AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

Scheunenviertel

Der Unfug mit dem „Scheunenviertel”
Wie ein Propagandatrick der Nazis ein altes Berliner Quartier in Verruf brachte / Von Ekkehard Schwerk

Wenn Häuser reden könnten, müßten sie andauernd widersprechen. Häuser, von denen es allerdings nicht einmal mehr Fundamente gibt, die aber dessenungeachtet neuerdings unbekümmert ganz anderen Vierteln zugeschanzt werden, haben es da besonders schwer. Wir kommen noch einmal auf den grassierenden Unfug zu sprechen, der mittlerweile auch überregional nachgeplappert wird: das Scheunenviertel.
Das gibt es aber seit 85 Jahren nicht mehr. Es lag nicht, wie heute immerfort behauptet wird, um die Große Hamburger Straße herum, nicht im „Spandauer Viertel”, also nicht dort, wo seit 1918 viele im Osten (Rußland und Polen) verfolgte Juden Zuflucht suchten. Und weil das Scheunenviertel im alten Berlin Inbegriff für ein Ganovenrevier war, brachten die Nazis diesen Begriff vorsätzlich mit Juden in Verbindung.
Das alte Scheunenviertel lag im Straßengeviert zwischen Hirten-, Grenadier (heute die Almstadt-), Linien- und Bartelstraße. Es lag im engen Umkreis der heutigen Volksbühne auf dem ehemaligen Bülow-, dem heutigen Luxemburgplatz. Dort standen in uralter Zeit in sechs Gassen die Getreidescheunen der Berliner Ackerbürger. Ungefähr seit 1380 wurden die Scheunen zu Wohnungen umgebaut oder an ihrer Stelle Häuser errichtet, 119 insgesamt, wie der verläßliche Stadtgeschichtsforscher vom Verein für die Geschichte Berlins, Hans Werner Klünner, weiß. Es wurde ein armseliges Viertel, in dem sich allerlei Gelichter einnistete, ein Ganovenviertel. Die Stadt Berlin erwarb es, ließ es zwischen 1903 und 1908 abreißen und auf dem freigemachten Gebiet neue Straßen einschließlich des U-Bahntunnels bauen. Bis 1929 war die Bebauung beendet. Die jüdischen Menschen lebten aber überwiegend in den dürftigen, teils elenden Häusern umden Hackeschen Markt, in der Großen Hamburger, der Rosenthaler, der Dragoner-, Grenadier-(Almstadt-), Linien-, Rückert- und Mulackstraße - das ist aber nicht das „Scheunenviertel”. Klünner sagt: Nun war das Scheunenviertel zwar beseitigt, sein schlechter Ruf aber auf die Nachbarschaft übertragen worden. Und im Dezember 1938 wurde mit einer Polizeiverordnung neben anderen Stadtteilen auch das Spandauer Viertel, besonders aber die Gegend um die Münzstraße herum zum „Judenviertel” erklärt. Daß die Nazis genau wußten, wo das frühere Scheunenviertel war, mit dessen schlechtem Ruf sie geschickt hantierten, um jüdische Menschen mit Verbrechern gleichzusetzen, zeigt ein Artikel des Völkischen Beobachters” vom 6. Dezember 1938. Er ist arglistig so überschrieben: „Die Geschichte des Scheunenviertels - vom Ackerland zum Ghetto - Heute sind 90 v.: der Bewohner Juden”. Und im Text: Unter Friedrich dem Großen siedelten sich die Juden dann auch in der Spandauer Vorstadt an, aber nicht im Scheunenviertel sondern um die Große Hamburger Straße herum… Wesentlich zu dieser Ansiedlung der jüdischen Elemente trug der Umstand bei, daß das Scheunenviertel in eng Nachbarschaft des Alexanderplatzes liegt, was den Schacherern und Trödlen nur günstig sein konnte…” Dann heißt es weiter, daß ein Statistischer Bericht vom Jahre 1925 die Siedlungs-, Wohnungs- und Bevölkerungsverhältnisse des ehemaligen Scheunenviertels dargestellt habe und zwar mit deutlicher Betonung des ausgesprochen jüdischen Charakters dieser Straßen.” Klünner straft den ,Völkischen Beobachter” Lügen und weist auf einen Detailbericht von der Volkszählung im Jahre 1925 hin, der im März 1929 in den „Mitteilungen des Statistischen Amtes der Stadt Berlin” veröffentlicht wurde. Und dieser Bericht betraf nicht das längst beseitigte „Scheunenviertel”, sondern die Dragoner-, Grenadier-, Linien-, Rückert- und Mulackstraße, also exakt jenes Gebiet, das von unser heutigen Schwarmgeistern uneinsicht und romantisch zum „Scheunenviertel” gemacht wird.aus TAGESSPIEGEL 19. SEPTEMBER 1993 / Nr. 14 681
Berlin - Wenn Häuser reden könnten (10)

5 Kommentare zu 'Scheunenviertel'

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  1. Karin Dengler-Thomsen sagt,

    am 22. Sep. 2010

    Bonjour,
    ich schreibe Ihnen aus Frankreich. Ich bin Gestalt Therapeutin und wir interessieren uns für die Geschichte eines unserer Begründer, Fritz PERLS, der wohl in der Grenadierstrasse wohnte. Es ist nun schon interessant, dass das Scheunenviertel nicht das Jüdische Viertel war.
    Es wird in französischen Büchern/Artikeln auch immer von einem Jüdischen Ghetto geschrieben, kann man sagen, dass es ein Ghetto gab ?
    Für mehr Infos wären wir natürlich dankbar.

    Freundliche Grüsse

    KDT

  2. Archiv sagt,

    am 22. Sep. 2010

    Eine gute Beschreibung der östlichen Spandauer Vorstadt (”Scheunenviertel”) in den 1920er Jahren ist in Joseph Roths 1927 erschienenen Essay “Juden auf Wanderschaft” zu finden.

  3. Gabriele Hoffmann sagt,

    am 20. Jun. 2012

    Das Buch von Anne-Christin Saß: BERLINER LUFTMENSCHEN,
    osteuropäisch-jüdische Migranten in der Weimarer Republik,
    kann ich empfehlen.Es wurde vom Fachbereich Geschichts-und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin als Dissertation im Jahre 2011 angenommen. Es erschien 2012 im Wallstein Verlag, Göttingen.

  4. Hans-Joachim Heithecker sagt,

    am 1. Dez. 2014

    S. auch Hans-Fallada in Damals bei uns daheim, Kap. “Prügel. Rowolt Taschenbuch Nr. 136.

  5. maik sagt,

    am 11. Feb. 2016

    heute leider nur noch Touris und alles teuer plansaniert, schade :-(

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