüdischen Gemeinde
Hof links, 2.Stock:
Jüdisches Mädchenheim “Ahawah”
2.Hof links parterre:
Kindergarten Agudas Jiroel
Nebenhaus Nr.16, Keller:
Kleiderkammer “Peah” der Jüdischen Gemeinde

(aus: Jüdisches Jahrbuch 1928)
In der “DDR-Zeit” befand sich in dem Gebäudekomplex eine Hilfsschule und die Max-Plank-Oberschule .

z.B. Mulackstraße 22

Mulackstrasse 22, 1992

Blick von der Gormannstrasse aus Richtung Osten Blick von der Rückertstr. aus Richtung Westen Mulackstr.22
Mulackstraße gesehen 1990

Hofansichten Mulackstraße 22: Aquarelle von Klaus Jurgeit, gemalt 1990

Hof der Mulackstr. 22

Hof der Mulackstr. 22

Die Bebauung zwischen Gormann-, Mulack- und Steinstraße wird mit ihren schmalen Mietshäusern und der kleinteiligen Hofbebauung noch von der hier fast lückenlos überlieferten, im frühen 18. Jahrhundert entstandenen Parzellierung geprägt. Diese Bauten repräsentieren zugleich besonders anschaulich die Bauweise und Architektur aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den kleinen Gassen der Spandauer Vorstadt. Die dreigeschossigen Vorderhäuser Steinstraße 21 und Mulackstraße 22 wurden 1862 für den Kaufmann Hermann Ferdinand Doerfel erbaut. Sie umschließen mit ihren Seitenflügeln, in denen auch Remise, Pferdestall und Futterboden untergebracht waren, einen granitgepflasterten Hof. Eine Besonderheit im historischen Grundriss ist die variable Aufteilung in zahlreiche Kleinstwohnungen und Kochstuben mit Mittelflurerschließung. Die von sechs Kolossalpilastern gegliederte dreigeschossige Fassade an der Mulackstraße überragt mit dem schiefergedeckten Mansardgeschoss das von Maurermeister Joseph Grund 1882 errichtete dreigeschossige Nachbarhaus Steinstraße 19, welches mit dem Haus Mulackstraße 23 ebenfalls eine Hofgemeinschaft bildet. Typisch für diese Häuser sind die straßenseitigen Kellerzugänge. Kleingewerblich genutzt, dienten sie den potenziellen Kunden als Zugang in die Kellerwerkstätten. (…)
Lit-Kurzt.: Topographie Mitte, 2003
Stelle: 504

Denkmaldatenbank

Klub Wissenschaft im Magnushaus und Institut für Heuristik

Aus einen Gespräch im Institut für Heuristik, 9.10.91

…Das wird dann auch gerade mit diesem Ort verbunden, hier in der Mulackei, im Scheunenviertel, eine dieser disfunktionalen Grauzonen - “vergessene Orte” am “inneren Rand” der Stadt.

Das Heuristik-Institut hat seinen Sitz jetzt in der Mulackstraße - und welches Projekt ist
in diesem Zusammenhang entstanden?

Nun, ein Ansatz ist, nach dem `Gedächtnis einer Straße’ zu fragen. Zu dem gehen wir jetzt auch stärker ein auf Berlin als Ort der Wissenschaft, da wir in der Altstadt sitzen, auch bestimmte Verbindungen eingegangen sind mit anderen Wissenschaftsvereinen und hier ein Wissenschaftshaus begründen wollen - nach Beuth benannt, dem Erfinder der Technischen Universität sozusagen, damals noch als Gewerbeinstitut so zu Beginn des letzten Jahrhunderts, eigentlich aus der Situation der preußischen Niederlage gegen Napoleon, wo verschiedene Reformkräfte versuchten: Was gilt, wenn diese Schlachtengloriole Friedrichs nichts mehr taugt, worin bestehen dann unsere Kräfte und was ist dann erforderlich? Also aus diesem Zusammenhang gesehen. Gut, einerseits Beuth und die Förderung des Gewerbefleißes und sei es durch Industriespionage in England und andererseits die Gebrüder Humboldt mit dem Versuch, eine akademische Freiheit, einen Ort der Freiheit zu organisieren, was allerdings weitgehend schon wieder abgewürgt wurde vom König.

Es gibt also einen konkreten Plan, hier in Berlin ein Haus der Wissenschaften zu gründen.
Wie sieht denn Euer Beitrag als Institut für Heuristik aus, um zu verhindern, daß es vielleicht irgendwann einen ähnlichen Charakter hat wie eine wissenschaftliche Institution
herkömmlicher Art.

Da ist zunächst die Aufeinanderangewiesenheit in unserem Projekt und den anderen Projekten in diesem Wissenschaftshaus; das sieht so aus, daß wir einige Sachgebiete mitbringen, zu anderen gar nichts, die wir genausogut noch bräuchten. Jetzt läuft das noch so, daß dann jeweils einer von uns versucht, mit einem bestimmten Gebiet, wo er noch nicht zu Hause ist, umzugehen, sich dem zu nähern und das auch sichtbar zu machen für die anderen; wir halten es ja auch für sehr wichtig, exemplarisch das Angehen eines fremden Gebietes zeigen zu können. Wir hoffen dann auch unsere Nachbarn fragen zu können zu bestimmten Gebieten, dabei durch Fragen organisierende Kerne zu bilden, Projekte oder Arbeitskreise zu organisieren.

RATTEN

Dezember 1992. Die an Jeremy Wellers “Pest”-Projekt an der Volksbühne beteiligten Obdachlosen beschließen, weiter Theater zu machen. Nunmehr ihr eigenes. Sie suchen sich eine Spielstätte, einen Regisseur und nennen sich die “RATTEN”. Ein Förderverein der “Freunde der Ratten e.V.” gründet sich. die Volksbühne verpflichtet den Regisseur, sichert logistische Hilfe zu und übernimmt die Miete für den Keller in der Mulackstraße 22. der von nun an zu ihrem Unterschlupf wird zum Proben, Spielen. zeitweise auch zum Schlafen.(…) Das folgende Stück heißt “Mulackei - Robinsonaden eines schwarzen Freitags” und erzählt vom Gestrandet-Sein, von den ewigen Reisen der Fremden, Verbannten und Flüchtlinge; mit den Obdachlosen als Robinsons der Gegenwart. Die australische Schauspielerin Anna Scheer, die gemeinsam mit dem Regisseur Roland Brus das “RATTEN”-Projekt leitet, führt zu Beginn den Zug der Besucher, gleich einer Fremdenführerin, begleitet von jiddischen Melodien von Station zu Station durch die Mulackstraße. Die RATTEN tauchen auf: aus Müllcontainern und Baumwipfeln, aus Hinterhöfen und Kneipenfenstern, als eckenstehende Huten und Streichholzmädchen… und Würstchenverkäufer. Bis irgendeine Ordnungsmacht schlagstockschwingend die Straße räumt und die Theater-Touristen in den Keller treibt. So wird das Viertel um die Mulackstraße, in den Zehner und Zwanziger Jahren Zufluchtsort der ostjüdischen Immigranten, aber auch für Ganoven, Zuhälter, Künstler, Anarchisten und Spieler, zum Ausgangspunkt einer Geschichte um Heimat- und Ortlosigkeit heute; und über Theater als Ort flüchtig aufscheinender Identität. entnommen aus:

Über das Arbeiten mit “RATTEN”

In Gedenken an Jürgen - JKD

Nachrufe : Jürgen Klaus Döhler (Geb. 1949) Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 11.07.2008

DIE VERLORENE STRASSE, Marco Wilms 1994
DIE VERLORENE STRASSE, Marco Wilms 1994

Die Spandauer Vorstadt

Berlin ist vielleicht das eindrucksvollste Beispiel des Misslingens einer Selbstgewißheit
und eines Stolzes auf die eigene Geschichte, die sich in solcher Gestalt ausdrückt.
Die Gleichgültigkeit gegenüber der eigenen Geschichte, die jederzeitige Bereitschaft,
ihre Zeugnisse abzuräumen zu Gunsten des letzten Neuen gehört zu den
nachhaltigsten Traditionen Berlins. (Karl Schwarz)

