AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

Veranstaltungen des Instituts für Heuristik

Veranstaltung des Instituts für Heuristik vom 6. bis 15. Dez. 1991: Altlasten -
topographisch und historisch: Prägungen seit dem 1. Weltkrieg

Vorträge und Diskussionen im Wissenschaftshaus in der Mulackstrasse 22

Ausstellung mit Zeichnungen von Tobias Hauser, Stereophotographien aus dem I. Weltkrieg und Videos in der Galerie Mulackstrasse 23 täglich 16-20 Uhr

  • 1914, Nerven, Schmerzen
  • Reiten, Reiten, Reiten - ein Medienessay zum Aufbruch in den I. Weltkrieg
  • Gasangriff

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Veranstaltung des Instituts für Heuristik vom 6. bis 15. Juli 1992: Grenzfall. Walter Benjamin zum 100. Geburtstag - Eine Ausstellung im Institut für Heuristik

BERLINER MORGENPOST, 6.Juli 1992 SEITE 16
Walter Bejamin: Das Werk eines Denkers wird lebendig

„Nicht alles im Leben ist musterhaft - aber exemplarisch ist alles.” So lautet ein Satz von Walter Benjamin, dem jüdischen Schriftsteller, dessen Geburtstag sich am 15. Juli zum 100. Male jährt. Der 1892 in Berlin geborene Bürgersohn, gilt als einer der großen Denker und Schreiber seiner Zeit, der Literatur und Philosophie, Bilder und Begriffe zu vereinen suchte. Das war für das Institut für Heuristik Grund genug, an der Mulackstraße 22 eine Ausstellung über Leben und Werk Benjamins einzurichten: Bis zum 15. Juli sind Textcollagen und Bilder zu sehen.
1933 emigrierte Benjamin nach Paris. Im Herbst 1940 wollte er mit einer Gruppe Emigranten über die Pyrenäen fliehen. In dem spanischen Grenzort Port Buo erfuhren sie, daß sie nach Frankreich zurück müßten. Um nicht den Nazis in die Hände zu fallen, vergiftete sich Benjamin.
„Wir fühlen uns mit Benjamin verwandt. In unserer Ausstellung wollen wir seine Werke einem breiten Publikum nahe bringen”, sagt Emil Galli, Vorstandsmitglied des Instituts. Mit einfachen Mitteln erläutert die Exposition das Leben und Werk des Denkers.”Besucher können am Computer ein Stichwort wählen und erhalten dann einige Sätze von Benjamin zu dem Thema”, so Galli.
Geöffnet ist die Ausstellung Montag bis Freitag von 16 bis 19 Uhr und Sonnabend bis Sonntag von 12 bis 20 Uhr. Einen Vortrag zum Werk Benjamins soll es am 12. Juli um 20 Uhr in der Ausstellung geben. Am 15. Juli ist um 19 Uhr ein Geburtstagsfest zu Ehren Benjamins in den Räumen geplant.
Katrin Thamm

Feuilleton
Kulturspiegel

DER TAGESSPIEGEL / SEITE 15
MITTWOCH, 8. JULI 1992 / Nr. 14 253
Benjamin in der Mulackei
Zur Ausstellung „Grenzfall” im Institut für Heuristik
Billig ist Benjamin nicht zu haben. Gerade hier und jetzt. Ein gewisser Trotz belebt die Räume in der Galerie Mulackstraße 23. Denn die Ausstellung für den Jubilar war widrigen Umständen abgerungen. Das spürt man und vergißt es im selben Moment. Wer länger als zehn Minuten bleibt, geht nicht vor einer Stunde.
Es hat schon eine Art, wie ganz ohne Schnörkel seine gemeißelten Texte auf, die gewaschenen Mauern gedroschen sind, Harsch, aber sinnfällig und irgendwie gelassen. Der Rohzustand der Wände erinnert mehr an ihn, sein unstetes Leben und den Umgang mit seinem Werk in deutschen Landen als an Improvisation.
In der DDR wurde offiziell der literarische Philosoph höchstens am Rande erwähnt als verfehlter Marxist und lange nicht begriffen. Wer an seine Bücher kam, las sie unter dem Tisch. Nun lassen sich die Grauzonen schließen. Aber Benjamins Sicht der Dinge wurde zu jeder Zeit konkret und erschien in sich neu gebrochen. Diese Arbeit bleibt auch dem vereinten Deutschland nicht erspart. Es wäre zu einfach, wenn man nur zitierenderweise mit Benjamin-Broschen Referatstexte aufschmückt.
Auf die wissenschaftlichen Ansätze im Werk Walter Benjamins will nun das Institut für Heuristik verweisen mit Ausstellung, Vortrag und Film. Es geht um seine Gedanken zu Zeitverschiebungen und Zeitzusammenstößen, auf seine Überlegungen zur Wahrhaftigkeit der Sprache und ihrer Relativität. Ein riskantes Unternehmen zu Zeiten der Hüllen, da die Verpackung einer Botschaft fast wichtiger ist als die Botschaft selbst.

