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Der Berliner Handwerkerverein

Berliner Handwerkerverein - Sophienstrasse

Sophiensäle, Sophienstraße 17/18

Im April 1844 konstituiert sich unter Leitung des Stadtsyndikus Heinrich Hedemann der Berliner Handwerkerverein mit etwa 250 Mitgliedern. Entsprechend seinem Statut will der Verein vor allem der fachlichen Bildung dienen. Politische Betätigung ist gesetzlich nicht erlaubt und vom Begründer auch nicht beabsichtigt.
Dennoch hat der Handwerkerverein in der ersten Periode der Berliner Arbeiterbewegung große Bedeutung erlangt. Er ist die erste Vereinigung, in der Meister, Gesellen und Arbeiter verschiedener Berufsgruppen freiwillig zusammenkommen.
1846 gehören ihm bereits 94 Meister und 1984 Gesellen an. Stephan Born, ein 1840 aus Posen nach B. gekommener Schriftsetzer, der als Mitglied des Vereins und Verfasser der ersten selbständigen politischen Schrift eines Berliner Arbeiters eine bedeutende Rolle spielt; bezeichnet den Handwerkerverein viele Jahre später in seinen Erinnerungen als eine »Bildungsstätte für heranwachsende Revolutionäre«.

Bei den Straßenkämpfen, die während des Revolutionsjahres 1848 stattfanden, kämpften überwiegend nicht organisierte Arbeiter, Kleinbürger und vor allem Arbeitslose.
Der »Handwerkervererein«, neben dem Zentralkomitee die größte Organisation der arbeitenden Klassen, versuchte beim Zeughaussturm im Juni sogar zu vermitteln.

Trotz seiner einlenkenden Haltung war er der Regierung verdächtig, die Einschüchterungs- und Verfolgungsmaßnahmen gegen ihn wurden auch nach dem März fortgesetzt. Im August wurde eine Durchsuchung in der Privatwohnung des »Vereins-Oeconomen Herrn Schölzel« und im Vereinslokal vorgenommen, bei der Polizei und Schutz- und Bürgerwehrmänner gemeinschaftlich vorgingen.

2008-09-15

Das dazu mitbeauftragte Corps der Kaufmannschaft distanzierte sich allerdings nachträglich von der Aktion. In einem Eckenanschlag trat es für die »Wahrung der Rechte des Volkes« ein:
»Diese halten wir dadurch für verletzt, daß man einem Teile der Volkswehr die von ihm vorrätig gehaltene Munition konfisziert.«
Daß diese Aktion angeblich der Suche nach 148 000 scharfen Patronen, die man beim Handwerksverein vermutete, dienen sollte, war Anlaß zu zahlreichen empörten, spöttischen und ironischen Flugschriften gegen diese Polizei-Aktion.

Der Vorstand des Handwerkervereins wandte sich protestierend mit einem Flugblatt an die Öffentlichkeit. Als Flugblatt des Vereins ist der Druck unter der Überschrift Handwerkerverein. Johannis-Straße Nr. 4 mit dem Emblem des Vereins versehen: In einem Kranz zwei Hände, sie umfassen gemeinsam den Griff eines Schwertes, dessen Schneide nach oben zeigt und über die Begrenzung des Kranzes hinausgeht; über dem Kranz das Wort >Vorwärts<. In dem Blatt wird über den Vorfall informiert und zugleich Empörung ausgedrückt:
»Dieselben [mehrere Polizei-Beamte, ] erklärten, ohne einen schriftlichen Befehl vorzuzeigen, beauftragt zu sein nach Munitions-Vorräthen, angeblich 148 000 scharfe Patronen (!) zu suchen. -Obgleich nun ein solcher Vorrath, der zehn Centner an Gewicht betragen würde, leicht in die Augen gefallen wäre, so enthielt man sich jedoch nicht, die kleinen Kinder aus dem Bette zu jagen und in das Zimmer einer seit fünf Tagen entbundenen Wöchnerin zu dringen, so wie alle Kisten und Kasten zu durchsuchen... Der unterzeichnete Vorstand des Vereins, sowie das Commando des bewaffneten Corps halten sich für verpflichtet, dies zur öffentlichen Kenntniß zu bringen, und feierlichst gegen eine solche Gefährdung der persönlichen Sicherheit und des Hausrechts sowie des guten Rufs des Vereins zu protestieren.«

Flugblatt 1848

Der nach der 1848er Revolution verbotene, 1859 wieder zugelassene Berliner Handwerkerverein erwirbt in der Sophienstraße 15 ein Grundstück und richtet dort sein erstes Vereinshaus ein.

