AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

Rainer Werner Fassbinder - Berlin Alexanderplatz

… Von solchen Dingen, Geräuschen der Großstadt meist, ihren spezifischen Rhytmen eben, ihrem stetigen Wahnsinn eines ewigen Hin- und Her ist die Sprache wohl geprägt. Und vom bewußten Leben in einer Großstadt, einem ganz besonderen Wach-sein für alles, was das eigentlich ist, in der Stadt leben, kommt mit Sicherheit auch die Collage-Technik, die Döblin hier, in seinem, einem der wenigen Großstadt-Romane überhaupt, die es gibt, verwendet. Leben in der Großstadt, das bedeutet ständigen Wechsel in der Aufmerksamkeit für Töne, Bilder, Bewegungen. Und so wechseln die Mittel der gewählten Erzählpartikel, ähnlich wie das Interesse eines wachen Bewohners einer Großstadt wechseln mag, ohne daß dieser wie die Erzählung sich selbst als ihren Mittelpunkt verlöre.
aus R. W. FASSBINDER DIE STÄDTE DES MENSCHEN UND SEINE SEELE,
Arbeitsjournal, 1980

Rainer Werner Fassbinder 1978
Rainer Werner Fassbinder 1978 während der Arbeit am Drehbuch zu Berlin, Alexanderplatz in seinen Beitrag zum Kollektivfilm (mit Alexander Kluge, Volker Schlöndorff, Edgar Reitz u.a.)
“Deutschland im Herbst” : RAF, Stammheim, Terroristenfahndung, Schleyer
Rainer Werner Fassbinder schildert seine Gefühle in einer 30 Minuten des Films dauernden „Alltagsgeschichte”: das damalige verbreitete Gemisch aus Hysterie, Angst und Hilflosigkeit manifestiert sich in diesen „privaten” Szenen in eindrücklicher Weise.

Aus dem Arbeitsjournal zum Film BERLIN Alexanderplatz (mit Harry Baer), Zweitausendeins 1980:

Aus dem Tagebuch
Berlin. Berlin-West. Heute. Manches vom Gestern.
Ansichten. Aussagen und Fußnoten.
Berlin ist:
… ein Nachttopf mit den unterschiedlichsten Öffnungs- und

Leerungszeiten.
… die drittgrößte Stadt der Türkei.
… eine Currywurst, ein Stück Darm beidseitig verschlos
sen.
Und
Der Wedding ist ‘ne echte Kathastrophe, schon Moabit gibt’s eh’ nur

einmal, Kreuzberg mitgerechnet ergibt das drei Bruchbuden zusammen.
Und
Das Mundwerk der Bevölkerung ist schön. Die Berliner Schnauze ist so

manches Mal selbst mit einem Dreschflegel nicht zu bremsen.
Und
Die Bauten beim Übergang Prinzenstraße (vielleicht sind es Häuser)
sind von Geisteskranken entworfen. Hüben wie drüben.
Und
Die Stadt ist oft nur die Kneipen wert, besonders nach der in
Westdeutschland üblichen Polizeistunde, und das mit den Kneipen ist
auch schon nicht mehr das, was es einmal war. Und
Die Mauer ist’ne Schande. Selbst ein echter SED-Fan muß das zugeben,
ein echter SEW-ler auch. Vorausgesetzt, der Mann im Westen wohnt in
der Nähe dieses einzigartigen Monumentes. Aber was soll das Mitleid,
sind halt Deutsche. Is’ schon eine einzigartige Rasse Mensch.
Vielleicht regnet es zu oft in diesem Land. Womöglich stimmt die
Überlegung gar …

Beschreibung einer Straße
„Potemkinsche Dörfer” sind nach dem russischen Fürsten und Feldmarschall Potemkin - Günstling und Geliebter der Kaiserin Katharina IL - 1739-1791 benannt. Im südlichen Rußland ließ er künstliche Dörfer errichten, deren Anblick das Auge der Kaiserin erfreuen und über das Elend der Massen hinwegtäuschen sollte.
Das „Potemkinsche Dorf”, das ich zu beschreiben versuche, ist eine etwa 300 Meter lange, gebogene Straße und in keinem Straßenverzeichnis Münchens zu finden:
Die Bergmannstraße” oder „Berliner Straße”.
Eingesäumt von riesigen Kulissen liegt diese Straße auf dem Gelände der Bavaria Atelier GmbH in Geiselgasteig bei München, hinter Studiohallen und Verwaltungsgebäuden des riesigen Terrains der größten deutschen Filmproduktionsstätte versteckt. Ein Blick hinter die Kulissen: Häuserfassaden trotzen Wind und Wetter, so gut das eben möglich ist. Holzkonstruktionen und Stützpfeiler, schlechthin nur aberwitzig zu nennendes Gebälk, wahrlich ein einzig und allein nur vom Architekten zu durchschauendes Gewirr sichernder Verbindungselemente. Dazwischen hängen Stoffe an Fenstern, Vorhänge markierend, teilweise vom Wind in Fetzen gerissen und so ihrem Sinne endgültig beraubt. Daneben verriegelte Scheinfenster, da drüben im Erdgeschoß das Fragment einer nicht begehbaren Türe oder den Aufbauten eines Fensters, das mit schwarzem Tuch verkleidet ist (für Nachtaufnahmen eingesetzte Hohlräume und nur von Scheinwerfern bewohnt). Oder …
Es wirkt ein wenig gespenstisch in den Fassadenhäusern im Stile des alten Berlins.

