AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

100 Jahre Dada - Antikunst und Subkultur in Kreuzberg

100 Jahre Dada - Antikunst und Subkultur in Kreuzberg

Eine ganz wunderbare Ausstellung ist noch bis zum 28.02. in der Marheineke Markthalle zu sehen:
KreuzbergDada - 100 Jahre Grosz-Heartfield-Konzern. 1915-1920.

Kuratiert wurde die Ausstellung von Eckhard Siepmann (veröffentlichte u.a. das Buch ‘Montage: John Heartfield. Vom Club Dada zur Arbeiter - Illustrierten Zeitung’)

Eckhard Siepmann
Eckhard Siepmann bei einer Ausstellungsführung

“Kurz nach dem 1. Weltkrieg wurde Berlin nicht nur von einer Revolution erschüttert, sondern auch von einer Gruppe junger Leute, die sich Dadaisten nannten und der vom Krieg demaskierten Macht und ihrer Kultur den Kampf ansagten.

100 Jahre Dada - Antikunst und Subkultur in Kreuzberg

Im heutigen Berlin treiben Macht-Skepsis und Autoritäten-Abneigung die buntesten Blüten in Kreuzberg, und so passt es, dass auch Berlindada kurz nach dem Krieg im Gebiet Kreuzbergs ein ästhetisch/politisches Munititonslager besaß: den Grosz-Heartfied-Konzern. Die beiden Freunde streuten die Drachensaat Dadas in Berlin vor genau 100 Jahren aus mit dem Beginn ihrer künstlerischen Zusammenarbeit 1915.

Die Ausstellung zeigt die gemeinsame provokative Produktion von Grosz und Heartfield in dieser Zeit, mit ihrer Vorgeschichte und ihren Folgen. Prägend waren die Erfahrungen der Kriegskatastrophe und des Großstadtchaos. Die Schlächterei des Krieges bewies ihnen die Ohnmacht der Kultur und der abendländischen Werte insgesamt. Die Großstadt mit ihrem rasenden Verkehr und der gleichzeitigen Nachbarschaft ganz fremder Szenerien ließ sie zu Schere und Klebstoff greifen und mit Montagen experimentieren, die an die Stelle der verhöhnten Kunst treten sollten.

100 Jahre Dada - Antikunst und Subkultur in Kreuzberg

100 Jahre Dada - Antikunst und Subkultur in Kreuzberg

Die sieben Ausstellungsteile liegen wie Inseln im brandenden Marktgeschehen, und dieses Treiben ist optisch wie akustisch ein Teil der Schau. Sie kommt damit einer Intention von Dada entgegen: der Verschwisterung von Kunst und Alltag, von Poesie und Leben.

Mit dieser Verschwisterung ist es nun vorerst in der Markthalle vorbei.
Nach über 4 Jahren erfolgreicher Verbindung von Kunst, Kultur und Alltagsleben muss die Browse Gallery ihre 250 m² Fläche auf der Empore der Markthalle einem veganen Supermarkt überlassen und sucht nun neue Räume.”

Text aus der Pressemitteilung

Ausstellungszeiten: noch bis 28.2.2015

AusstellungsOrt: Mittelgang der Marheineke Markthalle, Marheineke Platz 15 - 10961 Berlin-Kreuzberg
Täglich 08 - 20:00 Uhr, samstags 08 - 18:00 Uhr

2015-02-24

Für ein Verbot von gezielter Werbung für die Bundeswehr bei Minderjährigen

Rekrutierungsbüro

Rekrutierungsbüro
Bundeswehr Rekrutierungsbüro am Bahnhof Friedrichstraße

Gestern war der ‘Red Hand Day’ gegen den Missbrauch von Kindern als Soldaten.
“Deutschland missachtet nach wie vor die Empfehlungen der Vereinten Nationen, indem es Waffen in Konfliktländer exportiert, in denen Kinder als Soldaten eingesetzt werden. Ferner wirbt und rekrutiert die Bundeswehr weiter Minderjährige. Darauf weist das Deutsche Bündnis Kindersoldaten anlässlich des Red Hand Day hin, des Welttags gegen den Einsatz von Kindersoldaten am 12. Februar.

Vor fast genau einem Jahr stellte der »UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes« fest, dass Deutschland die UN-Kinderrechtskonvention und deren sogenanntes „Kindersoldaten-Zusatzprotokoll“ in vielen Punkten nicht einhält. Zentrale Empfehlungen des UN-Ausschusses waren ein gesetzliches Verbot von Waffenexporten in Länder, in denen Kinder als Soldaten eingesetzt werden, ein Verbot von gezielter Werbung für die Bundeswehr bei Minderjährigen und das Anheben des Rekrutierungsalters der Bundeswehr auf 18 Jahre.

