AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

Mythos Auguststrasse

Auguststrasse

Im aktuellen BERLIN BUCH des Tagesspiegel-Stadtmagazins ‘Zitty’ erläutert Claudia Wahjudi in einem Gespräch mit dem ehemaligen Auguststraßen Galeristen Friedrich Loock (Galerie Wohnmaschine), mit Jutta Weitz, Ben de Biel und dem Kunsthändler Judy Lybke, wie der ‘Mythos Auguststraße’ entstand.

‘Warum wurde dann ausgerechnet die Auguststraße zur Kunstmeile? Es gab doch so viele Straßen in der Nachbarschaft mit leeren Wohnungen und Läden.’
FRIEDRICH LOOCK: “Das lag an den damaligen Schlüsselfiguren, zum Beispiel an Jutta Weitz. Sie arbeitete in der Wohnungsbaugesellschaft Mitte, die fast alle Immobilien in Mitte verwaltete. Jutta hat die ganze Rückübertragung begleitet und mitgesteuert. Man wusste damals einfach: Dieses Haus wird den Besitzer wechseln oder ist in Restitution, das dauert vielleicht noch ein halbes Jahr. Und Jutta entschied: So lange nutzt Künstlerinitiative X oder Initiative Y die Räume und zahlt dafür nur die Betriebskosten – hier ist der Schlüssel. Kündbar innerhalb eines Monats, aber so lang tobt Euch aus. Jutta Weitz hatte auch für die heutigen Kunst-Werke ein Konzept auf dem Schreibtisch – für ein Bodybuilder-Center. Sie ist jedoch zu Klaus Biesenbach gegangen, der wenig später dort die Kunst-Werke gründen sollte.

JUTTA WEITZ: “(…) Die Auguststraße war interessant, weil sie zwischen Tacheles und Eimer lag. Da ist man damals automatisch durchgelaufen.(…) Damals haben sehr viele Menschen in Mitte Räume gesucht. Und am Anfang war der Bestand der WBM unheimlich groß, fast ganz Mitte. Ich hatte schnell mitgekriegt, dass die im Kunstbereich andere Möglichkeiten haben als etwa eine Tischlerei. Handwerker brauchen langfristige Mietverträge, weil sie Gewerbeauflagen erfüllen müssen. Die konnten wir aber oft nicht geben, weil die Eigentumssituation der Häuser unklar war. Ateliers und Galerien dagegen haben wenige Auflagen. Und wenn, dann hat sich niemand dran gehalten.(…) Um Zwischennutzung als Instrument der Stadtentwicklung ging es damals nie. Erst später wurde es so gesehen. Damals hat sich das zufällig entwickelt. Als Einzelfallentscheidung.”

(…)

FRIEDRICH LOOCK: “Das war vielleicht auch das Besondere an Berlin-Mitte. In Prenzlauer Berg saßen die alten Ostszene-Leute auf ihrer Ostszene und in Kreuzberg saßen die Westszene-Leute auf ihrer Westszene. Aber in Mitte gab es diesen limitierten Besitzverstand nicht. Dorthin kamen alle – aus West aus Ost, aus dem Ausland, aus Russland und Amerika. Die Dinge spielten sich anfangs auf Augenhöhe ab. Nichts war klar, außer der Vision: Hier liegt die Zukunft.

(…)

‘Wie hat man voneinander gehört?’
FRIEDRICH LOOCK: “Jutta veranstaltete damals ihre sonntäglichen Brunchs bei sich zu Hause, wo dann von Klaus Biesenbach bis zu den Leuten vom Tacheles und dem Eimer alle rumsaßen. Das war die Börse für die Infos: Wo waren Räume frei, wo kann man was nutzen? Jutta war der Schlüssel zu allem.”

Zitty Berlin Buch 2013

Quelle:
Zitty Spezial Berlin
Das Berlin Buch 2013

siehe auch:

Authentizität als Kulisse
Die Spandauer Vorstadt als lebendiges Beispiel für das Wechselspiel der Aufwertung zwischen Kunstbetrieb, Gewerbe und Sozialstruktur. Ein Resümee

2013-01-30

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