AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

Berlin Geschichte - 1.Mai 1987

30. April 1987
Offizieller Festakt zur Eröffnung der 750-Jahrfeier Berlins im ICC: Zur Nationalhymne und Kanzleransprache dürfen sich 4500 geladene Gäste an üppigen Büffets erfreuen.

1. Mai 1987
Am Morgen des 1.Mai durchsuchte die Polizei die Büros von Volkszählungsgegnern nach Boykott-Flugblättern im Kreuzberger Alternativzentrum “Mehringhof”.
Mittags fand auf dem Lausitzer Platz in Kreuzberg das traditionelle Maifest statt.
Seit mehreren Jahren wurde dieses Fest von verschiedenen Projekten und 3. Welt-Solidaritätsgruppen getragen.
Das Wetter war gut, die Stimmung war prima. Irgendwann fiel ein Polizeibulli, der leer und sinnlos rumstand, um. Um 18.00 Uhr abends sollte vom Straßenfest aus eine Spontandemonstration wegen der Durchsuchungsaktion stattfinden. Die Polizei sperrte die Straße ab. Es kam zu kleinen Rangeleien, das Fest ging weiter, die Demo fand nicht statt. Kurz nach 19.30 Uhr griff die Polizei im Rahmen kleinerer Auseinandersetzungen am Rande das Straßenfest massiv an und räumte unter starkem Tränengaseinsatz den Platz. Während Eltern noch versuchten sich mit ihren Kindern in Sicherheit zu bringen, wurden die ersten Barrikaden gebaut.
Nach immer heftigeren Auseinandersetzungen, zog sich die Polizei, für viele unerwartet zurück.
In dieser Nacht herrschte bis ca. 2.00 Uhr in Kreuzberg ein sogenannter »rechtsfreier Raum«, in dem sich über Stunden mehrere Tausend Menschen bewegten.
Überall brannten Barrikaden, Polizei und Feuerwehr hatten irgendwann keine Chance mehr an den Hindernissen vorbeizukommen.
Es wurden mehr als dreißig zum Teil auch kleine Geschäfte geplündert; bekanntestes Beispiel Bolle am Görlitzer Bahnhof, der völlig ausgeräumt und dann niedergebrannt wurde. An den Plünderungen beteiligten sich Menschen aus allen Schichten, Szenen und Altersgruppen. Wie später im Spiegel zu lesen war, gewahrte Innensenator Kewenig »Herren, die bürgerlich aussahen und Damen mit Stöckelschuhen«.
Es wurde auf den Straßen getrunken und gelacht, Steine wurden gegen sich vorwagende Polizeieinheiten geworfen und Beute beiseite geschafft. Ab 2 Uhr war es dann mit dem Fest vorbei.

1. Mai 1987

Am nächsten Tag steht die Medienöffentlichkeit vor dem Trümmerhaufen von Bolle und, was viel schlimmer ist, vor dem »rechtsfreien Raum«, der dort für eine Nacht durchgesetzt wurde. Das Gewaltmonopol des Staates wurde fast 10 Stunden faktisch unterminiert. Eine Riesenschlappe für die Polizei. Im Unterschied zu den bisherigen »Randalen« waren diesmal nicht nur die »Autonomen« auf der Straße; fast alle Bevölkerungskreise waren anwesend, plünderten, lachten und brandschatzten.
Anfang der 1980-iger Jahre ging die linke Scene auf die Straße, diesmal war es eine Mischung aus verschiedenen Bevölkerungskreisen, die sich ziemlich spontan zusammensetzte und handelte.
Der Angriff auf das Gewaltmonopol des Staates, mit einer erschreckend guten Laune, mußte natürlich Folgen haben …

Quelle:
1.Mai 1987 - 12.Juni 1987, Eine Dokumentation des Ermittlungsausschusses Berlin

Wo bitte gehts zum Lauseplatz - 1.Mai 2012
gesehen 2012

2012-04-30

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