AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

Tacheles

Tacheles 1991
Foto: Claudine LAYRE 1992

Nachdem Anfang letzten Jahres diese Modellskizze des amerikanischen Architekten Robert A.M. Stern durch die Medien geisterte und die Freifläche hinter dem Tacheles Frühjahr 2008 durch einen Bauzaun abgesperrt wurde, konnte man glauben, das da jetzt gebaut werden soll.
Geplant war ein Ensemble aus sechs Neubauten mit Luxuswohnungen und Büros auf einer Gesamtfläche von 82 000 Quadratmetern. Die Pläne wurden bereits im Jahr 2003 vom zuständigen Bezirksamt Mitte genehmigt.

Tacheles Gebiet Planung
© 2008 Robert A.M. Stern

Aber wie es jetzt ausschaut wird die Brachfläche uns doch noch für einige Zeit erhalten bleiben und Berlin diese kitschigen Bauten erspart werden.
Der Zaun muß wieder weg!

Fundus Wo sin die 75 Millionen Euros

Tacheles wird zwangsversteigert. Auf den Grundstücken lasten Schulden in Höhe von über 75 Millionen Euro.
Vor rund zehn Jahren hatte eine Tochtergesellschaft der Immobiliengruppe „Fundus“ das Areal gekauft und mit den Künstlern einen Pachtvertrag abgeschlossen. Dieser war von den Eigentümern aber zum 31. Dezember 2008 gekündigt worden.(…)
Die Schulden auf den Tacheles-Grundstücken betragen laut Grundbuchaufzeichnungen mehr als 75 Millionen Euro. Dieses Geld kommt von der HSH–Nordbank, die dafür 15 bis 18 Prozent Zinsen erhält. Die Bank bestätigte auf Anfrage, dass das Grundstück unter Zwangsverwaltung stehe. Zur Zwangsversteigerung wollte man sich nicht äußern. Die HSH-Nordbank hat im Zuge der internationalen Finanzkrise hohe Millionenbeträge abschreiben müssen und Staatsbürgschaften beim Bund beantragt.
Tagesspiegel 15.11.2008

Der Zwangsverwalter des Tacheles hat die Künstler aufgefordert, die Kaufhausruine an der Oranienburger Straße sofort zu räumen. Martin Reiter vom Verein „Kunsthaus Tacheles“ sagte, der Verwalter habe die Herausgabe der Schlüssel für das Gebäude am 5. Januar verlangt. Diese Frist ließ der Verein verstreichen. „Wir bleiben natürlich hier“, sagte Reiter.

Die Aufforderung zur Räumung der Kaufhausruine in Mitte kommt überraschend. Noch im Dezember hatte Zwangsverwalter Thorsten Appel dem Tagesspiegel gegenüber geäußert: „Es wird keine Räumung geben“ und den Künstlern einen neuen Vertrag mit „kurzer Laufzeit“ in Aussicht gestellt.
Tagesspiegel 9.1.2009

2009-01-20

Zur Geschichte des Hauses

Friedrichstraßenpassage

Das Gebäude wurde 1907 bis 1908 in 15 Monaten unter der Leitung des kaiserlichen Baurates Franz Ahrens errichtet und 1909 als Kaufhaus mit dem Namen Friedrichstraßenpassage eröffnet. Der Gebäudekomplex zog sich damals von der Friedrichstraße bis zur Oranienburger Straße hin. Die Passage hatte an beiden Straßen Eingänge und verband diese miteinander. Die Friedrichstraßenpassage war zu dieser Zeit nach der Kaiserpassage die zweitgrößte Einkaufspassage der Stadt und der letzte große Passagenbau in Europa.(…)
Eine Aktiengesellschaft, bestehend aus mehreren Einzelhändlern, gab unter dem Initiator Otto Markiewicz den Bauauftrag für die Passage, um einen Marktvorteil durch den gemeinsamen Standort zu bekommen. Das Konzept sah vor, die Läden nicht strikt voneinander zu trennen, sondern ineinander überlaufen zu lassen und mittels einer zentralen Kassenstelle zu kontrollieren. Bereits im August 1908, ein halbes Jahr nach der Eröffnung, musste das Passage-Kaufhaus Konkurs anmelden. Der Komplex wurde von Wolf Wertheim angemietet, der 1909 erneut ein Kaufhaus darin eröffnete, das er bis 1914 halten konnte. Vor dem Ersten Weltkrieg wurde das Gebäude zwangsversteigert.(…)

Haus der Technik

Das Gebäude wurde ab 1928 von der AEG genutzt und fortan von der Inhaberin, der Berliner Commerz- und Privatbank, als Haus der Technik bezeichnet. Die AEG nutzte die Räumlichkeiten, um Produkte vorzustellen und Kunden zu beraten. Das vorherige Schau- und Verkaufsgebäude der AEG in der Luisenstraße 35 war am 15. September 1927 bei einem Brand zerstört worden. Die neuen Räumlichkeiten wurden mit einer Fläche von 10.500 m² und 20 Schaufenstern genutzt. Ende der 30er Jahre fand hier die weltweit erste Fernsehübertragung statt.

Nutzung durch die NSDAP

Anfang der 30er Jahre wurde das Haus zunehmend von NSDAP-Mitgliedern genutzt. Mitte der 30er Jahre zog die Deutsche Arbeitsfront mit Büros für den Gau Kurmark in das Gebäude und wurde 1941 auch Eigentümerin des Gebäudes. Zur gleichen Zeit zog auch das Zentralbodenamt der SS dort ein.

1943 wurden Dachoberlichter geschlossen und die entsprechenden Dachreiter entfernt, weil französische Kriegsgefangene im Dachgeschoss untergebracht werden sollten. Während der Schlacht um Berlin wurde der zweite Tiefkeller von den Nationalsozialisten geflutet und steht noch heute unter Wasser. Während des Zweiten Weltkrieges erlitt das Gebäude starke Schäden, ein großer Teil des Komplexes blieb jedoch gut erhalten.

Nutzung in der DDR

1948 wurde das Haus vom Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) übernommen und verwitterte im Laufe der Jahre zunehmend. Vorübergehend zogen verschiedene Einzelhändler und Handwerksbetriebe, besonders auf der Seite der Friedrichstraße, in die Ruine. Das Deutsche Reisebüro nutzte den schnell und provisorisch wieder hergestellten Passagentrakt und einige obere Stockwerke.

Im Torbau an der Friedrichstraße residierte zunächst das Kino Camera, konnte diese Räumlichkeiten wegen des schlechten Bauzustandes Ende der 50er Jahre aber nicht mehr nutzen und ließ daraufhin 1958 den ehemaligen Vortragssaal der AEG ausbauen, der später unter dem Namen OTL (Oranienburger Tor Lichtspiele) wiedereröffnet wurde. Während der Umbauarbeiten wurde die Fassade teilweise verändert und ein Vorraum als Kassenbereich gebaut sowie die Decke zu Gunsten eines Treppenhauses umgebaut. Dieses bildet den heutigen Eingangsbereich. Der Kinosaal wird auch heute als Theatersaal genutzt. Nach einem weiteren Umbau des Kinos 1972 wurde dies wieder in Camera umbenannt.

Obwohl das Gebäude während des Zweiten Weltkrieges nur mittelmäßig beschädigt wurde, sollte es auf Grund zweier Statikgutachten aus den Jahren 1969 und 1977 abgerissen werden, da es trotz intensiver Nutzung nie zu einer Sanierung gekommen war. Eine neue Straße sollte über das Gelände verlaufen und eine Abkürzung zwischen Oranienburger Straße und Friedrichstraße bilden.

Der Abbau begann 1980. Zwei Jahre später wurde das Kino geschlossen und der noch komplett erhaltene Kuppelbau gesprengt. Der noch heute stehende Teil sollte laut Plan im April 1990 abgebaut werden.

Kurz vor der planmäßigen Sprengung wurde der noch stehengebliebene Rest des Gebäudes am 13. Februar von der Künstlerinitiative Tacheles besetzt. Durch Verhandlungen mit der Baudirektion Berlin-Mitte, die als Rechtsträger für den Komplex zuständig war, und unter Berufung auf Denkmalschutz versuchten die Besetzer, den Abriss zu verhindern. Trotzdem sollte das Haus laut Magistratsbeschluss 150/90 am 10. April 1990 gesprengt werden, worauf die Besetzer beim Berliner Runden Tisch einen Dringlichkeitsantrag stellten, der den Abriss vorläufig stoppen konnte.

Die Künstlerinitiative ließ ein neues Gutachten zur Bausubstanz und Statik erstellen. Auf Grund des positiven Ergebnisses wurde das Haus zunächst vorläufig unter Denkmalschutz gestellt, der nach einem weiteren Gutachten vom 18. Februar 1992 bestätigt werden konnte.

Textquelle: wikipedia

Ein Kommentar zu 'Tacheles'

Kommentare als RSS

  1. Cinnaro sagt,

    am 4. Feb. 2010

    Ich war 1990 in Berlin und habe dort eine Führung durch die Mitte mitgemacht. Die Photos sind auf Flickr, vor allem solche der Auguststrasse und auch vom Haus Tacheles.
    http://www.flickr.com/photos/40387325@N08/sets/72157622806592636/

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