AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

Wolfgang Neuss - zum 85igsten

Wolfgang Neuss, 3. 12. 1923 - 5. 5. 1989 - Filmstar der 50er Jahre - führender deutscher Kabarettist und DIE Berliner Schnauze - Filmproduzent, Gesellschaftskritiker …

Was die Berliner immer vergessen
Was die Berliner immer vergessen,
abgesehen davon, daß sie völlig vergessen,
daß es nicht die Türken sind,
die uns hier aufsuchen, ansuchen, heimsuchen,
die hier aufgenommen werden wollen,
sondern, daß es unsere Verwandten
von früher sind,
die wir selber mal waren!

Wir sind da mal hingezogen,
ich mach noch darauf aufmerksam,
Ernst Reuter ist selbst in die Türkei gezogen, ja?,
als - irgendwas, als CIA-Agent,
im Krieg konnte man ja nur als CIA-Agent,
— so war der in der Türkei —
und der alleine hat schon das ganze Volk
nach sich gezogen hier, ja?

Man darf doch nicht vergessen:
daß wir da zwar Fremde sehen, und daß
das auch das schöne Spiel der Erde ist,
daß es immer Fremde sind, die da kommen,
aber: wir sind es doch selbst.

Wir sind es doch selbst, die
vor sechshundert Jahren da mal hingezogen sind,
oder vor achthundert Jahren. - Ganz klar!
Warum hilft uns die Wissenschaft bei diesem Ausländer-
problem nicht, frage doch mal provokativ natürlich, warum:

Die können längst belegen, die Leute,
daß es WIR SELBER sind,
also daß wir zu denen
EIN GANZ ANDERES Verhältnis entwickeln könnten
als zu Tante Emma im Osten oder zu
Onkel Paul in Zehlendorf,
daß wir erfreut sein könnten,
“Guten Tag, Emil, wir werden schon zurechtkommen
hier in der Stadt, ABER DASS IHR WIEDER DA SEID!”
— SO müßte doch erstmal die Parole lauten:
“DASS IHR WIEDER DA SEID!!

Mit 14 war er von Breslau nach Berlin gekommen, um Clown zu werden, der Ausflug endet in der Verwahranstalt am Berliner Alex.
Während des 2.Weltkrieges wurde er ab 1940 als Soldat an die Ostfront geschickt und verwundet. Im Genesungsheim machte er seine ersten Versuche als Komiker und Unterhalter. Zurück an der Front, schießt sich Wolfgang Neuss den Zeigefinger der linken Hand ab, um wieder ins Lazarett zu kommen.

Später floh er nach Dänemark und erlebte das Kriegsende in einem Internierungslager in Flensburg, wo er bereits bunte Abende mit seinem „Reichskabarett der Komiker“ (Rekadeko) veranstaltete. Damit tourte er durch das zerstörte Deutschland. Wegen eines ungehörigen Witzes wurde er 1946 von der britischen Besatzungsmacht zu einem halben Jahr Haft verurteilt, kam aber nach wenigen Tagen wieder frei.
Im Jahre 1949 traf er Wolfgang Müller, mit dem er seitdem als Duo “Die zwei Wolfgangs” auftrat. Die Zwei gingen nach Berlin und traten am Kabarett „Die Bonbonniere“ auf. Dort hatte Neuss auch seinen legendären Soloauftritt als „Der Mann mit der Pauke“, der infolge zu seinem Markenzeichen wurde. Ab 1952 treten die beiden bei den „Stachelschweinen“ auf.
Zudem machte das Duo Neuss/Müller Theater, Radio, Fernsehen, traten gemeinsam als Sänger auf und spielten nicht zuletzt in zahlreichen Filme zusammen. Neuss drehte zwischen 1950 und 1967 allein 53 Filme und seinen 54. und letzten 1974.
1955 wurde Wolfgang Neuss „Opfer“ des ersten Zensurfalles im deutschen Fernsehen (weitere folgen: z.B. „Scheibenwischer“) als während seiner Live-Paukennummer der SFB-Intendant abschaltete und eine technische Störung vortäuschte.

1960 steigt Neuss ins Werbegeschäft ein, für 125.000 Mark verpflichtet er sich zu mehreren Werbespots für eine Strumpffirma, die nach seinen Ideen gedreht werden sollen. Der erste Spot sieht so aus: Neuss, neben sich eine halbnackte Schönheitskönigin, titt einen Fernseher ein. Die Mattscheibe geht zu Bruch, der Fuß ist unverletzt. Neuss lächelnd in die Kamera: “Das machen nur die Strümpfe, NUR DIE. Sonst ist das Gerät nicht kaputtzukriegen.” Der Auftraggeber verklagt Neuss auf Vertragsbruch.

Die Zeitschrift “internationale situationniste”, schrieb 1962 (S.I. Nr.7):

“… Die Widerstandsbewegung gegen die Verdummung wird nicht nur von Arbeitern geführt. Der Schauspieler Wolfgang Neuss in Berlin, der im Januar 1962 durch eine kleine Annonce in der Zeitung der ‘Abend’ den Schuldigen eines Kriminalschauspiels in Fortsetzungen im Fernsehen enthüllte und damit die Spannung nahm, die das Publikum seit Wochen leidenschaftlich in Atem hielt, dieser Mann hat damit einen sinnvollen Sabotageakt begangen.”

1965-1966 - Westberliner Zeitungen sammeln Geld für den amerikanischen Vietnamkrieg, an die Witwen gefallener GIs sollen Porzellannachbildungen der Berliner Freiheitsglocke verschenkt werden. Neuss protestiert dagegen mit einem Extrablatt des ‘Neuss Deutschland’, die Verleger kontern mit Anzeigenboykott gegen Neuss und sein ‘Neuss Testament’. Neuss ruft zu Spendenaktionen auf (”Zeigts dem Springer, helft dem Neuss!”), die Presse schießt sich ein, in den Zeitungen erscheinen Verfassungsschutzfotos, die Neuss auf einer (genehmigten) Vietnam-Demo zeigen. Im Februar SPD-Ausschluß. Das Fernsehen setzt eine Kabarettsendung, an der Neuss mitwirkt, aus politischen Gründen ab.
Wolfgang Neiss

Zu einem eher skurrilen TV-Comeback kommt es noch einmal 1983 in der SFB-Talkshow “Leute”, wo er einigermaßen stoned den kommenden Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker über den Haufen redet: “Auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen.”

Mehr zu Werk und Biografie von Wolfgang Neuss:

http://archiv.hanfnet.de/wolfgang-neuss/home.html

und

http://www.broeckers.com/NeussDeutschland.htm

“Seine ‘Gesammelten Werke’ geben einen kurzweiligen Längsschnitt durch die deutsche Nachkriegsgeschiche ab ….”

siehe auch:
Gesammelte Werke vom Mann mit der Pauke - auch ein Längsschnitt durch die bundesdeutsche Nachkriegsgeschichte

Warum ich mich auf die Wiedervereinigung freue (1965)

höre auch:
Roland Steckel: Die Mauer. Die größte Wandzeitung der Welt. Gelesen von Wolfgang Neuss. Grüne Kraft, CD mit Booklet

Mauersprüche - mal reinhören …

Den Fall der Mauer hat Neuss nicht mehr miterlebt – er starb im Juni 1989. Die Mauersprüche, die er verewigt hatte, gab es allerdings schon vorher nicht mehr. Zum Zeitpunkt der Aufnahme, schreibt Steckel im Vorwort zur CD, sei die „Schriftphase“ der Mauer bereits ihrem Ende zugegangen. Es folgte die „Bildphase“: Bis 1989 verschwand der Großteil der Westberliner Kritzellyrik unter flächigen Sprühgemälden (Jens Mühling).
2008-12-02

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