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gesehen im August 2005
Plakataktion der Künstlergruppe genauso.und.anders

Rosenthaler Stra�e - Gipsstra�e

Rosenthaler Straße/Gipsstraße - gesehen 1996
heute die Berlin-Niederlassung eines Softwarekonzens

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Im späten 17. Jahrhundert war die Spandauer Vorstadt ein vor den Berliner Befestigungsanlagen, am Spandauer Tor gelegenes Ackerland.
Begrenzt wird sie heute durch die Torstraße im Norden, Stadtbahn und Spree im Süden,
Karl-Liebknecht-Straße im Osten und Frierichstraße im Westen.
Als Zufluchtort für Verfogte hat die Spandauer Vorstadt ihre eigene Geschichte. So erlaubte Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst, den nach hundertjähriger Vertreibung wieder ins Land geholten Jüdinnen und Juden 1672 vor dem Spandauer Tor einen Friedhof anzulegen - an der heutigen Großen Hamburger Straße.
Die Einwohnerzahl in der Spandauer Vorstadt wuchs rasch; politische und wirtschaftliche
Flüchtlinge - aus der Pfalz, Schweiz und Böhmen, Hugenotten, Hussiten und Juden - bildeten eine facettenreiche Anwohnerschaft.
Im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert kamen mehr und mehr Menschen in das
Viertel. In den 1830er Jahren entstanden einige Gebäude in der Auguststraße, die noch heute stehen.
(Text aus: Entlang der Auguststraße, Von Mäusen und Menschen, Katalog zur 4. berlin bienale 2006, S.89,
Bild aus: Kulturatlas Berlin, Magistratsverwaltung für Kultur, Berlin (Ost), November 1990)
siehe auch: Stadtpläne

Alt-Berlin

Plan von 1740
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(mehr…)

Wendezeit

Zwei Autoren - aus West und Ost - beschreiben das Berliner Scheunenviertel aus ihrer jeweiligen Sicht. Beide Autoren hoffen, daß dieses Wohnviertel, das eine bewegte Vergangenheit hatte, auch eine Zukunft haben wird.

DDR
Das Scheunenviertel
Ein Ost-Berliner Wohngebiet -von zwei Seiten betrachtet
Detlef Dornbach, Berlin (Ost)
Das ursprüngliche Scheunenviertel umfaßte das Gebiet zwischen Grenadierstraße (heute Almstadtstraße) und Kleiner Alexanderstraße bzw. Linienstraße und Hirtengasse (heute Hirtenstraße). Auf Grund einer 1672 erlassenen Feuerordnung, wonach Scheunen und Lagerschuppen vor die Stadttore verlegt werden mußten, entstand das Scheunenfeld mit den vier »Kleinen Scheunengassen«. Im Jahre 1786 sollen dort 27 Scheunen gestanden haben (F.Nicolai). Seit 1906 begann der Abriß der heruntergekommenen Gebäude, und das Gebiet wurde zum Bülowplatz umgestaltet.
1913/14 wurde die »Volksbühne« nach Entwürfen von Oskar Kaufmann erbaut. Der erste Intendant war Max Reinhardt, und Erwin Piscator inszenierte hier. Der erste moderne Theaterbau Berlins wird im 2. Weltkrieg zerstört und 1952-54 in vereinfachter Form (ohne SchmuckElemente), nach Entwürfen von H. Richter, wieder aufgebaut. Die umliegende Bebauung von Hans Poelzig, bekannt geworden durch die Ausgestaltung des Großen Schauspielhauses (des »alten« Friedrichstadtpalastes), entstand 1928-30. Sie konnte nur teilweise verwirklicht werden und ist auch noch durch Kriegsschäden beeinträchtigt. Die Wohnhäuser sind ohne die ehemaligen Ladenanbauten wiederhergestellt worden. Der Bülowplatz heißt heute Rosa-Luxemburg-Platz. Der Begriff »Scheunenviertel« steht für ein Altstadtgebiet, das mehr als das historisch belegte »Scheunenfeld« umfaßt. Es gehört vor allem der Bereich zwischen S-Bahn-Bögen und Linienstraße bzw. W.-Pieck-Straße (früher die Lothringer und Elsässer Straße) mit dem Rosenthaler Platz dazu - als Teil der »Spandauer Vorstadt«. Im Scheunenviertel traf sich die Unterwelt; hier wohnten von jeher Zuhälter und Prostituierte. Besonders bekannt und berüchtigt war die Mulackstraße. Hier befand sich eine von unzähligen Kneipen:
»Sodke’s Restaurant« (Nr. 15), das später auch »Mulack-Ritze« genannt wurd Heute stehen dort keine Gebäude mehr. Die Inneneinrichtung kann man im Gründerzeitmuseum in Berlin-Mahlsdorf besichtigen. Sie wurde von einem engagierten Bürger gerettet, dem es mit Hilfe bekannter Persönlichkeiten gelang, seine Sammlung vor dem Zugriff staatlicher Auf- und Ausverkäufer zu schützen. Belegt ist, daß es dort 1907 zu einer Schießerei kam. Eine andere verrufene Kneipe war die »Münzglocke« an der Ecke Almstadt-/ Münzstraße, und nur wenige Meter entfernt öffnete das erste Kino in Berlin, das »Biograph-Theater«, im Jahre 1899. Franz Biberkopf aus dem Roman »Berlin Alexanderplatz« von Alfred Döblin agiert hier (das Scheunenviertel schließt sich ungefähr nördlich an den Alexanderplatz an), und Heinrich Zille findet in diesem Milieu seine Motive. Die hygienischen Bedingungen sind katastrophal; die Wohndichte ist fünfmal höher als in den anderen Stadtteilen. Aber das Scheunenviertel war nicht nur ein billiges Amüsier- und Ganovenviertel, hier lebten auch die aus Osteuropa eingereisten armen Juden, die auf der Flucht vor Krieg, Revolution und Pogromen auf dem Schlesischen Bahnhof ankamen und hofften, hier ruhiger leben zu können. Nur wenige schafften den Sprung in bessere Wohngebiete. Es entstand ein vielfältiges kulturelles Leben: Moderne Buchhandlungen und zahlreiche Betstuben und -häuser sowie Synagogen gab es, neben koscheren Gaststätten und Läden. Eigene Handwerksbetriebe entstanden, und das jüdische Volksheim übernahm soziale Aufgaben.
Diese Entwicklung setzte vor 1900 ein. Schon in den zwanziger Jahren endet sie, und die ersten Repressalien setzen ein. 1938, nach der »Kristallnacht«, werden die Juden in langen Zügen zu den Sammelplätzen geschafft; der Bülowplatz heißt inzwischen Horst-WesselPlatz. Die erhalten gebliebene Altstadtstruktur weist heute große Schäden auf. »Was der Krieg verschonte, überlebt im Sozialismus nicht«, ist auf einem der alten Häuser zu lesen. Die Instandhaltung, Instandsetzung und Modernisierung wurde seit Jahrzehnten vernachlässigt - eine Tatsache, die ja nicht nur für dieses Gebiet zutrifft und unter dem Stichwort »verfehlte Baupolitik« bekannt wurde. Schon in den 70er Jahren gab es Pläne, das gesamte Viertel abzureißen; nur die Gebäude an der Volksbühne sollten stehen bleiben. Eine Bebauung ohne Berücksichtigung der vorhandenen Substanz begann in den achtziger Jahren. Später wurde dann versucht, eine stärkere Anpassung zu erreichen, so z. B. in der Linien- und der Münzstraße. Wirklich gelungen und sehenswert sind einige Rekonstruktionen alter Gebäude mit herrlichen Gründerzeit- oder Jugendstilfassaden. Ein beginnender Flächenabriß im Umfeld von Mulack-/Steinstraße und das Bauen in Plattenbauweise im großen Stil konnte Ende 1989 verhindert werden. Architekten, Städteplaner und Bürger setzen sich für eine Wiederbelebung und Erneuerung des Scheunenviertels ein, um den unverwechselbaren Charakter dieses Altstadtgebietes zu erhalten. Dies ist nur möglich, wenn die Gebäude erhalten bleiben, die keine irreparablen Schäden aufweisen und ein behutsamer, den vorhandenen Bauweisen und gewachsenen Strukturen angepaßter Neubau erfolgt. Dabei muß besondere Beachtung finden, daß sich wiedei ein vielfältiges urbanes Leben durch Kneipen, Cafes, Läden, Galerien, kulturelle Einrichtungen, kleine Handwerksbetriebe usw. entwickelt. 1981 schrieb Eike Geisel über das Scheunenviertel: »Es hat eine Geschichte gegeben, es gibt keine Geschichte mehr.« Viele hoffen und arbeiten daran, daß es wieder eine Geschichte geben wird. D. C

