AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

Kaum ein Bewohner unserer Stadt wird es jemals unternommen haben, die sich unter Straßen und Häuserzeilen verbergende Urlandschaft zu suchen. Wer achtet schon darauf, daß sich die Straßenzüge vom Tempelhofer Flugplatz in Richtung auf das Hallesche Tor oder von der Wannseebahn in Schöneberg zur Hauptstraße hin merklich senken; und wieviel geringer noch ist die Zahl derjenigen, welche die Ursache dieser Erscheinung kennen. Es markiert sich an solchen Stellen der Übergang von der Hochfläche des im Süden Berlins gelegenen Teltow zu dem heute von der Spree durchflossenen breiten Warschau-Berliner Urstromtal. Wer weiß, daß die sich aneinanderreihenden Grunewaldseen oder das dem Naturfreund so vertraute Tegeler Fließ ein Stück Urlandschaft darstellen; ihre Entstehung verdankt sie dem gewaltigen Naturereignis, welches wir gewohnt sind, als Eiszeit zu bezeichnen.

2007-10-21

Berlin-Karte

Richtiger würde man allerdings von Eiszeiten sprechen, denn insgesamt wohl sechsmal schoben sich, wie wir heute wissen, gewaltige Gletscher über weite Teile Europas und vernichteten an ihren Lagerstätten jegliches Leben. Wir benennen die einzelnen Eiszeiten nach Flüssen des Voralpengebietes Donau-, Alt-Günz-, Günz-, Mindel-, Rißund Würmvereisung. Diese Kaltphasen haben im Norden Europas teilweise ihre Entsprechungen in der Brüggen-, Eburon-, Elster-, Saale- und Weichselvereisung, von denen die drei letzten Kaltphasen zusammengenommen im Berliner Raum zwischen 75 und 100 m Erdreich auftrugen. Sichtbare Zeugen der letzten Eiszeit sind die allenthalben in Parkanlagen anzutreffenden Findlingsblöcke, die von den Gletschern mitgeführt und bei ihrem Abschmelzen zurückgelassen wurden.
Die erste Vereisung setzte weit vor 600 000 Jahren ein. Ein genauer Zeitpunkt läßt sich noch nicht bestimmen. Bis zum Beginn der ersten Kältewelle war der norddeutsche Raum mit immergrünen subtropischen Wäldern bedeckt, deren Vernichtung durch die vordringenden Gletscher zur Bildung der noch heute im Tagebau gewonnenen Braunkohle führte. Auf jede Eiszeit (Glazial) folgte eine sogenannte Zwischeneiszeit (Interglazial); letztere wird auch als Warmzeit bezeichnet. Starker Pflanzenwuchs und reich vertretene Tierwelt zeichnen diese Perioden in allen Teilen Europas aus. Erste Belege weisen darauf hin, daß auch der Mensch zu dieser Zeit unsere norddeutsche Landschaft bevölkerte.

Wer waren die Urberliner?

Noch nicht zu beantworten ist vorläufig die Frage nach dem Aussehen der ersten durch ihre Hinterlassenschaft auf Berliner Boden nachweisbaren Menschen. Waren es Angehörige der in der letzten Eiszeit zugrunde gehenden Gruppe der Neandertaler oder aber Vorläufer des Homo sapiens, eines Menschentyps, den wir als unseren direkten Vorfahren anzusehen haben. Unter dem Fundmaterial von Salzgitter-Lebenstedt fand sich während der auswertenden Arbeiten, lange nach Beendigung der Grabung selber, ein Schädelbruchstück, dessen Zuweisung in die Gruppe des Prä-sapiens (Vorstufe des Homo sapiens) wahrscheinlich ist. Bei der Verwandtschaft der Knochengeräte von SalzgitterLebenstedt und Berlin-Spandau wäre es nicht ausgeschlossen, daß auch die Urberliner dieser Gruppe angehörten. Endgültiges zu der hier angeschnittenen Frage wird sich jedoch erst sagen lassen, wenn der erste, in diesen Zeitabschnitt gehörende menschliche Schädel in Berlin selber gefunden ist.
Es dürfte schwierig, wenn nicht unmöglich sein, in Berlin einen Wohnplatz der eiszeitlichen Jäger nachzuweisen. Die starken, durch die letzte Eiszeit aufgetragenen Erdschichten von meist 10 bis 13 m Höhe bedecken solche Siedlungen und machen eine Ausgrabung fast undurchführbar.

Text und Karte entnommen aus: Adriaan von Müller, Berlins Urgeschichte, 55 000 Jahre Mensch und Kultur im Berliner Raum, Berlin 1977

siehe auch: Berliner Sand

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