AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

Kaum ein anderer Platz in Berlin spiegelt in seinem Wandel die gesellschaftliche Entwicklung so wider wie der Alexanderplatz.
Erst im sozialistischen Berlin konnte mit dem 1966 begonnenen Neuaufbau auch eine neue Platzkonzeption verwirklicht werden. Städtebaulich ausgewogen, großzügig und modern repräsentiert sich heute der Alexanderplatz als das Zentrum des sozialistischen Berlin.

Galerie Berinson: Alexanderplatz

Heinz Lieber (1919-1989)
Der Alexanderplatz um 1970
Photographische Panoramen Teil 2
Galerie Berinson
Auguststraße 22

bis 16. Februar 2008
Dienstag – Samstag 12 – 18 Uhr

2007-12-29

Bereits im Mittelalter hatte sich im Nordosten Berlins, wo die Landstraßen aus Landsberg, Bernau und Prenzlau in die Stadt einmündeten, ein Platz ausgeprägt. Aus der Zeit um 1272 stammt die Kunde, daß dort ein dem heiligen Georg gewidmetes Hospital für Aussätzige angelegt worden war. So erhielt dann auch das an dieser Stelle errichtete Stadttor den Namen Georgentor, und die außerhalb gelegenen Ländereien wurden Georgenvorstadt genannt. Weil innerhalb der Residenz der Viehhandel verboten war, fand er auf dem Platz vor dem Georgentor statt, der deshalb bald den Namen Ochsenplatz trug.
Als 1701 der erste preußische König an dieser Stelle in Berlin einzog, wurde das Tor zum Königstor und das Gebiet Königsvorstadt genannt. Später entstanden hier mehrere Manufakturen (Kernstück war die 1740 gegründete Tuchmanufaktur des Fabrikanten Hesse). 1758 ließ der König am Ochsenplatz das erste amtliche Gebäude errichten - ein Arbeitshaus zur Unterbringung „arbeitsscheuer Personen”, das man Ochsenkopf nannte. Bald gab es in der Umgebung auch Kasernen und der Platz wurde zum Exerzier-und Paradegelände. 1805 wurde er sogar hoffähig. Der russische Zar Alexander I. besuchte Berlin und ihm zu Ehren wurde durch „Allerhöchste Cabinettsordre” dem Ochsenmarkt der Name Alexanderplatz verliehen. Ende des 19. Jahrhunderts begannen erste größere und planmäßige Umgestaltungen des Platzes. Die Stadtbahn wurde 1882 gebaut; der Alex, auf dem auch Linien der Pferdebahn und ab 1896 der elektrischen Straßenbahn einmündeten, erhielt einen Bahnhof und wurde zu einem der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte, der 1913 durch die neue U-Bahn noch an Bedeutung gewann. Dabei war der Platz stets ein Bereich der Arbeiter, die ringsum in dichtbesiedelten Vierteln lebten. Wohl gerade deswegen war er um die Jahrhundertwende der am stärksten vom städtischen Leben durchpulste Ort der Stadt. Dem Beschauer bot sich ein scheinbar unentwirrbarer Knoten des Verkehrs, der sich durch enge Straßen drängte, ein quirlender, brodelnder Kessel voller hastender Menschen. Am Ende der zwanziger Jahre waren städtebauliche Lösungen unumgänglich geworden. Unter Leitung des Berliner Stadtbaurates Martin Wagner begann 1927 die Umgestaltung des Platzes. Die Verkehrswege wurden neu geordnet, geplant waren auch zeitgemäße architektonische Lösungen für die Bebauung des Platzes.
Wilde Bodenspekulationen verhinderten jedoch ab 1931 die Verwirklichung der umfassenden Pläne. Der zweite Weltkrieg zerstörte den Platz fast vollständig. Erst im sozialistischen Berlin konnte mit dem 1966 begonnenen Neuaufbau auch eine neue Platzkonzeption verwirklicht werden. Städtebaulich ausgewogen, großzügig und modern repräsentiert sich heute der Alexanderplatz als das Zentrum des sozialistischen Berlin.
Ausgangspunkt der Route durch dieses Zentrum ist der -> S-Bahnhof Alexanderplatz. Er war in den Jahren 1880 bis 1882 aus gelbroten Klinkern als Bahnhof auf der neuen Stadtbahnlinie errichtet worden. An sein früheres Aussehen jedoch erinnert heute kaum noch etwas, denn im Zusammenhang mit der Neugestaltung des Alexanderplatzes ist das im Kriege beschädigte Bahnhofsgebäude in mehrjähriger Bauzeit ohne Unterbrechung des Bahnbetriebes im Inneren und Äußeren völlig modernisiert worden. Die Rekonstruktion des Bahnhofs reichte bis in die unterirdischen Bereiche der U-Bahn-Etagen (im untersten Geschoß verkehrt die Linie zum Berliner Tierpark in Friedrichsfelde, darüber kreuzt die Linie Pankow-Otto-Grotewohl-Straße).
Nur wenige Schritte sind es vom Bahnhof zum -> Brunnen der Völkerfreundschaft im Zentrum einer sich über den ganzen Platz ziehenden, ins Pflaster geprägten Spirale. Der Brunnen mit seinem ebenfalls spiralförmig geführten Brunnenring aus farbiger Emaille und Kupfer entstand im Jahre 1969 nach Entwürfen von Professor Walter Womacka.

Der Alexanderplatz in seiner neuen Gestaltung ist ganz als Fußgängerbereich angelegt. Es ist heute kaum vorstellbar, daß hier noch zu Beginn der Neugestaltung stündlich 136 Straßenbahnen den Platz passierten, hinzu kamen rund 3600 Kraftfahrzeuge aller Art und etwa 60 Doppelstockomnibusse.
In Richtung Karl-Liebknecht-Straße wird die weite Fußgängerzone vom Centrum-Warenhaus und vom Interhotel Stadt Berlin begrenzt. Das Warenhaus entstand 1970 nach Entwürfen der Kollektive Josef Kaiser und Günter Kunert, es ist mit 15000 Quadratmeter Verkaufsfläche eines der größten Kaufhäuser des Landes. Etwa 80000 Kunden werden dort täglich bedient. In seinem 4. Obergeschoß befindet sich ein Restaurant mit 325 Plätzen. Das Hotel Stadt Berlin, errichtet 1970 unter Leitung der Architekten Roland Korn, Heinz Scharlipp und Hans Bogatzky, verfügt über 2000 Betten in seinem 37stöckigen Hochhaus und über mehrere gastronomische Einrichtungen im Flachbau. Dort gibt es auch die sehenswerte Zillestube, ein Altberliner Bierlokal, ausgestattet mit Mobiliar, das z.T. aus der Zeit um 1900 stammt.
Das nächste „Alexziel” ist die -> Weltzeituhr. Verabredet man sich am Alex, so ist die Weltzeituhr meist der Treffpunkt. Die interessante, 10 Meter hohe Stahlkonstruktion, ausgestattet mit künstlerischen Elementen aus geätztem Aluminium und farbiger Emaille, ist 1970 ihrer Bestimmung übergeben worden. Geschaffen von Erich John, einem Mitarbeiter im Künstlerkollektiv um Professor Womacka, greift sie Traditionen der UraniaSäulen auf, die um 1900 in Berlins Straßen aufgestellt wurden. Die Weltzeituhr darf man getrost als ein Wahrzeichen des Alexanderplatzes betrachten. Sie bietet den Wartenden nicht nur die genaue Berliner Zeit, sie gibt auch zugleich die Ortszeiten bekannter Städte auf allen Kontinenten an.
Etwa an gleicher Stelle hatte früher das Standbild der Berolina seinen Platz, eine von Emil Hundrieser geschaffene Figur, die sich bei den Berlinern größter Beliebtheit erfreute. Als 1927/30 der Alexanderplatz umgebaut wurde, landete die Berolina auf dem Schrottplatz, wurde jedoch später wieder - an dieser Stelle -auf dem Alex aufgestellt. 1944 haben die Nazis dieses zum populären Wahrzeichen gewordene kupferne Standbild als Material für die Rüstung eingeschmolzen.
Der Weg führt nun zwischen dem Alexanderhaus und dem Berolinahaus hindurch. Beide Gebäude sind vom Architekten Peter Behrens im Rahmen eines 1928 ausgeschriebenen Wettbewerbs für die Gestaltung des Alexanderplatzes entworfen worden. Die für jene Jahre typischen Gebäude im Stil der Neuen Sachlichkeit sind als einzige von denen des früheren Alexanderplatzes erhalten geblieben. Im Kriege ausgebrannt, doch in ihrer Konstruktion erhalten, sind sie schnell wieder ausgebaut worden. 1951 ist im Alexanderhaus ein Warenhaus eröffnet worden, und noch heute enthält das Gebäude die Möbelabteilung des Centrum-Warenhauses, außerdem eine Sparkasse, eine Buchhandlung und verschiedene Spezialgaststätten. Das Berolinahaus gegenüber beherbergt neben Cafe, Bierstube und Dienstleistungseinrichtungen auch den Rat des Stadtbezirkes Mitte.

Text: Durch Berlin zu Fuß, VEB-Tourist Verlag, Berlin/Leipzig, 1984
siehe auch: Die Grosstädte und das Geistesleben

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