So lädt ein Hypertext-Computer zum Blättern durch ausgewählte Textpassagen ein. Hinreißend einfach, Stichwort genügt. Eine Installation im nächsten Raum von John Miller gibt das visuelle Prunkstück der Ausstellung ab. Rätselhaft-realistisch und mehr als nur eine hintergründige Illustration zu jener Geschichte vom schachspielenden Automaten in türkischer Tracht, mit der Benjamin die These vom Begriff der Geschichte zu veranschaulichen suchte.
Der hinterste Raum bietet Texte und Bilder und Moskauer Tagebuch-Zitate - Champanskoje brut. Ein Schlüssel für persönlichste Erinnerung: “Schneller als Moskau selbst lernt man Berlin von Moskau aus sehen”, notierte Benjamin schon im Winter ‘27 als Trost, wie man über diesen weiten geographischen Umweg zur schärferen Sicht auf Dinge in Mitteleuropa gelangt. Und: „Zeiteinheit ist im Grunde das ,Ssitschass’ - das bedeutet: ,sofort’. Man kann es je nachdem zehn-, zwanzig-, dreißigmal zur Antwort hören und Stunden, Tage oder Wochen daran verwenden, bis das derart Versprochene eintrifft.” Auf dieser Suche nach der eigenen Zeit ist der Osten noch immer. Das Uhrpendel schwingt zwischen Noch nicht und Nicht mehr. Hat nicht jeder damit seine Probleme, geht einem so durch den Kopf. Derweil beginnt es draußen zu tropfen, und der Regen wäscht alles ins Gras.
Hätte eigentlich Benjamin die Wende auch Wende genannt? Großes Fragezeichen.
THEA HEROLD

