AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

Formensprachen - zwischen aufständischen Zeichen und Werbung

Graffiti sind dabei, erfolgreich domestiziert zu werden.
Tatsächlich haben zahlreiche Marken, insbesondere Mode- und Lifestylelabels, längst die vermeintlich authentische Formensprache des Graffiti für sich entdeckt und problemlos ins eigene Repertoire übernommen, den Mythos vom Widerstand inklusive.
Rosenthaler Stra�e 1996

Werbefläche in der Rosenthalerstraße, Höhe Mulackstraße, 1996. Heute steht auf der Freifläche ein Neubau.

Denn »Graffiti ist in« – das hat mittlerweile sogar die Landeskommission Berlin gegen Gewalt erkannt, die in einem Brief an die Schüler unter dieser Überschrift schreibt: »Graffiti findet nicht nur Ihr gut, sondern auch Erwachsene: wenn es auf Krawatten auftaucht, auf Postern oder in der Krankenkassenwerbung. Ein bisschen Graffiti-Design auf den Espresso-Tassen ist auch o.k.«
(…)Dass Graffiti, solange es illegaler »Vandalismus« bleibt und damit die gängigen Verhaltens­regeln in Frage stellt, durchaus nicht als harmlos angesehen und deshalb ständig mit neuen und härteren Sanktionen belegt wird, zeigt, welch subversives, die öffentliche Ordnung gefährdendes Potenzial ihm offenbar immer noch innewohnt. Und zwar genau durch die Kompromisslosigkeit, Absichtslosigkeit, Unvorhersehbarkeit und Unkontrollierbarkeit, die verlorengeht, wenn Graffiti zu Kunst oder Design wird und sich damit wieder klar in herkömm­liche Strukturen und Schub­laden einordnen lässt.

Graffiti und Werbung

Graffiti und Werbung

“Guerilla-Vermarktung” in der Auguststraße in den letzten Tagen

2008-01-04

Der insbesondere unter Sprayern beliebte Slogan »Graffiti is art, not a crime« gleicht eigentlich einer Entschuldigung. Man rechtfertigt sich. Man sucht Verständnis. Man macht doch bloß Kunst.
Wird dann aber aus den von Baudrillard einst­mals beschriebenen aufständischen Zeichen nicht ganz schnell reine Dekoration, die nicht mehr gegen die Langeweile unserer Städte gerichtet ist, sondern diese letztlich mitproduziert?
(…)Denn wie bei jeder schleichenden Vereinnahmung ehemals widerständiger Subkulturen profitiert vor allem die Werbung davon. Tatsächlich haben zahlreiche Marken, insbesondere Mode- und Lifestylelabels, längst die vermeintlich authentische Formensprache des Graffiti für sich entdeckt und problemlos ins eigene Repertoire übernommen, den Mythos vom Widerstand inklusive.

Text: Diana Artus, Die Zeichen auf der Tasse, Jungle World Nummer 30 vom 26. Juli 2007

Ein anderes Beispiel: die “erste werbefreie Großstadt” São Paulo.

(…)Es war der große Clou für Buergermeister Gilberto Kassab. Vor etwas mehr als einem Jahr verabschiedete das Stadtparlament in São Paulo die Verordnung der Cidade Limpa, der sauberen Stadt. Innerhalb weniger Monate verwandelte sich die einst visuell vollkommen verschmutzte und verstopfte Stadt in eine werbefreie Zone. Keine Outdoors, keine überdimensionalen Schriftzüge und Fotos mehr.
Jetzt erobern Grafittis die freigewordenen Häuserflächen. Für die Spraykünstler ist São Paulo zu einem Paradies geworden - solange man Kunst produziert, die der Stadtverwaltung gefällt. Und keine Pichação, eine Bezeichnung, die für die unerwünschten Grafittis steht. Schmierereien halt.

(…)Anfang der 90er Jahre geriet der Sprayer Eduardo Kobra des Öfteren in Konflikt mit der Polizei, die ihn zweimal wegen seiner hip-hop Grafittis festnahm. Danach sprühte er für Skate- und Surggeschäfte, wechselte von der einfachen Spraydose zum Airbrush und begann, sein Geld mit gesprühter Werbung zu verdienen.

(…)”Mit der Einführung der Verordnung der Cidade Limpa haben es einige Geschäftsinhaber mit der Angst bekommen und auf Grafitti-Werbung verzichtet. Sie waren verunsichert, was noch erlaubt war und was nicht. Andere besser Informierte haben erkannt, dass man nur die bisherige Werbung abnehmen und durch eine richtig coole Sache mit Illustrationen ersetzen brauchte. Eine Art indirekter Werbung halt, die die Stadtverwaltung als Kunstwerk anerkennt.”
Doch die Stadtverwaltung ist wählerisch. Denn gleichzeitig überpinseln die Angestellten der Stadtreinigung all das, was nach der Meinung der Regierenden zu anstößig ist.
Text: Thomas Milz, Brasilien: Zwischen Kunst und Schmiererei Grafitti in São Paulo, Brasilien: Zwischen Kunst und Schmiererei Grafitti in São Paulo - caiman.de 11/2007

sieha auch: São Paulo ist werbefrei

Kommentar hinterlassen: