AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

Mulackei

Die Mulackstraße und Umgebung war eines der berüchtigsten Viertel von Berlin. Früher nannte man es das Scheunenviertel. Als ich 1927 nach Berlin kam, mietete ich ein Zimmer in der Münzstraße, Ecke Kaiser-Wilhelm-Straße. (Als ich wiederkam, hieß sie Karl-Liebknecht-Straße.) Sie führte zum Bülow-Platz (heute Rosa-Luxemburg-Platz). Diese Gegend, Rückerstraße, Alte Schönhauserstraße, Linienstraße, Gipsstraße, Auguststraße, Rosenthaler Platz, Schönhauser Tor, Artilleriestraße und Grenadierstraße, bildete das Zentrum des damaligen Judenviertels. Es war einmal eine gut bürgerliche Gegend gewesen, um die Jahrhundertwende, wie man bei Fontane nachlesen kann. Zu meiner Zeit waren die wohlhabenden Bürger, auch die Juden unter ihnen, schon längst in den Berliner Westen gezogen. Geblieben waren die ärmeren Geschäftsleute und Juden, die noch nicht lange in Berlin seßhaft waren. Es war eine Gegend der kleinen Leute und eine sehr volkreiche dazu. Immer waren die Straßen, auf die viele kleine und kleinste Lädchen hinauswucherten, voller Leute, die zur Arbeit gingen oder von ihr kamen, immer standen Huren herum, die aber wie alle anderen zum Straßenbild gehörten und an denen keiner Anstoß nahm. Es gab auch Warenhäuser: Tietz und Wertheim, große Fabrikhäuser, Textilbetriebe und en-gros-Geschälte, da war die Volksbühne auf dem Bülowplatz und gegenüber das Karl-Liebknecht-Haus, die Zentrale der Kommunistischen Partei, daneben das große Kino Babylon und dann die vielen kleinen Cafes, zum Beispiel das Rosencafe am Rosenthaler Platz. Die »Mulackei« oder der »Ochsenkopf« an der Ecke Rückerstraße war ein altes Gebäude mit drei großen Hinterhäusern. Ich weiß nicht, ob es wahr ist, was man mir damals erzählte, aber es könnte schon wahr sein, daß es zur Zeit des Alten Fritzen eine Kaserne war, später ein Arbeitshaus, in das man Herumtreiber einsperrte. Aus dieser Zeit stammt der Name Ochsenkopf. Als es Arbeitshäuser nicht mehr gab oder es dafür nicht mehr zu gebrauchen war, wurde es an arme Leute vermietet. Da wohnten dann Juden, Zigeuner, Huren und meine Freundin Hannchen. Im Hof befanden sich eine Schmiede und die Toiletten (ein viel zu feines Wort für diese Örtlichkeiten).
Aus: Max Fürst, Talisman Scheherezade. Die schwierigen zwanziger Jahre, 1976.
zitiert nach: Eike Geisel, Im Scheunenviertel, 1981

2 Kommentare zu 'Mulackei'

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  1. Marc Franke sagt,

    am 16. Mrz. 2007

    Hi Robert,
    prima Seite, vielleicht sehen wir uns ja am 1. Mai oder vorher. Tel. steht auf der Website
    Liebe Grüße Marc

  2. Christine Gericke sagt,

    am 15. Apr. 2008

    Supa interesante Seite!
    Haben Sie vielleicht noch mehr Informationan zu der Mulackstraße direkt?
    Ich arbeite gerade an Freilegungsarbeiten in Hausnummer 14 und wäre um Informationen zu geschichtlichen Hintergründen der Straße sehr dankbar. Auch eigene Eindrücke würden mir schon weiter helfen.
    Lieber Gruß Christine

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