AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

Berlin Mitte Geschichte - Berliner Sand

»Überall wo nicht gepflastert ist, watet man bis an den Knöchel im Sand; der Sand macht die ganze Umgebung zur Wüste; nur Bäume gedeihen da und ein bißchen Rasen. Wie konnte bloß jemand auf die Idee kommen, mitten in all dem Sand eine Stadt zu gründen!«
Stendhal, Brief aus der Kommandatur, 1816

2007-02-17 

»Des Heiligen Römischen Reiches Streusandbüchsche«, spotteten süddeutsche Fürsten.
Der Berliner Sand wurde während der Eiszeit von den Gletschern und den abfließenden Wassermassen aus dem hohen Norden herangeschafft. Daraus sollte sich das südliche Spreeathen erheben. Auf geologisch jungem Boden, auf Moränenschutt und Geschiebemergel, der auf seiner langen Wanderung unter höchstem Druck zerrieben und ausgewaschen worden ist (…)

Sand und nochmals Sand, unterbrochen nur von zahlreichen Morästen, gebildet durch die halbversickernden Nebenarme der Spree, aber Sand ist die wirkliche, die eigentliche Berliner Materie.
H. v. Wedderkop, Das unbekannte Berlin, Leipzig 1936

»Berlin ist auf einer weiten, einförmigen Sandebene inmitten der Provinz Brandenburg aufgebaut, von Norden, von Westen und von Osten allen Winden preisgegeben, die ihren kalten Odem ungehindert über diese karge Erde wehen lassen können. Der Horizont ist durch die steinerne Masse der Häuser gesperrt.«
Jules Huret, Berlin um neunzehnhundert, Berlin 1979 (Reprint)
»Und nach Berlin - da ziehen die Kamele hin.«
Altes Studentlied, zit. nach: P. Cassel, Berlin -sein Name und sein Ruf, Berlin 1874

»In der Stadt ist nichts von der eigentlichen märkischen Natur, und in der märkischen Umgebung ist alle Großstadtstimmung wie ausgelöscht. In Berlin ist von je zu wenig städtische Kultur gewesen, als daß sie dem Lande ringsumher ihren Stempel hätte aufdrücken können; und andererseits ist diese Umgebung kaum kultivierbar.«
Zailonow, Freymütige Bemerkungen 1806, zit. nach: R. Glatzer, Berliner Leben 1645-1806, Berlin 1956

Der Platz um das Reichstagsgelände, früher einmal auch die »Wüste Sahara« genannt, war einer der vielen versandeten Exerzierplätze Berlins, von wo jede Aussicht auf eine Flucht in die weite Ferne verschoben werden mußte. Zugleich bot der Sand aber auch Schutz für die vielen Andersdenkenden, die hier Zuflucht fanden, denen Friedrich der Große ein »sehr großes Pantheon bauen wollte«; denn dieser Herrscher hielt den »märkischen Sand für eine Nationalmauer gegen einen sich annähernden Feind.«
Von ganz ähnlichen Eigenschaften des Sandbodens weiß auch Fontane zu berichten. Als er einen kurzen Halt mitten in der Mark Brandenburg machen will, sagt sein Kutscher: »Und ich brauch’ auch nicht abzusträngen. In den Sand steh’n die Pferde wie ‘ne Mauer.«

(…)Ein Großteil der alten Berliner Stadtmauer bestand damals aus Reihen von angespitzten Holzpfählen. Das Anlegen solcher Palisaden, aber auch die rege Neubautätigkeit verschlangen ungeheure Mengen an Holz, das man sich aus den umgebenden Wäldern einfach nahm, ohne dabei an eine Wiederaufforstung zu denken. Diese planlose Entwurzelung des Sandbodens führte dann dazu, »daß um 1730 die Gegend nördlich der Palisade eine große Fläche des unfruchtbarsten Triebsandes darbot, der von heftigen Stürmen, bald hie und da zu kleinen Sandhügeln zusammengeweht wurde, so daß es hier wandernde Berge gab. Nur einige wenige Hütten mochten zerstreut in dieser Sandwüste liegen. Ein ehemaliger Armeegeneral erinnert sich: Dieses Land umher war völlig einer Wüste gleich. Niemand hatte Lust, der Kosten wegen es zu bebauen. Nach der Richtung des Windes entstand bald hier, bald da ein Hügel von Flugsand, so daß man zuweilen sogar über die Palisaden in die Stadt hineinreiten konnte.«

(…)Demnach zeigt sich die Kultur des Berliners erst einmal in der Kultivierung seines Standpunktes, der irgendwo inmitten weiter Sandflächen der Mark zu suchen ist. Geschichte ist im Sand nicht vergraben, sondern eher versunken. Um sie aus dem Sand wieder herauszuziehen, rät Fontane dem Archäologen zum Gebrauch der Magie:
So ist es auch nicht weiter verwunderlich, daß im 18. Jahrhundert Bäume, aber auch Rasenflächen unantastbar und unbetretbar waren. Man hielt sie in der Wüste von Bauten für Oasen, mit deren Hilfe Sand und Staub gebändigt und dadurch gleichsam die Bedingungen für ein historisches Klima geschaffen werden sollten.

aus Berliner Sand …
Materie, Medium und Metapher einer Stadt von Ulrich Giersch
Katalog zur Ausstellung Mythos Berlin, 1987

Fotos: Chausseestraße in Berlin Mitte - spätestens bis 2012 sollen über 4000 BND-Mitarbeiter in die 2800 Räume der BND-Zentrale eingezogen sein.
Bis vor kurzen war das Sportgelände (131.600 qm) an der Chausseestraße, das dem Liegenschaftsfond des Landes Berlin gehört, von mehreren Sportunternehmen genutzt, deren Pachtverträge 2006 abliefen. Hier stand bis 1992 das Stadion der Weltjugend.

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