FREITAG, 10.7.92 • die tageszeitung
BERLIN-KULTUR
Texte in Bewegung
Grenzfall. Walter Benjamin zum 100. Geburtstag Eine Ausstellung im Institut für Heuristik
Am vergangenen Samstag wurde im Institut für Heuristik eine Ausstellung eröffnet, die den 100. Geburtstag Walter Benjamins zum Anlaß nimmt, eine eigenwillige Begegnung mit dem Philosophen zu betreiben. Der Rahmen ist Benjamin angemessen: Das Institut für Heuristik agiert am Rand des Kultur- und Wissenschaftsbetriebs, kein Ort des oberflächlichen Kulturkonsums, eher ein Geheimtip; anders als die Benjamin-Ausstellung, die das Werkbundarchiv im vergangenen Jahr veranstaltete, setzt dieses Projekt nicht auf ein schickes und beliebiges Spektakel, sondern auf die Aufmerksamkeit und die Neugier von Besuchern, die bereit sind, den Bezugsfeldern und Querverbindungen in Benjamins labyrinthischem Denken in der Ausstellung nachzuspüren.
Die erste Installation kreist um eine zentrale Konstellation im Denken Benjamins, die mit einem Satz aus Benjamins Baudelaire-Buch prägnant benannt wird: Blanquis Tat ist die Schwester von Baudelaires Traum gewesen”. Die Installation fragt nach der Beziehung, die Benjamin zwischen revolutionärer Umwälzung (für die Sozialrevolutionär Blanqui steht) und Kunst herstellt: An einer Wand ein kurzer Text Blanquis von 1869, eine »Anweisung für den Straßenkampf« mit Hinweisen zum Barrikadenbau (übrigens fehlt der Text in den deutschen Blanqui Ausgaben, er wurde erstmals für die Ausstellung übersetzt). An der gegenüberliegenden Wand ist eine Erinnerung an die Straßenkämpfe der Pariser Commune inszeniert: Ein Gemälde, das die Kommunarden auf der Barrikade zeigt, davor einige Pflastersteine, die gleichzeitig wie ausgegrabene Spuren, Überbleibsel vergangener Kämpfe wirken und die Verbindung ins 20.Jahrhundert und den »Erdbeben, die kommen werden« (Brecht) herstellen. Das Ensemble wird gebrochen durch zwei einmontierte Texte: auf Pflastersteine sind Zitate geklebt, die von der Liebe zur Kunst und der weltabgeschiedenen Stille der Bibliotheken sprechen: Edmond de Goncourt notiert 1871 in seinem Tagebuch, daß Flaubert sich durch die revolutionären Unruhen nicht beeindrucken läßt: »Die Sintflut scheint über ihn hinweggegangen zu sein, ohne ihn auch nur im geringsten von der Arbeit an seinem Buch abzulenken.« Für den Künstler ist die Revolution nicht mehr als ein lästiges Nebengeräusch. Drei Punkte sind hier in Beziehung gesetzt: Die revolutionäre Theorie, der gescheiterte Aufstand und der Rückzug in die Kunst - die Bewegung aus den Bibliotheken auf die Barrikaden (Flaubert). Indem die Installation den geschichtlichen Stoff, der Benjamin beschäftigte, ausgräbt, gelingt es ihr so raffiniert wie schlagend direkt, einen wesentlichen Zug in seinem Denken sichtbar zu machen. Die Installation ist um einen Durchgang gruppiert, rechts das Bild und die Steine, links der ausgegrabene Blanqui-Text. Der Durchgangöffnet den Blick auf eine zweite Installation, die wie ein Kommentar und ein Echo der ersten wirkt: Der New Yorker Künstler John Miller, der zur Zeit als DAAD-Stipendiat in Berlin lebt, hat sich von Benjamins erster geschichtsphilosophischer These zu einer komplexen Installation anregen lassen: Zunächst sieht man nicht mehr als eine große Puppe an einem Schachbrett, eine Anspielung auf den Schachautomaten, den Benjamin beschreibt, um seine theologisch inspirierte Geschichtsphilosophie zu illustrieren. Neben der Puppe zwölf der für Benjamin bedeutsamsten Bücher, darunter Poe und Kleists Über das Marionettentheater, Carl Schmitt und Karl Korsch. Die Bibliothek verliert ihren weltabgeschieden ruhigen Charakter: Spätestens wenn der Rätekommunist Korsch neben Carl Schmitt auftaucht (die Benjamin beide kannte und die einander kannten) wird klar, daß die Bibliothek auch ein Kampfplatz ist. Plötzlich hat das Schachspiel nichts Kontemplatives mehr: Es ist ein Tableau vom Kämpfen. Ein unauffällig an die Wand geklebter Text zeugt davon, wie die in den Bibliotheken stattfindenden Gefechte sich fortzusetzen vermögen: In einigen theoretischen Überlegungen zitieren RAF-Gefangene 1975 eine lange Benjamin-Passage. Erschien in der ersten Installation die Bibliothek als der Gegenpol zu den sozialen Kämpfen, wirkt sie hier wie ein Echo oder eine Reaktion auf sie: »Der Kampf geht weiter«, um hier einen in Vergessenheit geratenen Satz zu zitieren.
Es gelingt der Ausstellung, bekannte Texte und Kontexte neu lesbar zu machen. Die Texte geraten in Bewegung und in andere Zusammenhänge. Vor allem auf die Eigenbewegung der Texte setzen weitere Elemente der Ausstellung: Mit Hilfe eines Computerswurde das Material, das Benjamin für sein geplantes Passagenwerk gesammelt hatte,aus der Erstarrung der Buchausgabe gelöst: Unter verschiedenen Stichworten lassen sich kurze Texte Benjamins finden, die neu in Beziehung zueinander gesetzt werden können: Ein elektronischer Zettelkasten.
Nach einigen konventionellen Veranstaltungen zu Benjamins 100. Geburtstag (so las beispielsweise Heiner Müller im Deutschen Theater Benjamin-Texte), dürfte dies in Berlin die klügste und ungewöhnlichste Begegnung mit Benjamin sein, die äußerst liebevoll und kenntnisreich seine Lebendigkeit bezeugt. Im Umfeld der Ausstellung entstandene Texte werden in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift ‘Schattenlinien’, die vom Institut für Heuristik herausgegeben wird, erscheinen. Ergänzt wird diese’ Ausstellung durch einen Vortrag, den Thomas Gabler, einer der Ausstellungsmacher, halten wird, durch einen Film im »Arsenal« und durch ein Abschlußfest am 15. Juli. , dem 100. Geburtstag des Philosophen.
Peter Laudenbach
Grenzfall. Walter Benjamin zum 100. Geburtstag. Eine Ausstellung des Instituts für Heuristik in der Galerie Mulackstr. 23, Berlin Mitte. Mo.-Fr. 16-19 Uhr, Sa. und So. 12-20 Uhr. Bis zum 15.7.
Vortrag: Thomas Gabler: Benjamins Tableau der Geschichte. So., 12.7., 20 Uhr Mulackstr. 22. Film: La ultima frontera/Die letzte Grenze. Arsenal, Sa., 11.7., 14 Uhr.

Ein Kommentar zu 'Veranstaltungen des Instituts für Heuristik'

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  1. Christoph sagt,

    am 26. Jan. 2017

    Danke für das Dokument!! Ich hab damals direkt neben den Heuristen in der 21 gewohnt… war ein crazy Haufen.

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