AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

Das Putzfrauen-Dilemma

Neubau Linienstrasse 40

Neubau Linienstrasse 40

Gebaut wird viel in der Spandauer Vorstadt: Hotels und Geschäftshäuser, Kunsthallen und Häuser mit Eigentumswohnungen …

Kunsthalle Auguststrasse

Doch die kreative Klasse in den ganzen Eigentumswohnungen braucht doch Kindermädchen und Putzfrauen. Günstige Mietwohnungen werden aber nicht mehr gebaut …
siehe auch: Das Putzfrauen-Dilemma

Der heutige bürgerliche Mittelstand ist vertraut mit einem Problem, das als “Putzfrauen-Dilemma” bekannt ist. Es geht etwa so: Nach dem ersten Kind geht die Frau wieder arbeiten. Da sie in konventioneller Weise für den Bereich der familiären Reproduktion verantwortlich ist, kauft sie fremde Dienstleistungen ein, um sich die Zeit zu verschaffen, in der sie arbeiten geht: Sie beschäftigt eine Putzfrau. (Christoph Spehr)
2008-06-27

Die Putzfrau kostet Geld. Nun arbeitet aber die Frau, die die Putzfrau anstellt, selbst in der Regel Teilzeit. Sie wird aufgrund von Babypause, Qualifikationsverlust und allgemeiner patriarchaler Lohnpolitik vergleichsweise schlecht bezahlt. Da überdies die staatliche Steuerpolitik sie benachteiligt bzw. den männlichen “Alleinernährer” besonders fördert, stellt sich heraus: Es lohnt sich nicht. Der Mehrverdienst geht für das drauf, was die Putzfrau kriegt, ja womöglich zahlt man noch drauf, und wenn die Putzfrau dann noch Sozialabgaben kriegen soll, du lieber Himmel. Ohne Putzfrau kann die Frau nicht wieder arbeiten gehen; mit Putzfrau aber auch nicht. Das ist das Putzfrauen-Dilemma.Das Putzfrauen-Dilemma betrifft verschiedenste Dienstleistungen und Lebensformen. Seine Ökonomie lässt sich in Kategorien von Geld oder von Zeit beschreiben. Was kostet die Tagesmutter? Wieviel Zeit kostet es, die Kinder zur Kita zu schaffen, wieder abzuholen, an Elternabenden teilzunehmen, unter Umständen alle paar Wochen für alle zu kochen usw.? Wieviel Ärger bereitet die Putzfrau, die ständig alles falsch macht? Der stöhnende Ausruf, dass es “sich nicht lohnt”, wird von traditionellen patriarchalen Kleinfamilien ebenso erhoben wie von homosexuellen Lebensgemeinschaften oder alternativen WGs, die alle ihre Putzfrau haben wollen. Er wird auch von karriereorientierten Singles ausgestoßen, die feststellen, dass ihre aktuelle Beziehung soviel Beziehungsarbeit oder soviel Geld kostet, dass die emotionalen, zeitlichen und finanziellen Kosten den Gewinn für die Reproduktion der eigenen Arbeitskraft überwiegen. Im Prinzip folgt auch das unternehmerische Jammern über die hohen Lohnnebenkosten und dass Arbeit “zu teuer” ist, dem Muster des Putzfrauen-Dilemmas. “Ohne” geht es nicht, “mit” aber lohnt es sich auch nicht.
Natürlich haben alle ihre Putzfrau. Natürlich lohnt es sich anscheinend doch.

Worum geht es also? Es geht um Ideologie; es geht um die Verteidigung eines Anspruchs; es geht um eine Politik, diesen Anspruch durchzusetzen. Dieser Anspruch lautet: Du musst weniger kosten als ich. Und: Du musst akzeptieren, dass ich den Preis festsetze, so dass du weniger kostest als ich. Und zwar deutlich weniger.
Dies ist das Putzfrauen-Prinzip. Wo immer über das Putzfrauen-Dilemma lamentiert wird, geht es im Kern um die Durchsetzung des Putzfrauen-Prinzips: des Anspruchs, dass jemand anders weniger kosten muss als wir und dass wir die Bedingungen der Kooperation möglichst einseitig diktieren. (Christoph Spehr)
aus: Gleicher als Andere
Eine Grundlegung der Freien Kooperation

2 Kommentare zu 'Das Putzfrauen-Dilemma'

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  1. Fat Andy sagt,

    am 6. Aug. 2008

    Witzig, bei mir ging’s um ne saubere Kueche.

    Herr Spehr soll sich eine Putzfrau anschaffen, ruhig zu ihre eigene Konditionen. Dann haette er mehr Zeit solche Unsinnigkeiten auszudenken.


  2. am 28. Aug. 2008

    Ein gelungener Beitrag zum neuen Schmelztigel “Scheunenviertel”. Doch neben der Augustsraße hat hier jede Straße eine Vergangenheit. Beispiel wäre die Mulakstraße mit ihrem legendären Ruf der Tresor. oder Geldschrankknacker, den Gebrüder Sass. Wikipedia meldet dazu: Die Brüder Sass waren zwei Berliner Einbrecher, die in der Weimarer Republik große Popularität erlangten. Und die Mulakbar war ihr Domizil. Doch ehrlich gesagt, Mitte ist doch nur noch was für Menschen mit Geld. Die brotlosen Künstler, Clubgänger und Bohemes haben sich schon in Friedrichshain ihr neues Quartier erobert, Boxhagener Straße, Revaler Straße bis zum Schlesichen Tor, dem türkischten aller Orte in Berlin, hier findet die Zukunft 2008 Plus statt. In Mitte wird nur noch Geld transferiert, auch nicht schlecht, als Nachtfahrer mache ich da immer guten Umsatz.

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