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Berlin Geschichte - Wohnungsfrage und gesellschaftliche Entwicklung

Moeckernstrasse 115  - 1904Möckernstraße 115 - 1904

Die Aufnahmen sind Teil einer Wohnungsuntersuchung, die die Berliner Ortskrankenkasse für den Gewerbebetrieb der Kaufleute, Handelsleute und Apotheker (ab 1914 die AOK) von 1901 bis 1920 bei ihren Patienten durchgeführt hat. Ziel des Unternehmens war es, durch wissenschaftlich fundierten Nachweis und Veröffentlichung des bereits längst erkannten Zusammenhangs zwischen Wohnen und Krankheit zu einer Veränderung der Verhältnisse beizutragen. Dazu schreibt der Geschäftsführer der Ortskrankenkasse und Herausgeber der Enquete, Albert Kohn: «Eine Besserung schlechter Zustände kann nur eintreten, wenn man die bestehenden Mißstände aufdeckt, wenn man sie an das Licht des Tages zerrt, damit klar sichtbar wird, wo eingesetzt werden muß, um eine Wendung zum Bessern herbeizuführen.» (Wohnungs-Enquete, 1906)
2008-11-24

Aus der Enquete wissen wir, daß die Kassenmitglieder in der verkommenen Altstadt, größtenteils aber in den neu aus dem Boden gestampften Mietskasernenvierteln gewohnt haben, in dunklen, oft genug feuchten, schmutzigen und stickigen Räumen, bisweilen ohne Heizung, ohne Licht und Lüftung, voll Ungeziefer, Pilzbefall und übler Gerüche; mit Abort auf dem Treppenpodest oder auf dem Hof, benutzt von mehreren Mietparteien, nicht selten bis zu 45 Personen; mit Schlafräumen, in denen häufig fünf, sechs oder mehr Personen die Nacht verbringen mußten, nicht selten zu dritt in einem Bett, darunter Schlafgänger und Kranke.(…)

Wohnungsfrage und gesellschaftliche Entwicklung in Preußen-Deutschland

Bis zur Wende zum 20. Jahrhundert wird insbesondere das Wohnungselend der großstädtischen Arbeiterbevölkerung in Deutschland zum beherrschenden sozialpolitischen Thema. Die Ursachen dieser Entwicklung liegen vor allem im Wachstum der Bevölkerung bei gleichzeitiger Binnenwanderung vom Land in die Städte - in Preußen wird das weitgehend eine Ost-West-Wanderung.

In Berlin wächst die Bevölkerung: von 197717 Einwohnern im Jahre 1815 auf 702437 im Jahre 1867. In den Vororten beginnt etwa um die Jahrhundertmitte ein rapides Wachstum. Die damit verbundenen Probleme werden zunächst mit liberalem Optimismus und dem Glauben an ein «Durchgangsstadium» heruntergespielt. Erst durch die Gründerjahre und den Gründerkrach in den siebziger Jahren schärft sich die Problemwahrnehmung. Die breite öffentliche Diskussion kann jedoch den weiteren Anstieg der Bevölkerungsziffern nur relativ hilflos registrieren: 1905 zählt Berlin 2040148 Einwohner; in Charlottenburg wächst die Bevölkerung zwischen 1867 und 1905 von 14 999 auf 239559, in Rixdorf von 19 956 auf 153513, in Wilmersdorf von 1748 auf 63568 usw. 1910 hat Berlin schon 2071257 Einwohner, Charlottenburg zählt 305978. Diese beiden Städte stehen auch an der Spitze der Bewohnerzahl pro Gebäude im Deutschen Reich. Kommen in Bremen auf ein Gebäude nur 7,83 Bewohner, so sind es in Berlin 75,90 und in Charlottenburg 66,13 !
(…)

1. Die herrschende liberale Doktrin fordert Beschränkung des Staates auf (Bau-) Polizei und Regulierung des Realkredits. Die Versorgung mit Wohnungen ist nicht Angelegenheit staatlicher Wohlfahrtspolizei, sondern des Marktes. Das schrankenlose Privateigentum an Grund und Boden ist die Regel, Wohnungsbau und Wohnungsgestaltung erfolgen unter dem Aspekt der Maximierung der Renditenicht nach den Bedürfnissen der Bewohner, Standards für diese fehlen. Die Hausbesitzer, in der kommunalen Selbstverwaltung dominierend, erfreuen sich zunehmend steigender Bodenrenten auf Kosten der besitzlosen Lohnarbeiter.

2. Die Verknappung von Wohnraum und Verteuerung von Grund und Boden wird durch die von der kommunalen Selbstverwaltung ausgehende Stadtplanung (inklusive «Stadtsanierung») verschärft.
Der Kultus der Straße, wie ihn Rudolf Eberstadt genannt hat, wird zum herrschenden Leitbild. Die Straße dient nicht der vorteilhaftesten, besten und billigsten Aufteilung von Wohngelände, sondern von der Straße aus und für die Straße in ihrer Pracht werden die Städte gebaut. Dahinter stehen bürgerliches Imponiergehabe («feudale Imitation») und das Vorbild Napoleons III: In Paris hatten sich die winkligen Altstadtgassen als gefährlich erwiesen, hier wurden die besten Revolutionsbarrikaden errichtet. Die breite Straßenflucht war auch sonst prophylaktisch sinnvoll: Pflasterung und Kanalisation hinderten üble Gerüche und Insektenschwärme, Übergriffe von Seuchen und Feuersbrünsten auf die bürgerlichen Häuser. Der Kultus der Straße ergreift nicht nur die Altstadt, sondern beherrscht auch die Stadterweiterung. Seine Konsequenz ist die Mietskaserne.
«Der Kultus der Straße bietet das erste Mittel, um - infolge der Überwälzung der Straßenkosten auf die Baustelle - die Verteuerung des Bodens und somit den Zwang schlechter Bauformen hervorzubringen. Die teurere Straße verlangt als Gegenleistung die Zusammendrängung der Bevölkerung durch Stockwerkshäufung.

Während äußerlich die Straße eine stattliche Bauweise vortäuschte, entstanden das Vielwohnungshaus und die Mietskaserne mit ihren schlechten Wohnverhältnissen, denen als notwendige Begleiterscheinung die ungünstigen Wirkungen für die Wohnungsproduktion und die Bodenwertentwicklung hinzutraten.
Die Mietskaserne hat hinter dem Vorderhaus nicht mehr nur Nebengebäude, sondern gleichhohe, also vier- bis sechsgeschossige Seiten- und Hinterhäuser. Dadurch entstehen die typischen lichtarmen oder gar lichtlosen Hinterhofwohnungen. Die Wohnungen differierten zusätzlich nach Stockwerken: Im 1. und 2. Stock des Vorderhauses mit protziger Straßenfassade gab es komfortable Wohnungen mit herrschaftlichen Wohnmöglichkeiten: Vom 3. Stock an aufwärts und zum Hinterhaus zu verringerten sich Wohnungsgröße und -qualität rapide. Zu Luft- und Lichtmangel kam die ungenügende sanitäre Ausstattung, viele Wohnungen hatten weder fließendes Wasser noch Ausguß und schon gar keine eigene Toilette. Dabei hatten städtische Wasserleitung und Kanalisation die vielgeschossige und enge Bauweise erst ermöglicht. Angesichts solcher Umstände mußte die Rendite-Orientierung legitimiert werden. (…)

Aus: Gesine Asmus (Hg.) Hinterhof, Keller und Mansarde - Einblicke in Berliner Wohnungselend 1901-1920, Reinbeck 1982

3 Kommentare zu 'Berlin Geschichte - Wohnungsfrage und gesellschaftliche Entwicklung'

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  1. Kristina sagt,

    am 14. Mrz. 2011

    Danke für die veranschaubaren Bilder, haben wir schön in unserem Geschichtsreferat über Wohnungsnot im 19/20. Jahrhundert eingebaut.

  2. Luci sagt,

    am 14. Dez. 2011

    Vielen Dank für diese äußerst aufschlußreiche, aber auch kurz und pregnant gehaltene Darstellung!

  3. mokulel sagt,

    am 21. Apr. 2015

    antikapitalistische Propaganda. die schoensten Haeuser in Berilin, die meisten Altbauviertel sind eben privaten zu verdanken: Kapitalismus. nachdem der Staat eingriff, entstanden tote Gartenstadt-Plattenbaubanliues und die echte Stadtentwicklung wurde eingestellt. und genau diesen Mist haben wir heute: staatliche Inverention und eine tote Siedlung nach der anderen wird fabriziert.

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