Stattdessen liefert Deutschland als drittgrößter Waffenexporteur weltweit weiterhin Waffen an Länder wie Indien, Kolumbien, Saudi-Arabien und Pakistan, in denen bewaffnete Konflikte herrschen oder die diese durch Waffenlieferungen unterstützen. Laut aktuellem Bericht des UN-Generalsekretärs rekrutieren bewaffnete Gruppen in Indien, Kolumbien und Pakistan ebenso Kindersoldaten wie islamistische Kämpfer in Syrien, die von Saudi-Arabien mit Waffen beliefert werden. Indien und Saudi-Arabien haben 2013 Tausende moderne deutsche Sturm- und Maschinengewehre importiert. Diese sogenannten Kleinwaffen fordern die meisten Todesopfer unter Zivilisten, insbesondere unter Kindern. Kleinwaffen sind leicht zu bedienen und werden auch von Kindersoldaten eingesetzt, beispielsweise in Indien, wie eine im Dezember 2014 von Partnern von terre des hommes veröffentlichte Studie zeigt. (…)”
http://www.kindersoldaten.info/Aktuelles/Red+Hand+Day+2015.html

Rekrutierungsbüro

Antje Weber von der Kindernothilfe e.V.:

“Allein im Jahr 2013 wurden laut eines Sprechers des Verteidigungsministeriums 1.032 17-Jährige als Soldaten rekrutiert. (…)Die Folgen für die minderjährigen Freiwilligen sind oft verheerend. Vielen von ihnen ist nicht klar, worauf sie sich einlassen. (…)
Das Verhalten Deutschlands wird auch auf internationaler Ebene kritisch gesehen. So hat der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes die Bundesregierung im Februar 2014 zum Abschluss des deutschen Staatenberichtsverfahrens aufgefordert, die Altersgrenze für die Rekrutierung von Soldaten auf 18 Jahre anzuheben. (…)
Um das Nachwuchsproblem nach dem Ende der Wehrpflicht zu lösen, wirbt die Bundeswehr offensiv auch an Schulen und bei Großveranstaltungen mit vorrangig jugendlichem Publikum um Nachwuchs.
Der Jahresbericht der Jugendoffiziere 2013 macht deutlich, dass
• über 6.000 Jugendoffizierseinsätze mit über 150.000 TeilnehmerInnen stattfanden;
• die Jugendoffiziere 2013 3.260 Vorträge hielten und damit knapp 90.000 TeilnehmerInnen erreichten.(…)

Die in der Werbung verwendeten Bilder zeigen Sommer, Sonne, Strand und Meer und haben mit der Realität von Militäreinsätzen nichts zu tun. Die im Kriegsgebiet drohenden Gefahren wie Verwundung, Tod, Traumatisierung oder das Töten von Menschen werden in der Kampagne nicht angesprochen. Derart einseitige und realitätsferne Militärwerbung bei Minderjährigen ist nicht nur ethisch fragwürdig – sie ist auch nicht mit den völkerrechtlichen Verpflichtungen der UN-Kinderrechtskonvention vereinbar.
Dies machte auch der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes im Februar 2014 zum Abschluss des deutschen Staatenberichtsverfahrens deutlich. Das international besetzte Expertengremium fordert die Bundesregierung auf, „alle Formen von Werbekampagnen für die deutschen Streitkräfte, die auf Kinder abzielen zu verbieten“.

Das Deutsche Bündnis Kindersoldaten fordert daher an Schulen und in anderen Bereichen eine ausgewogene Beschäftigung mit der Thematik „Krieg und Frieden“. Friedenserziehung sollte einen festen Platz in den Curricula und bei der Lehrerausbildung haben.”

2015-02-13

Kann man eigentlich nicht mehr nicht Tourist sein?

Strandbar Mitte

Von der Auguststrasse aus, kann man schön im Monbijoupark an der Spree entlang spazieren. Sobald es aber wieder wärmer ist wird aus dem Spreeweg eine Open-Air-Gastronomie.
Von Paris ausgehend, verbreitete sich seit Anfang der 2000er Jahre in den europäischen Städten die Idee eines “künstlichen Strandes für Trockenschwimmer”.
Tom Holert und Mark Terkessidis beschreiben in ihrem Buch ‘Fliehkraft - Gesellschaft in Bewegung - von Migranten und Touristen’ in einem Kapitel die touristische Stadt:

