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Die psychologische Grundlage, auf der der Typus
großstädtischer Individualitäten sich erhebt,
ist die Steigerung des Nervenlebens, die aus dem
raschen und ununterbrochenen Wechsel äußerer
und innerer Eindrücke hervorgeht.
Georg Simmel (1903)
Die Gesetze, die in Börse und Bank wie in den technischen Apparaturen des Verkehrs und der Kommunikation herrschen, wandern als rhythmisierende Elemente in die Lebenswelt der Individuen ein und gehen ihnen in Fleisch und Blut über. (Lothar Müller)
2007-05-05
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Neben den technischen Imperativen des modernen Verkehrs treten die ökonomisch fundierten Imperative der entfalteten kapitalistischen Geldwirtschaft als zweite Triebkraft der Revolutionierung des Zeitbegriffs in Erscheinung. In den Großstädten sind beide Elemente konzentriert. Sowohl der Verkehr wie das Geld haben hier zahlreiche Ausgangs- und Zielpunkte ihrer Bewegung. In seiner »Philosophie des Geldes» (1900), von der ein begeisterter Rezensent sagte, in ihr werde »die Seele des modernen Berlin auf einen universalen Horizont projiciert«, hat der Philosoph und Soziologe Georg Simmel (1858-1918) diese andere Seite der sich durchsetzenden Tendenz zur Feinstrukturierung der Zeit untersucht und die Entstehung der modernen Pünktlichkeit aus dem Geist der ökonomischen Berechenbarkeit erläutert. Methodisch avancierter als Lamprecht und ohne wie dieser die Existenz einer »Kollektiv-Seele« zu unterstellen, analysiert Simmel die Funktion des Geldes für die Herausbildung moderner Vergesellschaftungsformen und zeigt, wie kraft seiner Allgegenwart und Universalität das Geld als Element von Abstraktion und Rationalität zunehmend die Kultur durchtränkt und auf den Lebensstil der Individuen abfärbt. Die Großstädte als Orte der Potenzierung der Zirkulation und traditionslösenden Kraft des Geldes wirken dabei als Multiplikatoren der vom Geldverkehr beförderten Berechenbarkeit. Die technische Pünktlichkeit auf die Sekunde hat innerhalb der ökonomischen Sphäre in der Berechenbarkeit bis auf den letzten Pfennig ihr Pendant.
“Durch das rechnerische Wesen des Geldes ist in das Verhältnis der Lebenselemente eine Präzision, eine Sicherheit in der Bestimmung von Gleichheiten und Ungleichheiten, eine Unzweideutigkeit in Verabredungen und Abmachungen gekommen - wie via auf äußerlichem Gebiet durch die allgemeine Verbreitung der Taschenuhren bewirkt wird. Die Bestimmung der abstrakten Zeit durch die Uhren wie die des abstrakten Wertes durch das Geld geben ein Schema feinster und sicherster Einteilungen und Messungen, das, die Inhalte des Lebens in sich aufnehmend, diesen wenigstens für die praktisch-äußerliche Behandlung eine sonst unerreichbare Durchsichtigkeit und Berechenbarkeit verleiht.”
Den konzentrisch sich ausbreitenden Effekten der Quantifizierung, genauen Messung, Abmessung und Abstimmung entspricht die Ausprägung ihnen entsprechender Verhaltensdispositionen bei den Menschen. Die Gesetze, die in Börse und Bank wie in den technischen Apparaturen des Verkehrs und der Kommunikation herrschen, wandern als rhythmisierende Elemente in die Lebenswelt der Individuen ein und gehen ihnen in Fleisch und Blut über. Der Fahrplan eines großen Bahnhofs bringt nicht nur das Pünktlichkeitsideal der aus- und einfahrenden Züge objektivierend zur Darstellung, er ist zugleich als Gesetzgeber des individuellen Lebens und als Lehrer des Umgangs mit der exakten Zeit Produzent eines veränderten subjektiven Zeitsinns.
Während in den Laboratorien der zeitgenössischen experimentellen Psychologie und Physiologie immer präzisere Chronometer in Dienst genommen werden, um in Reiz-Reaktionstests noch die Bruchteile von Sekunden erfassen zu können, vollzieht sich im Spektrum alltäglicher Zeiterfahrung ein ähnlicher Prozeß der Konzentration auf die kleinsten Maßeinheiten. Der flüchtige Augenblick und der entscheidende Moment, die Taschenuhr mit Sekundenzeiger und der exakte Zeitpunkt machen Karriere. Den Fahrplänen und zeitlichen Strukturgittern der Modernisierung des Alltags- und Berufslebens entspricht die psychologische Aufwertung der Situation des Zuspätkommens. Die spezifisch moderne Eile hat oft die Vermeidung des Verpassens einer Situation, eines Termins oder eines Anschlusses zum Ziel. Ihr psychologischer Kern ist der Wettlauf mit dem Sekundenzeiger.
Zur Überlegenheit des erfahrenen Großstädters gehört die gelungene Synchronisierung von individueller Bewegung und objektivem Zeitplan, von innerer und äußerer Uhr. Die Kunst der Berechnung des Zeitbedarfs etwa für den Weg zum Bahnhof läßt ihn den Zug >im letzten Moment< erreichen, während sich der Provinzler in der Regel viel zu früh am Bahnsteig einfindet. In einem Traum Georg Simmels, der von sich selbst sagte, seine eigene intellektuelle Entwicklung sei in entscheidenden Jahren mit derjenigen Berlins zur Weltstadt der Jahrhundertwende zusammengefallen, sind die Erfahrungen des modernen Umgangs mit der Zeit verdichtet, noch ehe sich die Literatur und vor allem der Film der Pünktlichkeit und des Zuspätkommens annahmen:
"Ich habe geträumt, die synthetische Zeit sei erfunden worden. Zunächst konnte man sie nur minutenweise produzieren, grade wie man ja künstliche Diamanten auch nur in ganz kleinen Kriställchen darstellen kann. Wenn man nun z. B. zur Untergrundbahn kommt, und der Zug will gerade abfahren, dann zieht man sein Zeitzeug heraus und reißt ein Zeitholz an. Man gewinnt eine Minute und kann den Zug noch erreichen." aus: Lothar Müller, Modernität, Nervosität und Sachlichkeit - Das Berlin der Jahrhundertwende als Hauptstadt der >neuen Zeit<.
Katalog zur Ausstellung Mythos Berlin, 1987
Georg Simmel
Die Grosstädte und das Geistesleben
aus: Die Grossstadt. Vorträge und Aufsätze zur Städteausstellung. (Jahrbuch der Gehe-Stiftung Dresden, hrsg. von Th. Petermann, Band 9, 1903, S. 185-206) (Dresden)
Georg Simmel
Zur Psychologie des Geldes

am 6. Mai. 2007
Sehr interessant. Zeitdoktrin und Zeitwahrnehmung sind auch solche Themen, die mich immer wieder beschäftigen. Naja, und Geldwirkung sowieso…
Wahnsinn, wie stark sich Menschen an abstrakte Regelungen anpassen können. Ich glaube, wenn plötzlich die Uhren mal stehen bleiben würden, würde ganz Berlin zum Chaos-Ort mutieren. Und ich glaube, die Menschen bekämen dann sogar Angst vor der fehlenden Uhrzeit.