Dann aber dagegen die Phantasie des Betrachters: Da vorne links müßte ein Fleischerladen sein, jawohl; das Cafe vis-ä-vis und … wer könnte verleugnen, noch nie im Traum ein großes Orchester dirigiert zu haben.
Diese Film-Straße erfüllt Voraussetzungen eines Drehortes, die man nahezu ideal nennen darf. Ohne falschen Pathos bietet sie, so wie sie sich da biegt oder bettet, je nachdem, hervorragende Bedingungen zu Dreharbeiten. Schon im Ansatz gelingt es, die meisten Störelemente auszuschalten. Das müssen nicht mal Neugierige sein, die störend wirken können (stören meint hier: Der Vergleich mit Aufnahmen in der City, an belebten Straßen etc. -,Außenaufnahmen’), manchmal schon Störfaktor per bloßer Anwesenheit; die Konzentration der Schauspieler leidet darunter oder wird mindestens davon beeinträchtigt.(…)

All diese Bauten haben natürlich nicht nur einen Pappenstiel gekostet. Sollte an dieser Stelle mancher Leser zu glauben versucht sein und etwa meinen, „Ich kenne doch meine Pappenheimer. Die Filmer jammern ständig, daß sie kein Geld haben, papperlapapp” - so sei ihm hiermit gesagt, daß nicht alles Pappe ist, was glänzt. Um aber dem Kunstwerk keinen Abbruch zu tun, sei erwähnt, daß beileibe nicht nur Pappmache, Mörtel und Holz verwendet wurden, sondern Hunderte von Materialien ihren Einsatz hinter sich gebracht haben. Alleine die Geburt dieser Straße schlug mit einer knappen Million zu Buche. Der Architekt kann’s vorrechnen. Und der weiß es, wer sonst (…)

Die Kreuzung und fast alle Seitenstraßen sind befahrbar, wobei der große Wendekreis von Oldtimern das Umkehren unmöglich macht, um zum Beispiel für eine Einstellung dasselbe Auto mal in der einen, dann in der anderen Richtung durch das Bild fahren zu lassen. Ein Ausweg wäre natürlich, entsprechend viele Wagen einzusetzen, deren Kosten pro Tag und Personal aber nicht gering eingeschätzt werden dürfen. Den Ausweg haben die Architekten bereits im Grundkonzept eingeplant. Die Straßen sind so bespielbar, daß ein Auto hinter den Kulissen verschwinden und an einer anderen Ecke wieder aufkreuzen kann.
Natürlich lassen wir es nicht zu, daß man uns bei diesen Verkehrsbewegungen auf die Schliche kommt`. Wenn schon, denn schon. Wenn wir schon schwindeln` müssen, dann ,richtig`. Die Möglichkeit, die uns der Architekt geboten hat, bedarf der ausgeklügelten Hintergrundinszenierung, einer Ergänzung der baulichen Verhältnisse, die, speziell bei langen Einstellungen, nur mit peinlich genauen Rechnereien der Ablauffolge verbunden sind. - Wenn schon denn schon. Wir schwindeln uns da nichts vor.(…)

Umbau der Straße „Potemkin”
Eigentlich treibt sich der Franz Biberkopf immer in der Nähe des Alex` herum. Und Nähe bedeutet in Berlin schon mal eine halbe Stunde zu Fuß. Berlin ist riesig groß, das ganze Ruhrgebiet hätte im Raume von Groß-Berlin Platz! Da verrechnet man sich leicht bei den Entfernungen, und sei’s nur die den Alexanderplatz umgebenden Stadtviertel. Der Romantitel ist ein wenig irreführend, denn mit dem Platz als solchem haben die Geschichten des Transportarbeiters Franz B. kaum etwas gemeinsam. Auch mit der genannten Einschränkung, den Platz wieder herzustellen, ist es schlichtweg unmöglich. Die Benutzung des Platzes in der heutigen Form scheidet automatisch aus. Der Alexanderplatz liegt heute im Osten der geteilten Stadt und offenbart sich als unappetitliche Betonwüste. Trotz architektonischer Verbrechen ist er für den Teil der Stadt ein Zentrum der Begegnung.

Fast wäre man geneigt das Wörtchen geblieben` zu benutzen, da der Alex heute auch Aushängeschild der anderen deutschen Republik ist. Das internationale Hotel und der Fernsehturm allein würden schon genügen, dem Prestigegedanken der Väter dieser Republik gerecht zu werden. Die Wunderwaffen der Architektur haben es ermöglicht. Diese baulichen „Meisterwerke” wurden im Westen vorexerziert.(…)

Die Möglichkeiten der Wiederherstellung von Straßenzügen des alten Berlins begrenzen sich in der Nutzung vorhandener, Straßen im heutigen Berlin, im Wedding und Kreuzberg, noch, die Beton-Vergewaltigungen stehen schon fest. Schreibtischtäter und ihre Schubladen. Ich bedaure das nicht nur auf filmischer Sicht. Ein „Hoch” meiner Priviligiertheit.

Fotos: Rainer Werner Fassbinder Werkschau 1992

Aktuelle Ausstellung:
KW Institute for Contemporary Art
Fassbinder: Berlin Alexanderplatz – Eine Ausstellung. Bis 13. Mai 2007 - Auguststr. 69, 10117 Berlin

2007-03-18

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