AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

Berlin Mitte Geschichte - Die Ringvereine

In einer Spelunke des Scheunenviertels, der Schnurrbartdiele, in der Straße An der Königsmauer (?), trafen sich mehrere Herren zu einem längeren Gespräch. Thema war die Selbstverständlichkeit, mit der Diebe, Hehler, Zuhälter, Kleinkriminelle und Haftentlassene für amoralisch erklärt wurden; Thema war auch die Not der Menschen, die aus der Haft kamen und mittellos auf der Straße standen. Oft genug wußten sie nicht wohin, wären verhungert, wenn sie nicht die Hilfe ihrer Ex-Haftkollegen erhalten hätten. Oder sie mußten sich wieder durch Diebstahl und Raub ernähren. Ein Teufelskreis. Vor diesem Hintergrund (…) wurde in der Schnurrbartdiele im Jahre 1890 der erste »Reichsverein ehemaliger Strafgefangener« gegründet, der sich dann 1891 offiziell konstituierte.
Es war die große Zeit der Vereine im Deutschen Reich. Ständig wurden neue gegründet. Der »deutsche Mann« war organisiert und zeigte so seine vaterländische Gesinnung. Der »Reichsverein« fiel deshalb zu Anfang nicht weiter auf, obwohl es das noch nie gegeben hatte, daß sich Ex-Häftlinge zu einer solidarischen Vereinigung zusammenschlossen, denn um Mitglied im »Reichsverein ehemaliger Strafgefangener« zu werden, mußte man vorbestraft sein.

