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Der 9. November in der deutschen Geschichte

November 1918

Deutschland krankt an der verratenen Revolution von 1918 noch heute.(…)
Die Revolution von 1918 und ihre Unterdrückung durch diejenigen,
die sie vorübergehend an die Macht trug, sind praktisch aus dem deutschen
Geschichtsbewußtsein verschwunden; man kann auch sagen: verdrängt.
Sebastian Haffner

Der 9. November in der deutschen Geschichte
Auszüge aus einen Gespräch mit Sebastian Haffner.

Welche Bedeutung messen Sie dem 9. November 1918 für den Fortgang der deutschen Geschichte zu.

Sebastian Haffner: Der große Fehler der populären Geschichtserinnerung: Am 9.November fand eine Revolution in Deutschland statt, der Kaiser dankte ab, und dann wurde am 11. November ein Waffenstillstand geschlossen - als ob der 9. November sozusagen die Ursache des 11. November gewesen wäre. Das führt völlig in die Irre. Der Waffenstillstand war Ende September von der Obersten Heeresleitung eingeleitet worden, durch den festen Beschluß, dem sich der Kaiser und der damalige Reichskanzler fügten, ein Waffenstillstandsgesuch an den amerikanischen Präsidenten zu leiten. Damit wurden Verhandlungen eingeleitet, die sich dann durch den ganzen Oktober hinzogen und die schließlich zum Abschluß des Waffenstillstandes am 11. November führten. Daß der Waffenstillstand sehr hart sein würde und die Weiterführung des Krieges für Deutschland unmöglich machen würde, das war schon Ende September sozusagen in der Situation drin, denn ohne das hätten Hindenburg und Ludendorff den Kaiser und die Reichsregierung nicht gezwungen, ein dringendes, damals noch ganz unbefristetes Waffenstillstandsersuchen an den Führer der mächtigsten Feindmacht zu richten. Also das war längst eingeleitet und hatte mit dem, was am 9. November intern in Deutschland geschah, überhaupt nichts zu tun.

Der 9. November ist in die Geschichtsschreibung eingegangen als der Tag einer Revolution - haben Sie eigentlich den Eindruck, daß das eine Revolution war oder daß die Deutschen das überhaupt als Revolution wahrgenommen haben, bis heute?

Sebastian Haffner: Eine Revolution hat tatsächlich in Deutschland stattgefunden, aber das ist jetzt ein zweiter Punkt, auf den ich gern kommen wollte: sie hat nicht am 9. November stattgefunden, sondern da kam sie auf ihren Höhepunkt und erreichte die Reichshauptstadt Berlin - aber sie hat die ganze vorhergehende Woche in der ganzen nord- und westdeutschen Provinz stattgefunden. In München z. B. schon zwei Tage vorher, am 7. November, wo der König verjagt wurde und die Republik Bayern ausgerufen. Auch in vielen andern westdeutschen Städten - Köln, Frankfurt … Ausgebrochen war sie ja in Kiel, auf der Hochseeflotte, am 4. November. Von dort breitete sie sich zunächst in Norddeutschland aus. Aber dann griff sie ohne direktes Eintreffen von Matrosen auf das ganze westliche Deutschland über und kam eben am 9.November dann auch in Berlin an. Östlich von Berlin hat eigentlich nie eine Revolution stattgefunden, auch das ist interessant - sondern da übernahm dann die neue sozialdemokratische Regierung, die am 9. November immer noch auf Veranlassung der kaiserlichen Regierung des Prinzen Max von Baden, gebildet wurde, die Macht.

Haben die beiden anderen 9.November - 1938, 1989 - eine stärkere Wirkung auf unsere gegenwärtige politische Lage als 1918?

Sebastian Haffner: Nein, das würde ich eigentlich historisch nicht so sehen. Beides waren natürlich ungeheuer wichtige Ereignisse - obwohl der 9. November 1938 ja nur ein Auftakt war, der Beginn dessen, was man dann den Holocaust genannt hat. Es war historisch keine Wegmarke. Es war der Anfang von etwas noch viel Schlimmerem: der systematischen Ausrottung der europäischen Juden, jedenfalls dem Versuch dazu. (…)

Haben wir Anlaß, den 9.November 1918 zu begehen oder gar zu feiern?

Sebastian Haffner: Feiern - gewiß nicht. Begehen, uns an ihn erinnern, dazu haben wir großen Anlaß. Denn er hat tiefgehende und langdauernde, bis heute nicht voll überwundene Folgen gehabt, z.B. auch die, daß die SPD aufgehört hat, eine klare Partei mit einem klaren Wollen zu sein. Sie gibt sich immer noch als Linkspartei, ist aber im Grunde genommen eine zweite Rechtspartei geworden, und zwar durch das Wirken Eberts und Noskes gegen die damalige Revolution, die von den damaligen Anhängern der SPD veranstaltet wurde. Das versucht man nun klarzumachen.

Das Gespräch wurde am 8.11.93 im RIAS Berlin gesendet.

Quelle: Sebastian Haffner, Der Verrat, Verlag 1900, Auflage September 2002

2008-11-16

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