DDR
Das Berliner »Scheunenviertel«
Paul F Duwe, Berlin (West)
Bei genauerem Hinsehen ist auf der rötlichen Fassadenfarbe noch die Vorkriegsinschrift zu lesen: »Vegetarisches Speisehaus 1. Stock«. An mehreren Stellen des Eckgebäudes befinden sich bis zum heutigen Tag die Spuren von Granateinschlägen. In den oberen Stockwerken stehen die Wohnungen leer; die Fensterscheiben sind zerschlagen. Ein wahrlich trostloser Anblick am heruntergekommenen Hackeschen Markt, einst eine der besseren Adressen in Berlin Mitte, vielleicht fünf Minuten vom Alexanderplatz entfernt.
Ein Gerüst steht schon, aber es reicht nur bis zur 1. Etage. Im Parterre-Geschoß residieren ein Möbelgeschäft und die Berolina-Apotheke. »Der Verkauf geht weiter« verkündet trotzig ein Schild am Gerüstgestänge. Die Apotheke hat schon bessere Tage erlebt. Seit 258 Jahren werden dort Pillen und Tinkturen an die Berliner verabreicht. In der alten Reichshauptstadt gehörte der Betrieb zur ersten Garnitur im pharmazeutischen Handel. Prachtvolle Holzarbeiten verzieren den Verkaufssaal, der von einem Deckengemälde gekrönt wird. Heute liegt der Mief von qualmenden Zweitaktmotoren über dem Hackeschen Markt. Die alte Spandauer Vorstadt hinterläßt einen völlig vernachlässigten Eindruck. Lediglich der S-Bahnhof Marx-Engels-Platz bildet so etwas wie eine Begrenzung; Straßenbahnschienen verlaufen unübersichtlich kreuz und quer. Auf einer kleinen Grünanlage breitet sich Morast aus, ringsumher ein noch vom Kriege gezeichnetes stadträumliches Chaos, im benachbarten Scheunenviertel das gleiche Bild.
Einige Anwohner staunten nicht schlecht, als sich seit Dezember nächtens merkwürdige Dinge am Hackeschen Markt abspielten. Da wurden Häuser fotografiert und Straßenkanten vermessen. Bei den Akteuren handelte es sich zweifelsfrei um »Westler«, wie Reinhard Miottke von der Bürgerinitiative »Spandauer Vorstadt« berichtet. Das nächtliche Treiben beunruhigte viele Bewohner. Schnell entstand eine Initiativgruppe mit inzwischen mehr als 100 Mitgliedern. Nach und nach lichtete sich das Geheimnis um das Haus mit der Apotheke. Dann war es heraus: Eine West-Berliner Architektengruppe will an der interessanten Ecke hoch hinaus. Mehrere Entwürfe für ein »Kontorhaus« liegen bereits vor. Eine »Dominante« soll bis zu zwölf Stockwerken hoch reichen. Schon wird der größte Berliner Baukonzern mit diesem ersten West-Ost-Projekt in Verbindung gebracht. Entsprechende Informationen blieben undementiert.
Viele Ost-Berliner sind angesichts der rasanten Entwicklung verunsichert. »Kein Manhattan am Hackeschen Markt!«, fordert die Bürgerinitiative nun auf Plakaten. In Anlehnung an westliche Aktivitäten heißt es in einem Flugblatt: »Bürger rettet Euern Kiez«. Unterstützung erhalten die jungen Leute von westlichen Gesinnungsgenossen. Wulf Eichstädt, lange Zeit als Stadtplaner im Krisenbezirk Berlin-Kreuzberg tätig, warnte seine neuen Freunde gleich, das betreffende Unternehmen stehe »seit 15 Jahren im Kleinkrieg mit Bürgerinitiativen«. Schon wird in Ost-Berlin die Vermutung ausgesprochen, daß an dem einstigen Bahnhof Börse wieder der Finanzmaklertreff Berlins entstehen könnte. Etwas weiter, inmitten der jämmerlichen Reste des einstigen Scheunenviertels, wird indessen bereits eine andere Form der Zusammenarbeit praktiziert. An einem Wochenende rückten jüngst ehemalige Kreuzberger Hausbesetzer mit einer Kolonne von Baufahrzeugen, Materialien und Maschinen an, um die dringendsten Reparaturen an den verbliebenen Häusern auszuführen. Da wurden Treppengeländer befestigt, Wände abgestützt und feuchte Decken entfernt. Mit dem Mute der Verzweiflung wehrten sich die Baukolonnen gegen den drohenden Verlust eines Stücks Berlin, das einen ganz besonderen Anteil an der Geschichtsschreibung der Großstadt hat: Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurden dort aus Sicherheitsgründen die Scheunen außerhalb der Stadtmauern errichtet, daher der Name. In den zwanziger Jahren war das Quartier zum berüchtigten Elendsviertel abgesackt, zum »Schrottplatz der vorgeblich goldenen Zwanziger« geworden geworden, wie der Buchautor Eike Geisel formulierte. Zahlreiche Legenden der Berliner Halbund Unterwelt ranken sich um das Scheunenviertel am Alexanderplatz. Für viele aus Rußland und Polen geflohene Juden sollte es Zwischenstation auf dem Weg ins gelobte Amerika werden; stattdessen entwickelte es sich zum Emigranten-Ghetto. Juden und Luden, Schächter und Schufte, Heilige und Huren wohnten in den Gassen Tür an Tür. 1919 kämpften die Spartakisten um jedes Haus.
Ausgerechnet in der Mulackstraße, der laut Chronik damals verrufensten Zeile im Quartier, begann die ost-westliche Bürgerhilfe. Ein bereits zur Sprengung vorgesehenes Haus wurde noch einmal winterfest gemacht. In dieser Straße ist die Lage besonders erbärmlich. Eigentlich bestimmen überall Müllberge das Bild. Nur wenige Häuser überdauerten den 40 Jahre währenden »Aufbau des Sozialismus«. Jetzt beginnt alles bei der Stunde Null. Auf einem Transparent steht »Auferstanden aus Ruinen«, so wie es in der DDR-Nationalhymne heißt. Tatsächlich hätte dieser Text nur zu gut zur Realität gepaßt.
Bezeichnend, was die SED mit dem alten Scheunenviertel vor hatte: vollständiger Abriß und Neubauten in der berüchtigten Plattenbauweise. Vielleicht war es noch ein Glück, daß die permanente Misere der Planwirtschaft die Realisierung verhinderte. Nun sollen in Selbsthilfe die letzten Häuser des Scheunenviertels vor dem Verfall gerettet werden. Praktische Hilfe organisierte der West-Berliner Verein »Werkstadt«, in dem sich die Veteranen der Hausbesetzerbewegung vor etwa zehn Jahren wiedertrafen. Auf einem Spendenkonto sind bereits mehr als 13000 DM eingegangen. Nach den ersten Aktionen im Scheunenviertel - zuvor trat man schon im Postdamer »Holländerviertel« in Aktion, steht bereits ein Einsatz in Halberstadt auf dem Programm. In Sachen Mulackstraße hat die Initialzündung der Kreuzberger Selbsthelfer schon etwas bewegt. West-Berlins Bausenator stellte ein 25-Millionen-MarkProgramm für die Instandsetzung der maroden Altbausubstanz im Osten auf. Die Bürgerinitiativen sollen bei der Vergabe der Mittel mitreden können. Allerdings ist die DDR in diesem Prozedere noch ein reines Entwicklungsland. In Potsdam wunderten sich Beobachter über das hohe Arbeitstempo und den qualifizierten Umgang mit Werkzeug und Material. Im Scheunenviertel gerieten einige Anwohner sogar in Rage. Sie hielten die aus Kreuzberg angerollten Baufahrzeuge für Abrißkolonnen. P.F.D.

Literatur
Eike Geisel: Im Scheunenviertel, Bilder, Texte, Dokumente. Berlin (West), 1981
Eike Geisel: Wegweiser durch das jüdische Berlin Berlin (West), 1987
Franz Hessel: Spazieren in Berlin, Beobachtunger im Jahr 1926. Berlin, 1979
Friedrich Nicolai: Beschreibung der königlichen Residenzstadt Berlin. Leipzig, 1987
Friedrich Nicolai: Wegweiser für Fremde und Einheimische durch die königliche
Residenzstadt Berlin. Berlin, 1816
Paul Thiel: Lokaltermin in Alt-Berlin. Berlin (West), 1981

aus: Fachzeitschrift für Architekten und Bauingenieure, Juni 1990, ISSN 0721-1902

DenkmalBeschluß…Termin: für Eröffnung Informationsbüro August 1989

Die städtebauliche Leitplanung für das Umgestaltungsgebiet Mulack-/Steinstraße im Stadtbezirk Berlin-Mitte / Aufgabenstellung für den 1.Bauabschnitt’ (Bestandteil der Magistratsvorlage 325/89) gilt für den Beschluß…
Zu diesem Zeitpunkt existierte das laut Beschluß zu eröffnende Info-Büro bereits im sechsten Jahr. Hier wurde notfalls um dieser Tage auch schon mal unsicher spekuliert, wie man 1990 bei der großen Abrechnung auf dem Parteitag die verbliebenen Außentoiletten in der Mulackstraße erklärt würde. Daß diese dann nicht verschwunden sein würden; das war absehbar. Und bisher nicht bekannt war, daß bereits am 1.Juli 1989 ein weitreichender Beschluß feststand, der einschneidende Abriß- und Neubaupläne enthielt. Zum Ende Juli machten der Rat des Stadtbezirkes und das Büro für Städtebau beim Magistrat erste Andeutungen, erteilten den Auftrag, einen äußerst bescheidenen Teil der Informationen auf Tafeln zu veröffentlichen. Nach einigen und sehr intensiven Gesprächen entschloß man sich dann für die fast ganze Wahrheit. Immerhin wurde schon seit sechs Jahren im Info-Zentrum nach allen Modernisierungs- und Neubauvorhaben gefragt. Ein zugkräftiges Argument also. So wurde noch vor dem 40. Jahrestag der DDR die gesamte Planung im oben protokollierten Informationszentrum aufgehängt und am 3.Oktober 89 den Einwohnern öffentlich zugänglich gemacht. Eine informelle Einschränkung gab es allerdings: Die rechnerische Gegenüberstellung der Vernichtung von historischer Bausubstanz zum Neubaugewinn mußte schon selbst angestellt werden. Überhaupt fehlten jede Menge konkreter Zahlen. Die standen im Magistratsbeschluß. Und der war Dienstsache, also nicht für jedermann. Darin stand, daß man beabsichtige, auf 12 ha Gesamtfläche für ca. 2500 Einwohner 1053 Neubauwohnungen in aufzugsloser 5-7geschossiger Plattenbauweise vom Geraer Baukombinat erbauen zu lassen, etwa 210 Wohnungen, die das örtliche Bauwesen zeitgleich instand setzt. Dafür sollte nicht erhaltungswürdige städtebaulich unhygienische Substanz mit 566 von insgesamt 910 Wohnungen abgebrochen werden, 344 Wohnungen erhalten bleiben, die allerdings wiederum nach der Modernisierung auf 240 Wohnunge würden; alles für 123 Millionen Mark, flächen und etwas Gewerbe, alles 1991. So lautete der Beschluß, nicht kündet und beschlossen.
Alles verstanden?! Nachdenklich hätte schon machen müssen, daß ein Jahr zuvor das Wohnhaus an der Ecke Schönhauser-/Steinstraße gesprengt wurde. Tat es aber nicht. Klammheimlich war auch die Mulackstraße 37 zwischenzeitlich leergezogen worden. Dessen Sprengung war bereits beschlossen Sache, daß Haus präpariert, die Dielung herausgebrochen.Sprenglöcher gebohrt.