Strandbar Mitte

“Allein zehn Strände zählt inzwischen Berlin, wo der Trend im Juni 2002 von der Strandbar Mitte im Monbijoupark seinen Anfang nahm. (…) Als Besucher dieser Oase wird man unweigerlich Teil einer komplexen Inszenierung der Blicke: Im Liegestuhl betrachtet man die Stadt und die Liegestuhlbenutzer um einen herum. Zugleich ist man Objekt des touristischen Interesses der anderen Strandgäste, aber auch der Passagiere an Bord der Ausflugsschiffe auf der Spree, für die die Stadtstrände inzwischen fester Sightseeing-Programmpunkt sind.
Der deplatzierte Strand fordert dazu auf, ein touristisches oder besser: post-touristisches Verhältnis zur Stadt zu entwickeln. Das ironische Abhängen in artifiziellen Dünen, bei dem die irreal-theatrale Situation um ihrer selbst willen genossen wird, stellt überkommene Vorstellungen von Urbanität auf die Probe und transformiert sie zugleich. Das Theater der touristischen Individuen findet auf einer vielfach verspiegelten Bühne statt, so als wäre man für die anderen mindestens ebenso sehr ein Schauspiel, wie die Position des Zuschauers für einen selbst ein narzisstisches Spektakel ist.

Strandbar Mitte

Mit ihren Liegestühlen, Cocktails, Palmen, Grillgerichten und dem dezenten Ambient Sound sind diese Anlagen bis ins Detail entsprechenden Stränden auf Ibiza oder Mykonos nachempfunden. Unweigerlich wird der aktuelle Aufenthalt mit den Erinnerungen an Tage verglichen, die man an solchen »echten« Stränden zubrachte. Irgendwie ist man nicht am richtigen Ort – oder der Ort ist nicht richtig. Hier wird die Stadt gewissermaßen sich selbst fremd. Sie entfremdet sich aber auch den Einwohnern, die als Para-Touristen ihrer eigenen Umgebung auf die Suche nach dem Außeralltäglichen den Stadtraum wie ein Multiplex-Kino oder ein Theater betreten und benutzen. Man muss erst lernen, wie man sich fühlen soll, als Tourist oder als Anwohner. Ist das der Beweis für die Behauptung, dass die Menschen in der Ersten Welt immer häufiger Touristen sind, ob sie dies nun mögen oder nicht?’ Jedenfalls scheint es in der Stadt der Dienstleistungen, des Finanzkapitals und der Kultur- und Wissensindustrien weitgehend unmöglich, zwischen Tourismus und anderen Formen des Konsums zu unterscheiden. »Das normale Leben, wenn es ein gutes Leben sein soll, sollte ein ständiger Urlaub sein« (Zygmunt Baumau).’ Imaginäres und Reales, Alltag und Außeralltägliches: alles entdifferenziert? Kann man eigentlich nicht mehr nicht Tourist sein? Zumindest deutet vieles darauf hin, dass die Bürger einer Stadt eine zunehmend verbrauchende Beziehung zu ihrem eigenen Alltag eingehen. Sie kolonisieren und folklorisieren sich gewissermaßen selbst. Sie experimentieren mit ihrer eigenen lokalen Identität und halten sich spielerisch offen, wie an- oder abwesend sie sich gerade fühlen.(…)

Die Touristisierung der Städte stellt Anforderungen an die Bereitschaft, sich mit den gastgebenden Umwelten zu identifizieren. Durch solche Anrufungen wird die kommerzielle Wende des Kosmopolitentums eingeleitet. Eine Führung durch die eigene Stadt, aber auch ein Stadtstrand appellieren sowohl an die kulturelle Kompetenz wie an die ökonomische Potenz zu genießen. Man soll in der Lage sein, sich in der spielerischen Aufhebung lokaler Begrenzungen und Besonderheiten neu zu erfinden.
Vielleicht liegt es an diesem appellativen Charakter, dass es durchaus Überwindung kosten kann, sich auf Stadtstrände oder ähnliche Angebote der urbanen Freizeitgestaltung einzulassen. Diese nicht-monumentalen Orte revidieren ja nicht nur die Idee von Sightseeing, sie modifizieren auch die traditionelle städtische Freizeitkultur der öffentlichen Parks und Freibäder. Oberflächlich mag der Versammlungsort touristischer Subjekte den traditionellen Stätten öffentlicher körperlicher Erholung ähneln, wie sie der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat und die sozialistische Stadt geschaffen haben. Doch die ihnen zugrunde liegenden sozialen Programme sind zumeist von den Zielen einer neoliberalen Bewirtschaftung des städtischen Raums geleitet, nicht von der Maxime der Reproduktion der Arbeitskraft. Die attraktive Inszenierung der Orte und der Personen, die sich an ihnen aufhalten, ist Teil einer ökonomischen Strategie, