AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

Flanieren ist eine Art Lektüre der Straße,
wobei Menschengesichter, Auslagen, Schaufenster, Cafe Terrassen,
Bahnen, Autos, Bäume zu lauter gleichberechtigtei Buchstaben werden,
die zusammen Worte, Sätze und Seiten eines immer neuen Buches ergeben….

Lohnt’s noch, vom heutigen und gestrigen Alexanderplatz zu sprechen? Er ist wohl schon verschwunden, ehe diese Zeilen gedruckt werden. Schon wandern die Trambahnen, Autobusse und Menschenmassen um die Zäune breiter Baustellen und tiefaufgerissener Erdlöcher. Das benachbarte Scheunenviertel mit seinen schiefen und geraden, verrufenen und armselig ehrlichen Straßen und Gassen ist zum größten Teil bereits eingerissen.(…)
Um eine Mittelinsel, auf der Kreisverkehr eingerichtet werden wird, sollen in Hufeisenform Hochhäuser aufwachsen.

Walter Benjamin Zitat

Wo Altes verschwindet und Neues entsteht, siedelt sich in den Ruinen die Übergangswelt aus Zufall, Unrast und Not an. Wer hier die Schlupfwinkel kennt, kann in seltsame Wohnstätten finden und führen, schaurige Zwischendinge von Nest und Höhle. Da versteckt sich zum Beispiel in den Kellerräumen einer abgerissenen Mietskaserne, die einen der großen Obstläden enthielt, welche zur nahen Markthalle ihre Wagen und Körbe sandten, hinter Schutt und Mörtel der “Bananenkeller”, eine traurige Schlafstelle für Obdachlose, die in den Nachtasylen nicht mehr unterkommen können oder wollen. Sie kriechen hier in ihren Winkel, wenn die Lokale rings am Platz und in den nahen Straßen geschlossen werden.

(S.200)

ICH LERNE
Ja, er hat recht, ich muß etwas für meine Bildung tun. Mit dem Herumlaufen allein ist es nicht getan. Ich muß eine Art Heimatkunde treiben, mich um die Vergangenheit und Zukunft dieser Stadt kümmern, dieser Stadt, die immer unterwegs, immer im Begriff, anders zu werden, ist. Deshalb ist sie wohl auch so schwer zu entdecken, besonders für einen, der hier zu Hause ist … Ich will mit der Zukunft anfangen.(…)

Der künftige Potsdamer Platz wird von zwölfgeschossigen Hochhäusern umgeben sein. Das Scheunenviertel verschwindet; um den Bülowplatz, um den Alexanderplatz entsteht in gewaltigen Baublöcken eine neue Welt. Immer neue Projekte werden entworfen, um die Probleme der Grundstückwirtschaft und des Verkehrs in Einklang zu bringen.
(S.19)

Etwas Ghettoähnliches gibt es noch heute an anderer Stelle, übrigens auch nur noch für kurze Zeit, denn das Scheunenviertel mit seinen vielen Gassen zwischen Alexanderplatz und Bülowplatz, das dieses Wahlghetto birgt, ist im Begriff, vom Erdboden zu verschwinden. Man muß sich beeilen, wenn man das Leben in den Straßen mit den merkwürdig militärischen, gar nicht ans Alttestamentarische erinnernden Namen wie Dragoner- und Grenadierstraße, noch kennenlernen will. Schon erheben sich die neuen Häuserblöcke und überragen die Reste, die langsam Ruine werden. Aber eine Zeitlang gehen noch die Männer mit den altertümlichen Bärten und Schläfenlocken in langsamen, die schwarzhaarigen Fleischertöchter in munteren Gruppen den Damm ihrer Straße auf und nieder und reden Jiddisch. An Läden und Stehbierhallen sind hebräische Inschriften. Noch sind diese Straßen eine Welt für sich und den ewigen Fremden eine Art Heimat, bis sie, die vor noch nicht langer Zeit von einem Schub aus dem Osten hergetragen worden sind, sich soweit in Berlin akklimatisiert haben, daß es sie verlockt, tiefer in den Westen vorzudringen und die allzu deutlichen Zeichen ihrer Eigenart abzutun. Es ist oft schade darum, sie sind eigentlich so, wie sie im Scheunenviertel herumgehen, schöner als nachher in der Konfektion und an der Börse.
(S.80)

Wir kreuzen die Spandauer Straße. Ehe wir südlich wenden, ein Blick auf die Heiligegeistkapelle. Sie ist erhalten geblieben, indem man ein neues Haus, die Handelshochschule, ihr anbaute und sie diesem Hause so einfügte, daß sich in ihrem tief herabreichenden Ziegeldach mit den Mansardenfenstern das Dach der Hochschule fortsetzt. Innen ist sie jetzt Vortragssaal. Zu dem gotischen Sterngewölbe steigen Belehrungen über Bilanz, Buchführung und Bankwesen empor. Im Mittelalter lag sie am Armenhospital zum Heiligen Geist. Viel Efeu rankt um die spitzbogigen Fenster.
(S.86)

Aber zurück aus dieser schönen Ferne zum Lustgarten und unseren Rundfahrtwagen. Die weite Fläche dieses Platzes hat auch schon etwas inselhaft Ruhevolles. Von der langen Schloßfront mit den breiten Portalen ist - hoffentlich auf recht lange Zeit - keinerlei Gegenwart vorauszusehen. Die einzige Unruhe an dieser gelassenen Stätte ist der Dom mit seinen vielen Hochrenaissanceeinzelheiten, Nischen, Hallen, Kuppelaufsätzen. Er macht sich da breit, wo noch bis in die neunziger Jahre ein kleinerer aus Friedrichs Tagen stand. Er bedeckt eine Fläche von 6270 qm, während der Kölner Dom es nur bis zu 616o qm gebracht hat. Es ist höchst überflüssig, hineinzugehen, denn auch innen verletzt dieses Riesengefüge aus eitel Quantität, Material und schlecht angewandter Gelehrsamkeit jedes religiöse und menschliche Gefühl. Die Akustik soll übrigens ausgezeichnet sein, und um sie zu verstärken, hängen eigens noch Bindfäden von der Innenkuppel des Mittelbaues. Mit Recht verkündet ein marmorner Engel “Er ist nicht hier, Er ist auferstanden”. Wahrhaftig, hier ist Er sicher nicht. Schade um ein paar schöne Sarkophage, mit denen die Namen Peter Vischers und Schlüters verbunden sind. Vielleicht kommt noch einmal eine Zeit, in der man dieses Gebäude und manches andere so kurz entschlossen abreißt, wie man es jetzt mit häßlich gewordenen störenden Privathäusern tut. Dann wird diese Stätte ganz der Vergangenheit und Ruhe gewidmet sein.
(S.97)
FRIEDRICHSTADT
Novembernachmittag. Silbergraues Licht über dem Schffibauerdamm. Vom gegenüberliegenden Reichstagsufer sehe ich die Häuserreihe und als Abschluß ein Stück von der Halle des Friedrichstraßen-Bahnhofs, hinter der ferner und näher Kuppeln mit rauchdünnen Konturen in die Luft eingehen. Von dieser Gegend habe ich in Ebertys Erinnerungen eines alten Berliners gelesen, wie sie vor hundert Jahren aussah, als der Knabe mit seinem Hauslehrer sich hier erging und auf das jenseitige Ufer blickte, das damals ganz mit Gärten bedeckt war. (…)
Ja, damals muß da drüben ein schönes Jenseits der Spree gewesen sein. Es war die Zeit, als die nahe Dorotheenstraße noch die Letzte Straße hieß, in der die Rahel so gern spazierte. Geblieben sind aus dieser Zeit wohl nur Schloß und Garten Monbijou und ein paar Nachbarhäuser und noch Einzelnes nahe dem Hackeschen Markt. Sonst ist die Gegend jetzt alles andere als märchenhaft. Aber dort in der Vertiefung geht es noch heute zu einem Märchenpalast. Er heißt Großes Schauspielhaus, war früher ein Zirkus und ehedem eine Markthalle. Sein Inneres, einst Stätte steiler Kunstreiter und taumelnder Clowns, dann des Thebanerchors, den Reinhardt gegen die Stufen des Palastes zum Ödipus stürmen ließ, faßt jetzt die Tausendundeine Nacht und tausendundein Bein der großen Revuen. Die Meister dieser herrlichen Kindervorstellungen für Erwachsene (und das ist das höchste Lob, das ich auszusprechen vermag, denn diese Schöpfungen befriedigen sowohl unsere reiferen Lüste als auch unsere Kinderlust an Märchenwelten über Traumrampen) haben einen neuen Genre geschaffen zwischen Revue und Operette, getanztes, zertanztes Bild, getanzte, zertanzte Musik, bald für den Riesenraum hier, bald für die verwandten kleineren Bühnen. (…)
Ein paar Straßenecken vom Großen Schauspielhaus bekamen wir in neuen Reimen das alte Singspiel vom trotzigen Elend, die Lumpenballade, genannt “Dreigroschenoper”, gepfiffen und gesungen.
Drüben hinter der Weidendammer Brücke probt man jetzt wohl für den Abend Musik und Tanz in der Komischen Oper und im Admiralspalast. Ebertys Zaubergärten sind in die Kulissen gewandert, und am Tage ist hier im Freien keine sehr heitere Gegend. Hinterm Schiffbauerdamm beginnt mit großen und kleinen Kliniken, wissenschaftlichen Buchhandlungen, chirurgischen und orthopädischen Schaufenstern das Quartier der Medizin. Aber mittendrin in behütetem Abseits weiß ich unser Deutsches Theater und die Kammerspiele.
(S.239)

