AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

Shoppst Du noch ?

Shoppst Du noch
gesehen am Hackeschen Markt

“Der Konsumismus hat der Selbstdarstellung, der Kunst des Scheins, der Inszenierung des Alltäglichen, dem lächerlichen Glanz des Leidens am Überleben Maßstäbe auferlegt. Er hat den Preis der Menschen am Preis der Dinge ausgerichtet, für die ihre Kaufkraft ausreicht.
Und so hat sich, mit zunehmender Verblödung durch die Werbung, der Modekult zum Auszeichnungs- und Ausschlusskriterium erhoben. Der Markt übt auf die Kinder einen solchen Einfluss aus, dass an die Stelle des Wunsches, man selbst zu sein, jene Lust am Schein tritt, die auf Konkurrenz basiert und Aggressivität, Frustration, Gewalt und Raubinstinkt hervorbringt. (…)

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Spielwarengeschäft gesehen in Leipzig

Sicherheit ist eine kommerzielle Dienstleistung, die dem verkauft wird, der darauf verzichtet zu leben, um sich dafür eine Scheinexistenz zu kaufen. Der ‘Geniestreich’ des Konsumismus bestand darin, aus der Angst, es könne an allem fehlen, und der Unzufriedenheit darüber, nie genug zu besitzen, Profit zu schlagen.
Der Unzufriedene stürzt sich in die Tröstungen des Habens, aber die Leere wird nie gefüllt, weil die ständige Gefährdung der Kaufkraft die Frustration noch steigert. (…)

Die Angst entspingt hier nicht einer drohenden Hungersnot, sondern einen künstlich geschaffenen Bedürfnis nach dem allerneusten Schnickschnack. Dass ist die Freiheit, auf die der Einfluss der Ökonomie die Demokratie reduziert hat. Aus dem Kampf um Emanzipation ist ein Ringen um Besitztümer geworden, bei dem Schuhe einer berühmten Marke denselben Raubreflex auslösen wie auf der internationalen Ebene Erdöl, Weltmeere und Regenwald. (…)

Noch ist das Prinzip der Kostenlosigkeit keine Forderung. Es wird eine werden. Das Bewußtsein breitet sich aus, dass der öffentliche Dienst, das Bildungs- und Gesundheitswesen, Boden und Trinkwasser, natürliche Rohstoffe und erneuerbare Energien jedem kostenlos zur Verfügung stehen müssen. Die Kostenlosigkeit des Lebens ist die Waffe, die der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ein Ende machen wird.”

Aus Raoul Vaneigem, Zwischen der Trauer um die Welt und der Lust am Leben, Hambug 2011

2014-04-07

2 Kommentare zu 'Shoppst Du noch ?'

Kommentare als RSS

  1. Burak L. sagt,

    am 10. Apr. 2014

    Küchenpsychologie getarnt als intellektuelles Essay - geschwollene Sprache, schwere Begriffe, natürlich auch -Ismen. Aus der (ab-)wertenden Wortwahl sprießt nur leider die Verbitterung, von klugen Lösungen ist nirgendwo die Rede. Aber ein reines “Dagegen” reicht heutzutage nicht mehr - da muss mehr kommen.

  2. Nachbar sagt,

    am 22. Apr. 2014

    Wer nur Spiegel liest, dem mag die Sprache ‘geschwollen’ vorkommen.
    Konsumismus ist kein ‘-Ismen’ sondern ein übersteigertes Konsumverhalten und das Strebens nach Identität, Lebenssinn und Glück durch Konsum. (wikipedia)
    UND: das Prinzip der Kostenlosigkeit ist durchaus EINE kluge Lösung …

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