Der 3.Oktober 1989 kam.

Der Zuspruch für die Ausstellung war sofort groß. Ganz besonders sauste ein aufgebrachter junger Mann aus der Mulackstraße von Tafel zu Tafel - „Motte; Reinhard Miottke. Dieser drohte jede Art von Widerstand an und gründete flugs eine Bürgerinitiative, stehenden Fußes und sofort. Volker, Uschka, Jan, Britta, Frank, Martin, Karin, Klaus, Johannes und und und traten bei. Die Bürgerinitiative „Spandauer Vorstadt” war geboren und tagte fortan inmitten der umstrittenen Tafeln. Anfang November kamen schnell die ersten Hilfstruppen aus Kreuzberg, noch viel mehr Fernseh-, Rundfunk- und Zeitungsteams und auch die Vorboten Westberliner Städtischer Wohnungsbau- gesellschaften, alle wollten rat- und tatvoll unterstützen. Jeder Besucher durfte gemäß noch nicht rechtskräftigem Statut, aber nach ordentlichem Beschluß, an den Beratungen teilhaben. Dagegen haltend versuchte die Kreisplankommission noch einmal im November auf einer Einwohnerversammlung mit einschwörenden Blicken, Wohnungsangeboten und Händeringen zu retten, was nicht mehr zu retten war. Und gab dann auf.
Längst waren die Sprenglöcher in der Mulackstraße kein Thema mehr. Dieses und andere Häuser in der Umgebung wurden in einer Winterfestmachungsaktion mit bescheidenen Mitteln gesichert - eine Senatssoforthilfe. Andere Häuser bekamen nur Inschriften: „Hier wird instand bewohnt” und ähnlich lautend. Am Eckhaus Linien-/Kleine Rosenthaler Straße zeigten sich dann allerdings erste und ernstzunehmende Widersprüche. Bei weitem war nicht allen Außentoilettenbewohnern die Geduld abzuverlangen, statt des Bezuges einer Neubauwohnung nun mit intellektuell gesicherter historischer Altbausubstanz weiter vorlieb nehmen zu sollen. Dazu war diese Toilette im Winter zu kalt.
Auf die zeitgemäße Inschrift „Kein Abriß unter dieser Nummer mehr” folgte Stunden später die Antwort (…)
Kurze Zeit später war das Haus gegenüber „Tante Olga’; die Linienstraße 206, besetzt und ist es heute noch. Die Bürgerinitiative bezog später ein eigenes Domizil in der Mulackstraße, einige Mitglieder zogen ins Bezirksparlament und vor allem in leerstehende Häuser. Sie gründeten Genossenschaften, bauten mit Fördermitteln aus dem Denkmalprogramm und gingen ihrer Arbeit nach. Das Info-Zentrum ist längst verschwunden.

Die Inschrift an der Mulackstraße 37 “Was der Krieg verschonte, überlebt im Sozialismus nicht!” hat auch nicht überlebt. Das Haus ist optisch eingereiht. Die meisten ursprünglichen Bewohner der Mulackstraße und Umgebung sind umgezogen, beispielsweise in Plattenbauten am Rande der Stadt. Die alte Mulackstraße ist mit ihnen verzogen, Zielort unbekannt. Wer Wehmut nach einst empfindet, sollte sich den stillen und sehr gut fotografierten Dokumentarfilm „Spuren und Anfänge, Die Mulackstraße” von Jürgen Ast aus dem Jahre 1991 ansehen. Jürgen wohnt hier gern.

Text aus: Klaus Bädicker, Vorstadtsalat, 2001

Fotos von Klaus Bädicker

siehe auch: Mulackei und Mulackstraße 22

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