AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

Kann man eigentlich nicht mehr nicht Tourist sein?

Strandbar Mitte

Von der Auguststrasse aus, kann man schön im Monbijoupark an der Spree entlang spazieren. Sobald es aber wieder wärmer ist wird aus dem Spreeweg eine Open-Air-Gastronomie.
Von Paris ausgehend, verbreitete sich seit Anfang der 2000er Jahre in den europäischen Städten die Idee eines “künstlichen Strandes für Trockenschwimmer”.
Tom Holert und Mark Terkessidis beschreiben in ihrem Buch ‘Fliehkraft - Gesellschaft in Bewegung - von Migranten und Touristen’ in einem Kapitel die touristische Stadt:

Strandbar Mitte

“Allein zehn Strände zählt inzwischen Berlin, wo der Trend im Juni 2002 von der Strandbar Mitte im Monbijoupark seinen Anfang nahm. (…) Als Besucher dieser Oase wird man unweigerlich Teil einer komplexen Inszenierung der Blicke: Im Liegestuhl betrachtet man die Stadt und die Liegestuhlbenutzer um einen herum. Zugleich ist man Objekt des touristischen Interesses der anderen Strandgäste, aber auch der Passagiere an Bord der Ausflugsschiffe auf der Spree, für die die Stadtstrände inzwischen fester Sightseeing-Programmpunkt sind.
Der deplatzierte Strand fordert dazu auf, ein touristisches oder besser: post-touristisches Verhältnis zur Stadt zu entwickeln. Das ironische Abhängen in artifiziellen Dünen, bei dem die irreal-theatrale Situation um ihrer selbst willen genossen wird, stellt überkommene Vorstellungen von Urbanität auf die Probe und transformiert sie zugleich. Das Theater der touristischen Individuen findet auf einer vielfach verspiegelten Bühne statt, so als wäre man für die anderen mindestens ebenso sehr ein Schauspiel, wie die Position des Zuschauers für einen selbst ein narzisstisches Spektakel ist.

Strandbar Mitte

Mit ihren Liegestühlen, Cocktails, Palmen, Grillgerichten und dem dezenten Ambient Sound sind diese Anlagen bis ins Detail entsprechenden Stränden auf Ibiza oder Mykonos nachempfunden. Unweigerlich wird der aktuelle Aufenthalt mit den Erinnerungen an Tage verglichen, die man an solchen »echten« Stränden zubrachte. Irgendwie ist man nicht am richtigen Ort – oder der Ort ist nicht richtig. Hier wird die Stadt gewissermaßen sich selbst fremd. Sie entfremdet sich aber auch den Einwohnern, die als Para-Touristen ihrer eigenen Umgebung auf die Suche nach dem Außeralltäglichen den Stadtraum wie ein Multiplex-Kino oder ein Theater betreten und benutzen. Man muss erst lernen, wie man sich fühlen soll, als Tourist oder als Anwohner. Ist das der Beweis für die Behauptung, dass die Menschen in der Ersten Welt immer häufiger Touristen sind, ob sie dies nun mögen oder nicht?’ Jedenfalls scheint es in der Stadt der Dienstleistungen, des Finanzkapitals und der Kultur- und Wissensindustrien weitgehend unmöglich, zwischen Tourismus und anderen Formen des Konsums zu unterscheiden. »Das normale Leben, wenn es ein gutes Leben sein soll, sollte ein ständiger Urlaub sein« (Zygmunt Baumau).’ Imaginäres und Reales, Alltag und Außeralltägliches: alles entdifferenziert? Kann man eigentlich nicht mehr nicht Tourist sein? Zumindest deutet vieles darauf hin, dass die Bürger einer Stadt eine zunehmend verbrauchende Beziehung zu ihrem eigenen Alltag eingehen. Sie kolonisieren und folklorisieren sich gewissermaßen selbst. Sie experimentieren mit ihrer eigenen lokalen Identität und halten sich spielerisch offen, wie an- oder abwesend sie sich gerade fühlen.(…)

Die Touristisierung der Städte stellt Anforderungen an die Bereitschaft, sich mit den gastgebenden Umwelten zu identifizieren. Durch solche Anrufungen wird die kommerzielle Wende des Kosmopolitentums eingeleitet. Eine Führung durch die eigene Stadt, aber auch ein Stadtstrand appellieren sowohl an die kulturelle Kompetenz wie an die ökonomische Potenz zu genießen. Man soll in der Lage sein, sich in der spielerischen Aufhebung lokaler Begrenzungen und Besonderheiten neu zu erfinden.
Vielleicht liegt es an diesem appellativen Charakter, dass es durchaus Überwindung kosten kann, sich auf Stadtstrände oder ähnliche Angebote der urbanen Freizeitgestaltung einzulassen. Diese nicht-monumentalen Orte revidieren ja nicht nur die Idee von Sightseeing, sie modifizieren auch die traditionelle städtische Freizeitkultur der öffentlichen Parks und Freibäder. Oberflächlich mag der Versammlungsort touristischer Subjekte den traditionellen Stätten öffentlicher körperlicher Erholung ähneln, wie sie der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat und die sozialistische Stadt geschaffen haben. Doch die ihnen zugrunde liegenden sozialen Programme sind zumeist von den Zielen einer neoliberalen Bewirtschaftung des städtischen Raums geleitet, nicht von der Maxime der Reproduktion der Arbeitskraft. Die attraktive Inszenierung der Orte und der Personen, die sich an ihnen aufhalten, ist Teil einer ökonomischen Strategie, Aufenthaltsqualität und Immobilienwert zu steigern. Und die Verbraucher und die Dienstleister, die Bewohner und die Gäste sind durch ihr Verhalten und ihre Performanzen aktiv an dieser Wertschöpfung beteiligt.
So verstanden sind Stadtstrände avancierte Ausstattungsstücke einer »nutzerorientierten« Stadt. In ihr ist der Wert der Immobilie an den Schauwert der Inszenierung des Urbanen geknüpft. Nüchterne Schwimmhallen werden durch opulente Spaßbäder ersetzt; und an jedem Wochenende finden irgendwo auf den Straßen und Plätzen in Wohngebieten oder innerstädtischen Bezirken Marathonläufe, multikulturelle Straßenfeste und Open-Air-Konzerte statt.”

Tom Holert, Mark Terkessidis: Fliehkraft
Gesellschaft in Bewegung - von Migranten und Touristen
, Köln 2006
Eine Rezension: https://www.iz3w.org/zeitschrift/ausgaben/299_g8_2007/rez3

2015-02-09

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