2008-10-31

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Natürlich wollte man sich untereinander helfen. »Denn die Armut war sehr groß und jeder mußte wissen, wie er … langkommt … Aus der Armut ist die Situation gekommen mit dem Verein«, erklärte ein Vereinsmitglied.
Doch welche Art Unterstützung konnte der Verein überhaupt leisten? Die meisten Mitglieder nagten selber am Hungertuch.
Der Weg ging über Kontakte. Man hatte Freunde, Bekannte, die in Kneipen saßen oder eine Arbeit als Kellner hatten. So hörte man, in welcher Gaststätte ein Toilettenmann, ein Rausschmeißer oder ein Gläserspüler gesucht wurde. Der Verein versuchte dann, zwischen Gastwirt und Arbeitsuchendem zu vermitteln und dem Wirt, der oft genug aus dem gleichen Milieu wie die Mitglieder kam, die Vorteile des Suchenden deutlich zu machen. Das »Gastronomiegewerbe« bildete eine sichere Stütze des Vereins, war aufs engste mit dem »Milieu« verbunden. Hier gab es Kellner, Spucknapfleerer, Zapfer, Rausschmeißer - deren derbe Tätigkeit oft mit dem eleganten Begriff »Geschäftsführer« umschrieben wurde - lauter Arbeiten, für deren Ausübung man keinerlei Ausbildung benötigte und die daher auch für Menschen aus dem »Milieu« durchführbar waren.
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Die Vorzüge, Arbeitskräfte aus dem Verein anzunehmen, lagen auf der Hand. Denn die Mitglieder hatten sich verpflichtet, keine Schlägereien anzufangen und sich »anständig«, das heißt bürgerlich, zu verhalten. In den Gefängnissen und Zuchthäusern war ihnen drakonisch vor Augen geführt worden, als was sie die Gesellschaft ansah: Abschaum. Und noch bestand wohl bei manchem der Wunsch, ein geachteter Bürger zu werden …
Das mag sicherlich für viele eine große Umstellung gewesen sein. Aber die Spielregel sagte, wer eine Prügelei beginnt, wird rausgeworfen und kann nicht mehr auf die Unterstützung des »Reichsvereins« hoffen.
Eine weitere Spielregel gab sich der Verein. Die Mitglieder hatten in der Öffentlichkeit nicht unangenehm aufzufallen. Das hieß: Nicht im geschlossenen Raum auf den Boden spucken, sich immer sauber kleiden, auf Rasur und Haarschnitt achten.
Außerdem durfte nur Mitglied werden, wer auch bei seinen ehemaligen Straftaten nicht gegen eine bestimmte Moral verstoßen hatte. Nicht toleriert wurden Sexualdelikte und Mord. Jeder konnte stehlen, hehlen, ein Mädel auf der Straße haben; der Juwelier betrog seine Kundschaft ebenso wie der Politiker oder Bäcker; Reichtum anzuhäufen war legitim. Sexualtdelikte allerdings waren das Niederste was es gab, sie bedeuteten Enthemmung und Verrohung. Beim Mord verhielt es ebenso.
Das Mitglied mußte also ein »sauberer junge« sein, der sich an gewisse Ehrbegriffe und Spielregeln hielt.
Der »Reichsverein« unterschied sich allerdings in vielem von den anderen Vereinen der damaligen Zeit. Er war im Kiez, im Bezirk, verankert, lebte in diesem Bereich und hatte keine anderen Pläne, als zu überleben. Seine Mitglieder hatten ein gänzlich anderes Verhältnis untereinander als die Vereinsbrüder der Dackel-, Kaktus- oder Gesangsvereine. Nicht nur das gleiche Milieu, auch die gemeinsame Erfahrung schweißten sie zusammen. Sehr oft hatten sie zwei, drei und mehr Jahre in den Haftanstalten auf allerengstem Raum zusammenleben müssen. Essen, Schlafen, die Notdurft, alles geschah unter den Augen der Zellengenossen. Immer erlebte man die ungeschminkte Wahrheit seines Nächsten, ganz gleich ob er Liebeskummer, Ehesorgen, Trauer oder Sehnsüchte zeigte. In den Jahren der Haft lebte man oft enger zusammen als ein Ehepaar. Das brachte sie einander nah. Erfahrungen, die kein wohlanständiger Bürger je hatte, konnten im Verein geteilt werden.
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Brüder, die zusammenhalten
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Aber wer in Moabit wohnte, der konnte nicht immer nach Berlin-Mitte kommen, um in der Schnurrbartdiele seine Probleme darzulegen, die man dort womöglich gar nicht klären konnte. Was lag näher, als in den verschiedenen Stadtteilen gleiche Vereine zu gründen. Nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung.
Im Jahr 1898 gab es bereits zwölf solcher Vereine.
Die Zersplitterung barg aber auch die Gefahr der lokalen Borniertheit. Wer nicht über den Tellerrand des Stadtbezirks hinaussehen wollte, der konnte natürlich auch nie so richtig wirksam werden.
Und so kam man sehr schnell auf das Naheliegendste: Man war nur dann stark, wenn man gemeinsam handelte, sich in wichtigen Entscheidungen einer oberen Instanz unterwarf. So gründete man zwei Jahre vor der Jahrhundertwende den Dachverband »Ring Berlin«, ein Zusammenschluß aller Berliner Ganovenvereine.
Der Begriff Ringverein geht nicht darauf zurück, daß viele Boxer und Ringer Mitglieder waren. In den Haftanstalten wurde viel Wert auf gesunde Lebensweise und damit auf Sport gelegt. Aber es war keinesfalls ein Ringerverein, sondern ein Verband, ein Bund, eine ringförmig zusammengeschlossene Vereinigung.
Dieser Dachverband gab sich dann auch im gleichen Jahr Statuten, die für alle Ring-Vereine gültig waren.
Im Vorstand des »Rings« saßen die Vorstände der einzelnen Vereine, so daß aller Interessen vertreten wurden. (…)
Um Mitglied in einem Verein zu werden, mußten mehrere Grundbedingungen erfüllt werden, hieß es bereits im ersten »Reichsverein«. Nun wurden die Bedingungen konkretisiert.
Der Bewerber mußte wenigstens zwei Jahre Zuchthaus abgesessen haben. Die Zahl war nicht willkürlich. Denn Zuchthaus gab es nicht unter zwei Jahren. Zuchthaus bekam ein »schwerer« Junge oder ein mehrfach Vorbestrafter. Zum Nachweis mußte er die Entlassungspapiere vorlegen. Waren die nicht mehr vorhanden, gab es immer noch befreundete Polizeibeamte. Die hatten intern die Angaben der Bewerber durch Nachfragen in den jeweiligen Zuchthäusern oder Polizeistationen zu überprüfen, mußten sich hin und wieder auch die Akten kommen lassen, um herauszufinden, ob der Bewerber »sauber« war, also niemanden verpfiffen hatte. Das Ergebnis erfuhr dann der jeweilige Vereinsvorstand.
Der Bewerber durfte, wie auch schon im »Reichsverband« gefordert, weder wegen Mordes noch eines Sexualdelikts in Haft gewesen sein. Er mußte außerdem zwei Bürgen vorweisen, die Mitglieder des Vereins waren. Folglich mußte er bereits einige Zeit im Milieu bekannt sein. War alles in Ordnung, kam die Probezeit.

Aus: Peter Feraru, Muskel-Adolf & Co. Die Ringvereine und das organisierte Verbrechen in Berlin, Berlin 1995

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