AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

Die Produktion des städtischen Raums

Henri Lefèbvre
Die Produktion des städtischen Raums

Die Unterscheidung zwischen Tauschwert und Gebrauchswert ist im marxistischen Denken von zentraler Bedeutung. Im »Kapital« bestimmt Marx in der Tat die Beziehung zwischen diesen beiden Formen des Werts als einen logischen Widerspruch, indem er sie einander gegenüberstellt als die beiden Pole eines in der Sache – der Ware – begründeten Gegensatzes. Noch heute entfaltet sich im Raum der modernen Gesellschaft ein verschärfter und heftiger Konflikt zwischen diesen beiden Formen des Werts – zwischen einem Raum, der immer mehr zum Tauschwert wird, und einem noch bewohnten Raum, der nur noch in dem Maße Gebrauchswert hat, wie ihn der Tauschwert nicht völlig zerstören konnte oder zum Verschwinden bringt.

So sind z.B. alle historischen Räume, der Raum der Dörfer und die Räume vorkapitalistisch geprägter Landschaften noch Träger von Gebrauchswerteigenschaften. Der Tourismus bewirkt, dass man sich auf sie stürzt, er unterwirft sie dem Tauschwert und bringt sie dadurch zum Verschwinden.
Der Tauschwert selbst entwickelt sich in Richtung einer immer größer werdenden Abstraktion vom Gebrauchswert und führt schließlich zum Austausch bloßer Abstraktionen und Zeichen.
Die durch die Verstädterung hervorgebrachten Probleme stellen sich hier in aller Schärfe, denn sie betreffen Räume, die durch Spekulation und Investition von Kapital unmittelbar der Herrschaft des Tauschwertes unterworfen sind, obgleich der städtische Raum konkreten Gebrauch bedeutet, d.h. den Gebrauch konkreter Zeit. Soweit städtische Räume dem Tauschwert unterworfen werden, wird ihr konkreter Gebrauch erschwert.
(…)

2009-03-26

Der kapitalistische Raum
(…)

Dieser kapitalistische Raum ist nicht leicht zu definieren. Um ihn zu bestimmen,
reicht die Aussage nicht aus, er sei quantitativ oder er habe den perspektivischen
Raum, d.h. einen in einer besonderen Weise qualifizierten Raum durch einen
qualitativ anderen Raum ersetzt. Dieser qualitativ andere Raum ist ein homogener,
aber ein in seiner Homogenität zersplitterter Raum. Die bildenden Künste
haben in bemerkenswerter Weise zutreffende Modelle davon geliefert, wie ein
Raum gleichzeitig homogen und zersplittert sein kann.
Aber wie kann denn nun der Raum gleichzeitig homogen und zersplittert sein?
Liegt darin nicht ein logischer Widerspruch? Keineswegs! Dieser Raum ist homogen,
weil darin alles äquivalent, weil darin alles austauschbar und auswechselbar
ist; weil es ein Raum ist, der dem Verkauf unterliegt und weil es nur einen
Verkauf von Äquivalenten, von Austauschbarem gibt. Dieser Raum ist aber ebenso
zersplittert, weil er durch Grundstücke oder Parzellen gebildet wird. Und er
wird Grundstück für Grundstück oder Parzelle für Parzelle verkauft, er wird also
fortwährend zersplittert und fragmentiert, mehr noch: pulverisiert. Aufgebaut auf
der Warenwelt, in der alles äquivalent, auswechselbar und – insbesondere durch
den Staats- und Polizeiapparat – kontrolliert und kontrollierbar ist, ist dieser
Raum homogen, aber auch zersplittert, da er sich auf manchmal winzigen Grundstücken
oder Parzellen erhebt – deren Größe nach unten hin ausschließlich
durch ihre Eignung zur Bebauung begrenzt ist – auf Grundstücken, die nach den
Gesetzen oder den Regeln der Grundrente und der Spekulation so teuer wie
möglich verkauft werden. Dass er gleichzeitig homogen und zersplittert sein soll,
schien zunächst paradox, dieser Raum ist jedoch ein logischer Raum, wenn auch
die Logik des Ganzen dadurch negiert wird, dass sich die Details im Zustand der
Fragmentierung befinden.

Anmerkung:

Auf Grundstücken zum Wohnungsbau, auf denen keine
Produktion stattfindet, wird eine sogenannte »Monopolrente « erwirtschaftet.
Der Bodenpreis ist die kapitalisierte Grundrente. Er bildet
sich aus der möglichen, nicht aus der tatsächlich erwirtschaftbaren
Grundrente und erzwingt so die maximale ökonomische
Ausnutzung dieses Raumes. Das ist das von Lefèbvre
angesprochene Gesetz der Grundrente.

www.anarchitektur.com

Kommentar hinterlassen: