AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

Berlin Mitte Geschichte - Neue Schönhauser Straße 8

Neue Schoenhauser Strasse 8

Das Haus mit den sechs Mädchenköpfen

Wenn von Alt-Berlin die Rede ist, meint man jene Teile unserer Stadt, die zwischen der Jungfernbrücke und der Klosterstraße liegen. Daß es aber auch außerhalb jener Bezirke noch manche Erinnerung an das frühere Berlin gibt, wissen nur die wenigen, die mit offenen Augen durch die Straßen ihrer Heimatstadt gehen.
Wer vom Alexanderplatz - seinen Namen erhielt er anläßlich eines Besuches des Zaren Alexander von Rußland im Jahre 1805 - einen Spaziergang zum Hackeschen Markt macht, dessen Weg führt erst durch die Memhardstraße (nach dem Erbauer der großen Berliner Festungsanlage im 17. Jahrhundert benannt) und durch ihre Verlängerung, die Münzstraße (dort war ehemals die Münze); er biegt dann links in die Neue Schönhauser Straße ein. Bis hierher verläuft der Weg einigermaßen gradlinig, nun aber macht er am Eingang der Neuen Schönhauser Straße plötzlich den ersten Knick, in der Mitte den zweiten, und an ihrem Ende biegt die Straße in einem stumpfen Winkel in die Rosenthaler Straße ein.

2007-12-02


Warum verläuft diese Straße so kurvenreich? Vor bald dreihundert Jahren befand sich hier eine Bastion der Festungsanlage an der Spandauer Brücke. So kann uns auch die Lage einer Straße - selbst wenn nur Neubauten in ihr stehen sollten - etwas von der Vergangenheit sagen, ebenfalls auch so mancher Name, wie zum Beispiel die Straße „An der Spandauer Brücke”, obwohl weit und breit keine Brücke zu sehen ist. Vor dem Spandauer Tor führte eine Brücke über den Festungsgraben, längst ist das Tor abgerissen und der Festungsgraben zugeschüttet, geblieben aber ist die Bezeichnung „An der Spandauer Brücke”.
Die Neue Schönhauser Straße gehört zu den ruhigeren Straßen dieses Stadtteils. Sie macht mit den fünfgeschossigen Mietskasernen einen grauen und melancholischen Eindruck, um so mehr überrascht uns ein reizender Rokokobau. Die oben schön geschwungenen Fenster des Erdgeschosses, links und rechts vom Eingang je drei, sind mit zierlichen Girlanden gekrönt, aus deren Mitte ein anmutiger Mädchenkopf schaut. Fast glaubt man, vor einem kleinen Palais zu stehen.
Als vor zweihundert Jahren die Neue Schönhauser Straße und dieses Gebäude entstanden, gab es noch keine Hausnummern. Stolze Bürger gaben daher ihrem Haus ein Wahrzeichen: eine goldene Kugel, einen Adler oder wie hier die Mädchenköpfe. Wenige hundert Meter hinter dem Haus, unmittelbar an der Stadtmauer vor dem Rosenthaler Tor, lag der Mollardsche Weinberg mit einem schönen Kaffeegarten. Vermutlich war der Gärtner Mollard auch der Besitzer des Hauses Nr. 8. Fragte also jemand nach der Wohnung des Herrn Mollard, so hieß es, er wohne in der Neuen Schönhauser Straße, im Haus mit den sechs Mädchenköpfen. Zwar war diese Auskunft länger als „Nummer 8″, sagte aber dafür weit mehr.
Über dem Tor befindet sich ein Schild „Altberliner Verlag”. Die beiden Prellböcke rechts und links am Eingang stehen etwas außerhalb der Einfahrt, so daß sie ihre ursprüngliche Aufgabe, die Mauerecken vor Beschädigungen durch einlaufende Wagen zu schützen, nicht mehr erfüllen, sondern nur noch ein Gruß aus alten Zeiten sind. Eine herrlich geschwungene Treppe führt in die oberen Stockwerke. Auf dem malerischen Hof ist vor Jahrzehnten ein Fuhrwerk eingebrochen, weil es eine nur zum Teil zugeschüttete und längst vergessene Zisterne der alten Festungsanlage überlastete. Später befand sich in dem Gebäude die Ölfabrik von Leist. Wie durch ein Wunder überstand das schöne Haus den Krieg.
Text: Hans Ludwig, Alberliner Bilderbogen, Alberliner Verlag 1965

Und noch ein interessantes Haus hat die Straße, ganz am Ende vor der Einmündung in die Rosenthaler auf der rechten Seite: das dreigeschossige spätbarocke Bürgerhaus, die Nr. 8, ist 1763 erbaut worden und damit eines der ältesten in der Spandauer Vorstadt. Die beiden Hofflügel gehörten zum Ursprungsbau. Bekannt geworden ist das Haus durch eine Frau: Lucie Groszer, in Grünau zu Hause, ihr Vater Goldschmied, ihre Mutter Maschinenstickerin.
1934 machte sie ihr Abitur, arbeitete dann u.a. als Bibliotheksbetreuerin im Krankenhaus. Ganz unmerklich näherte sich die spätere Verlegerin ihrem Arbeitsgebiet. 1943 schließlich bot man ihr einen Buchladen in der Neuen Schönhauser 8 zum Kauf an. Ihr Vorgänger, ein alter Mann namens Breitkreuz, war ein leidenschaftlicher Buchsammler gewesen, der Laden verfügte über ein riesiges Antiquariat, gemessen an der zur Verfügung stehenden Fläche. Es war ein wahres Schatzkästchen, die Groszer fand bei ihrem Einzug überaus wertvolle Folianten. Büchernarr Breitkreuz war durchaus nicht bereit gewesen, jedem Hergelaufenen seine Schätze zu verkaufen. Er wandte einen einfachen, aber wirkungsvollen Trick an: In seinem Schaufenster stellte er Werksammlungen seltener und kostbarer Bücher aus, doch die waren nie komplett. Betrat jemand den Laden und fragte nach diesen oder jenen gesammelten Werken, wurde er von Breitkreuz scharf fixiert. Machte er den Eindruck, nur aus Prestigegründen die Stücke besitzen zu wollen, ohne deren Wert schätzen zu können, bekam er ein knurriges “Is nich vollständich” zur Antwort - und unvollständig verkaufe er nicht. Schließlich könne man ja doch noch eines Tages auf das fehlende Stück stoßen. War ihm der Kunde aber sympathisch, stieg er die Leiter an den hohen Bücherregalen hinauf, klaubte wortlos aus irgendeinem Winkel die Ergänzung, und die komplette Sammlung
wechselte den Besitzer. Breitkreuz hatte noch eine andere Leidenschaft der er nur höchst selten frönen durfte, denn seine Frau war strikte Antialkoholikerin und duldete keinen Tropfen bei ihrem Mann. So verschwanden die Tropfen in einem der Regale, hinter hohen Bücherstößen, ab und an nahm Breitkreuz dann verstohlen einen Schluck. Lucie Groszer stieß bei ihrem Einzug zwischen den Büchern auf eine Flasche Tokajier, Jahrgang 1913.
Nun war es 1943, mitten im Krieg. Lucie Groszer richtete ihre “Altberliner Bücherstube” ein. Wolfgang Grünwald wurde ihr Mitarbeiter. Daß er Halbjude war, ahnte sie zwar, gesprochen wurde nicht darüber. Sein Bruder war schon abgeholt worden. Offiziell verkaufte man wie die anderen Buchläden auch die politisch konforme Literatur. Aber die Liebe zu den Büchern konnten die neuen Inhaber nicht ablegen, und so führte man den Laden zweigleisig: Für einen kleinen Kundenkreis, zu dem man Vertrauen haben konnte, gab es unter dem Ladentisch auch Tucholsky oder Thomas Mann.
Im Frühjahr 1945, als das Viertel starken Bombardements ausgesetzt war, fuhr Lucie Groszer mit bösen Vorahnungen zu ihrem Laden, so viele Häuser waren innerhalb von Minuten in einen verrußten Trümmerhaufen verwandelt worden.
Aber der Buchladen war so gut wie unversehrt geblieben. Nach Kriegsende arbeitete Grünwalds Bruder, der das Lager Überlebt hatte und zurückgekehrt war, weiter in ihrem Geschäft. Und Lucie Groszer beschloß, einen Verlag zu gründen, Spezialgebiet Berlingeschichte und Historie. Dem fühlte sie sich schon durch ihre Familie verpflichtet, die inzwischen in der 5. Generation in Berlin lebte. Von einer Dienststelle ein paar Häuser weiter, der Initiative “Rettet das Kind”, kam der erste Auftrag, und der machte sein erstes Buch, ein Kinderbuch: “Brüderchen und Schwesterchen”. Die Pößsnecker Druckerei konnte sogar Papier dafür auftreiben, und so erschien es pünktlich zu Weihnachten 1945 mit 225 000 Exemplaren. Aus dem geplanten Berlin- wurde ein mit den Jahrzehnten immer bekannterer Kinderbuchverlag.
Bis sie 1951 eine endgültige Lizenz für den Verlag erhielt, besaß sie einzig und allein eine handschriftliche Bescheinigung des Stadtkommandanten, die besagte, daß Frau Lucie Groszer in der Neuen Schönhauser Str. 8 einen Verlag leiten darf.
Die Altberliner Bücherstube samt Antiquariatsabteilung gibt es immer noch. 1990 wurde sie nach langer Schließszeit, nun unabhängig vom Verlag, wiedereröffnet. Es ist ein kleiner Laden mit einer sorgfältigen Auswahl, angenehm anders als die überladenen Büchertische mit den knallbunten Quartalsbestsellern, auch Produktionen kleinerer Verlage finden ihren Platz.
Text: Ulrike Steglich, Peter Kratz - Das falsche Scheunenviertel - Berlin 1994

Heute gibt es keine Bücher mehr in der Nr.8 zu kaufen. Die Neue Schönhauser ist zur “Modestraße” geworden …

2 Kommentare zu 'Berlin Mitte Geschichte - Neue Schönhauser Straße 8'

Kommentare als RSS

  1. Peter sagt,

    am 8. Sep. 2008

    Der letzte Absatz zur “Altberliner Bücherstube samt Antiquariatsabteilung …” ist etwas verwässernd. Immerhin gab es einen wichtigen Prozess gegen die Altberliner Bücherstube von dem nur kurzem Eigentümer des Hauses. Der Prozeß, der über sechs jahre ging hat dazu geführt, dass es heute dort keine Bücher mehr gibt. Insgesamt finde ich es auch sehr interessant, wie sich die Altberl. B. dort versucht hat zu behaupten auch gegen den Trend, dass es im Viertel nur noch Delikatessen und Mode gibt. siehe: http://bonnanwalt.de/entscheidungen/BGHIZR178-96.html
    Schade, dass Komerz und Kapital über Engagement triumphieren.

    Gruß Peter

  2. Kathrin sagt,

    am 1. Okt. 2009

    Ich danke ihnen für diesen sehr interessanten Einblick in das Leben meiner Oma. Zwar kannte ich sie sehr gut und verbrachte sehr viel Zeit bei ihr, nur von dieser Seite habe ich leider nicht viel erfahren und bin im nach hinein noch sehr stolz auf sie. Selbst im hohen Alter hat sie nochmal von ganz neuen angefangen und grüdete mit 75 Jahren, als älteste Jungunternehmerin, ihren lang gehegten Traum als Verlegerin von Chroniken aus Berlin und Brandenburg.
    Danke für ihren schönen Beitrag!
    LG Kathrin

Kommentar hinterlassen: