AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

Berlin Geschichte - Räsoniert soviel ihr wollt, aber gehorcht …

Friedrich II. Unter den   Linden
Friedrich II., Reiterstandbild Unter den Linden

»Die Aufklärung im Berlin des 18. Jahrhunderts hatte es schwer und leicht zugleich. Schwer, weil das preußische Bürgertum wirtschaftlich und politisch nur schwach entwickelt war; leicht, weil Friedrich II. manch neue Idee aufgriff und zur Modernisierung seines Staatswesens verwirklichte. Als „Erster Diener des Staates” wurde er zum Musterbeispiel für aufgeklärten Absolutismus in Europa.
Der “Philosoph auf dem Königsthron” umgab sich am Potsdamer Hof von Schloß Sanssouci mit erlesenen französischen Geistern. Voltaire, Maupertuis und auch der atheistische Lamettrie zählten zu seiner festen Tafelrunde.
„In meinem Staate kann jeder nach seiner Facon selig werden.”
Nicht nur Religionsfreiheit, auch Meinungs- und in gewissem Maße Pressefreiheit gewährte der König. Sein berühmter Satz, “.. dass Gazetten, wenn sie interessant seyn sollten, nicht geniret werden dürfen”, bezog sich allerdings nur auf lokale und kulturelle Berichterstattung.
Schließlich die Reform von Rechtspflege und Justizverwaltung, eingeleitet 1740 durch die Abschaffung der Folter.
Trotz vielversprechender Ansätze, die Grenzen der Aufklärung in Preußen waren durch Friedrich II. genau markiert. „Räsoniert, soviel ihr wollt, aber gehorcht!” Der absolutistische Staat mit seiner feudalen Sozialschichtung, mit Adelsherrschaft und Leibeigenschaft, mußte unangetastet bleiben.
Und selbst die beschworene Meinungsfreiheit war begrenzt. Lessing, der aus Gesinnungsgründen keine Stellung im preußischen Staatsdienst finden konnte und nach Hamburg abwanderte, schrieb 1769 erbittert an Nicolai: „Sagen Sie mir von Ihrer Berlinischen Freiheit, zu denken und zu schreiben, ja nichts. Sie reduziert sich einzig und allein auf die Freiheit, gegen die Religion so viele Sottisen zu Markte zu bringen, als man will … Lassen Sie es aber doch einmal einen in Berlin versuchen, über andere Dinge so frei zu schreiben, als Sonnenfels in Wien geschrieben hat; … lassen Sie es ihn versuchen, dem vornehmen Hofpöbel so die Wahrheit zu sagen, lassen Sie einen in Berlin auftreten, der für Rechte der Untertanen, der gegen Aussaugung und Despotismus seine Stimme erheben wollte, wie es jetzt sogar in Frankreich und Dänemark geschieht, und Sie werden bald die Erfahrung haben, welches Land bis auf den heutigen Tag das sklavischste Land von Europa ist.” «(1)

Friedrich II.
Plakat gesehen in der Oranienburger Strasse

Ein paar Daten zur Geschichte Friedrich II. (2):

1740 6 Monate nach Regierungsantritt fällt Friedrich II. mit einer etwa 28 000 Mann starken Armee in das an Bodenschätzen reiche, wirtschaftlich gut entwickelte, unter österreichischer Herrschaft stehende Schlesien ein und eröffnet damit den 1. Schlesischen Krieg. In dessen Ergebnis erhält Brandenburg-Preussen 1742 ganz Niederschlesien, die Grafschaft Glatz sowie den größten Teil Oberschlesiens und erweitert damit sein Territorium, seine Bevölkerung, seine finanziellen Einnahmen um ein Drittel, legt zugleich aber auch den Grundstein für weitere Kriege.

Karte Preussen 1688 - 1740
Brandenburg-Preussen 1688 - 1740

1741 Das Kabinettsministerium des Königs schränkt die kurz vorher erlassene Zensurfreiheit für die Berliner Zeitungen wieder ein und führt eine strenge Zensur aller Bücher ein, die 1743 noch verschärft wird.

1742 Im August eröffnet Friedrich II. mit dem Einfall brandenburg-preussischen Truppen in Sachsen und Böhmen den 2. Schlesischen Krieg. Nach der Einnahme Prags im September 1744 und Dresdens im Dezember 1745 wird dieser mit dem Frieden von Dresden beendet. Österreich und Sachsen bestätigen Preussen den Besitz Schlesiens; Sachsen zahlt an Brbg.-Pr. eine Millionen Reichstaler für die Räumung der sächsischen Territorien; Brbg.-Pr. und Österreich garantieren sich gegenseitig ihre Besitzungen.

1748 Ein königliches Edikt sieht vor, »Bettler, worunter auch abgedankte Soldaten, Handwerksburschen und dergleichen Personen zu verstehen sind« sofort durch die Armenwächter zu verhaften und bei »Befindung mutwilligen Bettelns zur Festung oder Spinnhaus-Arbeit« einzuliefern.

1750 Die Anzahl, die Rechte und die finanziellen Abgaben der in Berlin ansässigen Juden werden durch ein vom Köng sorgfältig durchgesehenes »Revidiertes General-Privilegium und Reglement für die Juden in den Preussischen Landen« neu festgesetzt. Dieses kurz Generalreglement genannte und mit wenigen vom König. selbst veranlaßten Ausnahmefällen bis 1812 in Kraft bleibende Edikt läßt nur noch reiche Juden in der Residenz zu, unterscheidet zwischen ordentlichen und außerordentlichen Schutzjuden, begrenzt ihre Zahl, unterstellt alle der der Aufsicht des Polizeidirektoriums und erlegt ihnen ein Höchstmaß an Abgaben auf.

1756-1758 Kg. Friedrich II. läßt in der Gegend der heutigen Alexanderstraße zur Aufnahme von Bettlern, Armen, Obdachlosen und Personen mit kurzen Haftstrafen ein großes, dreigeschossiges Arbeitshaus bauen, in dem die Insassen in Spinnstuben »durch Arbeit gebessert« werden sollen.

1756 Im August fällt Friedrich II. mit über 61000 Mann seiner Armee ohne Kriegserklärung in Sachsen ein und eröffnet damit seinen 3. räuberischen, diesmal 7 Jahre dauernden Schlesischen Krieg, der wie dem ganzen Land auch Berlin hohe Belastungen auferlegt und großen Schaden zufügt.

1757 Zur Deckung der hohen Kriegskosten geht Friedrich II. zur systematisch betriebenen Münzfälschung über. Er verpachtet 1757 die Münzstätten des besetzten Sachsens, 1759 die brbg.-pr. an Itzig, Ephraim sowie andere jüdische Unternehmer und ordnet an, daß die jährlich eingehenden Steuergelder sowie die englischen Subsidiengelder (1758 Brbg. -Pr. schließt mit England einen Subsidienvertrag ab, der ihm jährlich 5,3 Mill. Taler sichert.) eingeschmolzen und unter Zusatz von Nichtedelmetallen in doppelter Menge und mit vordatierten Stempeln neu geprägt werden. Wie der König selbst angibt, hat ihm dieser Münzbetrug, der große Störungen im Geldumlauf und im Handel verursachte, jährlich sieben Millionen Taler eingebracht.

1763 Mit dem von allen Berlinern ersehnten Ende des Krieges sind jedoch die allgemeine Not, die Armut und der Hunger der während des Krieges von 126 000 auf 98 000 zurückgegangenen Bevölkerung noch lange nicht vorbei. Besonders hart treffen die Auswirkungen des Krieges und der Krise die Manufakturarbeiter, Tagelöhner sowie die Meister und Gesellen der niedergehenden Handwerksberufe. Während die zum Teil tariflich festgelegten Löhne sich wenig ändern, steigen die Preise, vor allem für Lebensmittel, derart in die Höhe, daß sich die Lebenshaltungskosten mehr als verdreifachen. Moses Mendelssohn erhält gegen eine Gebühr von 1000 Tälern für sich, nicht aber für seine Familie, das Privileg eines außerordentlichen Schutzjuden.

1766 Friedrich II. erläßt für die Residenz und alle Provinzen eine Akzise- und Zollordnung, die eine Neuregelung des gesamten Steuer- und Zollwesens, vor allem eine wesentliche Erhöhung der entsprechenden Abgaben, bringt. Da sich die Finanz- und Steuerbeamten zuvor außerstande sahen, die vom Köng geforderten hohen Summen einzutreiben, holt Friedrich II. den Rat des in Frankreich erfolgreich als Steuerpächter tätig gewesenen materialistischen Philosophen und Atheisten Claude Adrien Helvetius ein, der 1765 für längere Zeit nach B. kommt. Nach französischem Vorbild und mit Hilfe von ca. 3000 französischen Spezialisten wird ein neues, von der übrigen Staatsverwaltung getrenntes Steuer- und Zolldepartement geschaffen. Seinem Heer von Inspekteuren, Kontrolleuren und Visitatoren untersteht das Akzise-und Zollwesen im ganzen Land und obliegt die Eintreibung der neuen Zölle und erhöhten Steuern. Diese allgemein als »Regie « oder »französische Regie« bezeichnete Einrichtung bringt laut Aussage ihres obersten Beamten im Laufe von 21 Jahren 137 Mill. Taler ein.

1772 Brandenburg-Preussen, Rußland und Österreich rauben dem polnischen Staat ein Drittel seines Gebietes (1. Teilung Polens). Rußland nimmt den polnischen Teil Livlands und die belorussischen Gebiete zwischen Dunal, .Dnepr und Pruth in Besitz: Osterreich bekommt Ostgalizien und Lodomerien; Brbg.-Pr. Westpreussen (ohne Danzig und Thorn), das Bistum Ermland und den Netzedistrikt. Friedrich Il. läßt die westpreussischen Gebiete sofort von seinen Truppen besetzen und nennt sich von nun an nicht mehr »König in«, sondern »König von Preussen«.

Karte Preussen 1740 - 1786
Brandenburg-Preussen 1740 - 1786
karte_preussen_legende.jpg
hinzuerworbenes oder
erobertes Gebiet

Quellen:
(1) Berger, Joachim, Berlin freiheitlich & rebellisch, Berlin 1987, S.48
(2) Bauer, Roland, Berlin: illustrierte Chronik bis 1870, Berlin 1988

Karten aus:
Sebastian Haffner, Preussen ohne Legende, Hamburg 1979

2012-04-23

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