Ein Flaneur in Berlin - Berlin: Arsenal, 1984

Leider ist dieses wunderbare Buch in unseren Tagen nur antiquarisch erhältlich. Bestellen kann man es über ZVAB: http://www.zvab.com

EDITORISCHE NOTIZ

Die Texthervorhebungen sind vom Site-Betreiber.
Die Originalausgabe dieses Werks erschien 1929 unter dem Titel »Spazieren in Berlin« im Verlag Dr. Hans Epstein, Wien und Leipzig. Dieser Neuausgabe liegt die 1968 von Janos Frecot bei Rogner & Bernhard in München herausgegebene Ausgabe zugrunde.

Ergänzt wird die Neuausgabe durch Walter Benjamins Rezension »Die Wiederkehr des Flaneurs«, bereits kurz nach Erscheinen des Werks veröffentlicht in »Die literarische Welt« (Jg. 5, Nr. 40; 4.10.1929), hier zitiert nach: Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Bd. III, Frankfurt/Main 1972.

»Wir Berliner«, sagt Hessel, »müssen unsere Stadt noch viel mehr - bewohnen.« Bestimmt will er das wörtlich verstanden wissen, weniger von den Häusern als von den Straßen. Denn sie sind ja die Wohnung des ewig unruhigen, ewig bewegten Wesens, das zwischen Hausmauern soviel erlebt, erfährt, erkennt und ersinnt, wie das Individuum im Schutze seiner vier Wände. Der Masse - und mit ihr lebt der Flaneur - sind die glänzenden, emaillierten Firmenschilder so gut und besser ein Wandschmuck wie im Salon dem Bürger ein Ölgemälde, Brandmauern ihr Schreibpult, Zeitungskioske ihre Bibliotheken, Briefkästen ihre Bronzen, Bänke ihr Boudoir und die Cafeterrasse der Erker, von wo sie auf ihr Hauswesen herabsieht. Wo am Gitter Asphaltarbeiter den Rock hängen haben, ist ihr Vestibül und die Torfahrt, die aus der Flucht der Höfe ins Freie leitet, der Zugang in die Kammern der Stadt. (…)
Wie jede stichhaltige und erprobte Erfahrung ihr Gegenteil mit umfaßt, so hier die vollendete Kunst des Flaneurs das Wissen vom Wohnen. Urbild des Wohnens aber ist die Matrix oder das Gehäuse. Das also, von dem man genau die Figur dessen abliest, der es bewohnt. Will man sich nun erinnern, daß nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch Geister, und vor allem die Bilder wohnen, so liegt greifbar vor Augen, was den Flaneur beschäftigt und was er sucht. Nämlich die Bilder wo immer sie hausen.

Walter Benjamin

Walter Benjamin Zitat

Abriß des Palasthotels - gesehen 2001

2006-12-29

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