Das Symbol des neu gegründeten Vereins waren die verschlungenen Hände, die man heute noch am Portal in Stein gemeißelt sieht. Die verschlungenen Hände sind Zeichen der Verbrüderung. Interessant ist, dass das Symbol in der Folge des Verbots und der Neugründung unter weniger kämpferischen Vorzeichen und der Vermeidung jedweder politischer Assoziation, seines Schwerts beraubt wurde. Dieses war zuvor zwischen den Händen gesteckt. Die Überschrift lautete: »Vorwärts!« die Umschrift »Handwerker-Verein in Berlin«. Der Verein zählte zu diesem Zeitpunkt 1400 Mitglieder.

Berliner Handwerkerverein

Das Gebäude
Anfang 1904 entstand in der Rosenthaler Str. ein neues Warenhaus für den Wertheim-Konzern. Beim Ausheben der Baugrube gaben die Mauern des angrenzenden Vereinshauses der Handwerker nach; es musste gesperrt werden. Die Wertheim AG kaufte das Grundstück und der Handwerkerverein war gezwungen, sich nach einem neuen Baugrund umzutun.

Der Verein erwarb schließlich zwei neue Grundstücke in derselben Straße: die Sophienstr. 17 und 18.
Die Vorderhäuser standen bereits und wurden als Wohnhäuser genutzt. Es war der Verein, der das aufwändige Portal und die repräsentative Durchfahrt neu und erst im Nachhinein gestaltete.
Das Gebäude besteht aus 91 Räumen, einschließlich der Flure, Vorratsräume, der Kegelbahn im Keller und dem Kohlenkeller. Im Erdgeschoss befand sich eine Restauration mit Garten, ein Vorsaal, das Casino, später »Virchowsaal«, die 300 Bände umfassende und wohl eifrig genutzte Bibliothek mit Lesesaal und das Vorstandszimmer. Es ist ein stattlicher Gebäudekomplex, der aus fünf Flügeln besteht und dessen Grundriss einem »H« gleicht.
Durch den gesamten 1.Stock zieht sich der große Saal mit Vorsaal (heute Foyer); im 2. Stock gab es zwei Vorsäle und die Galerie des großen Saals mit 160 Sitz- und 140 Stehplätzen, wenn man die Sitze herausgenommen hat: 1400 Stehplätze im Saal; Im 3. Stock: 2 große Zimmer (Hochzeitszimmer), die Küche, das Sängerzimmer und 4 Räume für Unterrichtszwecke. Das DG: 3 weitere Zimmer, auch als Unterrichtsräume genutzt (für je 49 Personen) und ein »Utensilienraum«. Eine architektonische Besonderheit ist sicher, dass die Galerie im »Großen Festsaal« nicht von unten gestützt oder getragen wurde, sondern frei im Raum an Eisenträgern hing, die an der Dachkonstruktion verankert waren.

Die Säle
Die Säle wurden, wie schon in der Sophienstr. 15, an einen Pächter übergeben. Er war für die Vermietung des Saals zuständig. Schon in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts hat sich die Bezeichnung »Sophiensaal« oder »–säle« eingebürgert; u.a. um klar zu machen, dass es sich um ein vom Handwerkerverein unabhängiges Unternehmen handelte. Es blieb allein dem Pächter vorbehalten, an wen der Saal vermietet wurde.

Quellen:

Sigrid Weigel, Flugschriftenliteratur 1848 in Berlin, Stuttgart, 1979
Berlin: illustrierte Chronik bis 1870, Berlin (DDR) 1988
http://www.sophiensaele.com/pdf/geschichte_lang.pdf

siehe auch: Berlin Mitte Geschichte - 1848 - Barrikadenkämpfe in Berlin

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