AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

Die Verstaatlichung des Lebens

So sehr wir daran gewöhnt sind, wir sollten doch nicht das Gefühl für den beklemmenden Widersinn der Tatsache verlieren, daß die Einwohner einer heutigen Großstadt, um friedlich auf der Straße gehen und ihre Geschäfte besorgen zu können, einen Polizisten brauchen, der den Verkehr regelt. Der “ordnungsliebende Bürger” glaubt in seiner Harmlosigkeit, daß diese “Organe der öffentlichen Ordnung”, die für die Ordnung ins Leben gerufen sind, sich damit begnügen werden, immer die Ordnung herzustellen, die ihm zusagt. Aber es wird unvermeidlich dahin kommen, daß sie selbst die Ordnung bestimmen, die sie herstellen - und das wird zuverlässig die sein, die ihnen paßt. (José Ortega y Gasset)

2007-11-08 

Man vergegenwärtige sich, was der Staat zu Ende des 18. Jahrhunderts bei allen europäischen Nationen war. Sehr wenig. Die Anfänge des Kapitalismus und seine industriellen Organisationen, in denen sich zum erstenmal die Technik, die neue, die rationalisierte Technik, siegreich durchsetzte, hatten ein erstes Anwachsen der Gesellschaft zuwege gebracht. Ein neuer sozialer, an Zahl und Macht den früheren überlegener Stand tauchte auf: das Bürgertum. Dies schlimme Bürgertum besaß vor allem eines: praktische Begabung. Es verstand sich auf Organisation, Disziplin, stetige, eingeteilte Arbeit. Auf ihm schwamm wie auf einem Meer, gefahrbedroht, das Staatsschiff. Das ist eine Metapher, die das Bürgertum wiederentdeckt hat; es fühlt sich selbst wie ein Meer, allgewaltig und mit Stürmen schwanger.(…)
Da der Staat eine Technik ist, Technik der öffentlichen Angelegenheiten und der Verwaltung, verfügt das ancien régime des 18. Jahrhunderts über einen sehr schwachen Staat, gegen den von allen Seiten eine breite, aufgewühlte Gesellschaft anbrandet. Das Mißverhältnis zwischen der Macht des Staates und der sozialen Macht ist so groß, daß der Staat des 18. Jahrhunderts, wenn man die damalige Lage mit der unter KARL DEM GROSSEN vergleicht, wie eine Entartung wirkt. Gewiß verfügte der karolingische Staat über weit geringere Mittel als der LUDWIGS XVI., aber dafür war andererseits die Gesellschaft, die ihn umgab, völlig machtlos. Der enorme Niveauunterschied zwischen der Stärke der Gesellschaft und der öffentlichen Gewalt machte die Revolution - machte die Revolutionen bis 1848 möglich.
Aber mit der Revolution bemächtigte sich das Bürgertum der öffentlichen Gewalt, und seine unleugbaren Tugenden auf den Staat anwendend, schuf es in weniger als einer Generation eine mächtige Organisation, die mit den Revolutionen aufräumte. Seit 1848, das heißt seit dem Beginn der zweiten Generation bürgerlicher Regierungen, haben in Europa die eigentlichen Revolutionen aufgehört. Und nicht weil man keine Gründe, sondern weil man keine Mittel dazu hatte. Die staatliche und die soziale Macht haben sich ausgeglichen. Nur das Gegenteil der Revolution ist in Europa noch möglich: der Staatsstreich. Und alles, was noch wie eine nachgeborene Revolution aussehen könnte, war in Wirklichkeit nur ein maskierter Staatsstreich.
In unserer Zeit ist der Staat eine gewaltige Maschine geworden und arbeitet dank der Fülle und Präzision seiner Mittel mit einem bewundernswerten Wirkungsgrad. Ein Druck auf einen Knopf genügt, damit sich seine ungeheuren Hebel in Bewegung setzen und dröhnend an jeder Stelle des sozialen Körpers eingreifen.(…)
Das ist die größte Gefahr, die heute die Zivilisation bedroht: die Verstaatlichung des Lebens, die Einmischung des Staates in alles, die Absorption jedes spontanen sozialen Antriebs durch den Staat; das heißt die Unterdrückung der historischen Spontaneität, die letzten Endes das Schicksal der Menschheit trägt, nährt und vorwärtstreibt.(…)
Die Gesellschaft muß für den Staat, der Mensch für die Regierungsmaschine leben. Und da der Staat letzten Endes eben nur eine Maschine ist, deren Dasein und Erhaltung von der Lebenskraft ihrer Besorger abhängt, wird er, nachdem er der Gesellschaft das Mark ausgesogen hat, selber ein klapperndes Gerippe werden und sterben - den rostigen Tod einer Maschine sterben, der viel leichenhafter ist als der eines lebendigen Organismus.
Dies war das klägliche Schicksal der antiken Kultur.(…)
Das ganze Leben wird bürokratisiert. Was geschieht? Diese Maßnahmen erzeugen in allen seinen Ordnungen deutliche Verfallserscheinungen. Der Reichtum nimmt ab, und die Weiber gebären weniger. Darauf zieht der Staat, um seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, die Schrauben schärfer an; die Bürokratisierung zweiten Grades ist die Militarisierung der Gesellschaft. Das dringendste Bedürfnis des Staates ist sein Kriegsapparat, sein Heer. Er hat vor allem für die Sicherheit zu sorgen (für jene Sicherheit, die den Massenmenschen gebiert, man beachte es wohl). Darum ist er in erster Linie Heer.(…)
Ein konkretes Beispiel für diesen Mechanismus liefert uns eine der beunruhigendsten Erscheinungen der letzten dreißig Jahre: die enorme Vermehrung der Polizei in allen Ländern. Die wachsende Ausdehnung der Gemeinwesen hat unentrinnbar dazu geführt. So sehr wir daran gewöhnt sind, wir sollten doch nicht das Gefühl für den beklemmenden Widersinn der Tatsache verlieren, daß die Einwohner einer heutigen Großstadt, um friedlich auf der Straße gehen und ihre Geschäfte besorgen zu können, einen Polizisten brauchen, der den Verkehr regelt. Der glaubt in seiner Harmlosigkeit, daß diese , die für die Ordnung ins Leben gerufen sind, sich damit begnügen werden, immer die Ordnung herzustellen, die ihm zusagt. Aber es wird unvermeidlich dahin kommen, daß sie selbst die Ordnung bestimmen, die sie herstellen - und das wird zuverlässig die sein, die ihnen paßt.

José Ortega y Gasset (geb. 9. Mai 1883 in Madrid; gest. 18. Oktober 1955 ebenda) war ein spanischer Philosoph, Soziologe und Essayist

Der Textauszug ist aus seinen Werk, La rebelión de las masas, Madrid 1929

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