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Neubauten in der Spandauer Vorstadt

Neubauten in der Spandauer Vorstadt

“Seit Anfang der 1990er Jahre sind in der Spandauer Vorstadt - ein laut Denkmalschutzgesetz Berlin geschütztes Denkmalensemble und ein nach § 172 BBauG ausgewiesenes städtebauliches Erhaltungsgebiet - eine Vielzahl von Neubauten entstanden. Die Qualität dieser Gebäude ist sowohl hinsichtlich ihrer Gestaltung als Einzelgebäude als auch Bezug auf ihre städtebauliche Einfügung sehr unterschiedlich. Die Vorgaben und Entwurfsansätze spiegeln sich in der Höhenentwicklung, den Geschosshöhen, der plastischen Gliederung der Baukörper, der Gestaltung der Fassaden, den verwendeten Materialien und Farben sowie der Ausbildung der gestalterischen Details. Einige Neubauten zeigen deutlich den Wunsch nach Maximierung der baulichen Ausnutzung. Das Spektrum reicht von Bauten, die sich in ihrer Gestaltung eher zurücknehmen oder als Ergänzungsbauten kaum zu erkennen geben bis hin zu Entwürfen, die keinen Bezug zu ihrer unmittelbaren Umgebung und zum Gesamtensemble herstellen.(…)

2009-09-14

Die Bedeutung der Spandauer Vorstadt als Denkmalensemble liegt darin begründet, dass sich hier ein vielschichtiger Denkmalort erhalten hat, der mit seiner Topographie und seinen überkommenen Bauten die fast dreihundertjährige städtebauliche Entwicklung dokumentiert. Noch heute ist im denkmalwerten Straßennetz der Spandauer Vorstadt das ursprüngliche Wegenetz ablesbar, das einst die mittelalterliche Stadt über das vor den Toren gelegene unbebaute Gebiet mit den umliegenden Gemeinden verbunden hat. Aus anfänglich entlang dieser Wege entstandenen Gebäuden, entwickelte sich langsam eine Vorstadt, die immer stärker in das urbane Gefüge und schließlich in die Großstadtentwicklung einbezogen wurde. Seine heutige Bedeutung als Denkmalensemble verdankt die Spandauer Vorstadt vor allem der Tatsache, dass es als einziges Vorortgebiet weitgehend von den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges verschont geblieben ist und uns heute exemplarisch und konzentriert Architektur-, Bau- und Stadtgeschichte Berlins vermittelt. Die Spandauer Vorstadt ist heute aber nicht nur ein Zeugnis der Vergangenheit, sondern ein lebendiger Denkmalort, dem durch seine Lage im Zentrum der Hauptstadt besondere und neue Bedeutung zukommt.(…)
Während der Ausgangspunkt für die Gestaltung der Neubauten des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts in der Spandauer Vorstadt die Weiterentwicklung im Sinne einer langfristigen Umgestaltung war, müssen Neubauten heute das Erhaltungsziel des Denkmalensembles und des städtebaulichen Erhaltungsgebietes berücksichtigen. Dies bedeutet keineswegs eine Musealisierung oder Anbiederung. Ganz im Gegenteil sollten Neubau selbstbewusst als neue Bestandteile des Denkmalensembles begriffen werden, die allerdings den überkommenen Bestand des Denkmalensembles und die für den Bereich charakteristischen Eigenarten respektieren und sich im Denkmalkontext durch Baukörpergliederung, Höhenentwicklung, Gestaltung und Material nicht ignorant verhalten.
Ein wesentlicher Punkt ist dabei die Höhenentwicklung der Gebäude. Mit den Neubauten des ausgehenden 19. und beginnenden 20.Jahrhundert entstanden in der Spandauer Vorstadt Bauten mit der für Berlin damals üblichen Traufhöhe von 22 Metern. Diese Entwicklungsstufe lässt sich heute deutlich im Stadtbild ablesen und prägt einige Bereiche der Spandauer Vorstadt. Im Auge behalten muss man dabei, dass diese Entwicklung ohne ein übergeordnetes Erhaltungsinteresse, allein im Hinblick auf die weitere Entwicklung und Umgestaltung des Bereiches erfolgte.
Die nach der Wende realisierten Neubauten entstanden jedoch unter geänderten Voraussetzungen, unter der erklärten Zielsetzung der Erhaltung des charakteristischen Erscheinungsbildes des Gebietes. Betrachtet man Neubauten der Nachwendezeit unter diesem Aspekt, ist festzustellen, dass ein Teil dieser neuen Gebäude allein durch ihre Bauhöhe die Umgebung und den Bereich dominieren und damit beeinträchtigen. Dies ist auch nicht mit dem Hinweis auf die Weiterentwicklung des Gebietes zu rechtfertigen. Ein weiterer Aspekt sind die Geschosshöhen und dabei vor allem die Höhe der Erd- und Ladengeschosse. Betrachtet man die Straßenräume innerhalb der Spandauer Vorstadt aufmerksam, stellt man schnell fest, dass die hohen Erdgeschosse bzw. die hohen Gebäudesockel, die sich aus einer gestalterischen Verknüpfung des sichtbaren Souterrains mit dem Hochparterre ergeben, das Bild der Straßenräume entscheidend mitprägen. Das Straßenraumprofil wird als großzügig wahrgenommen. Entscheidend und wirksam ist dabei die Höhe der Erd- und Ladengeschosse in ihrem Verhältnis zum Gesamtgebäude, in ihrem Verhältnis zur Breite der Straße und nicht zuletzt in ihrem Verhältnis zur Größe der Passanten. Die Erdgeschosse der meisten Neubauten sind dagegen zu niedrig und beeinträchtigen bzw. stören damit erheblich eine großzügige Wirkung und damit das Gesamtensemble.(…)”

TEXT aus: Norbert Heuler, Neubauten in der Spandauer Vorstadt
Spandauer Vorstadt in Berlin-Mitte, Ein Kunst- und Denkmalführer, Herausgegeben vom Landesdenkmalamt Berlin 2002

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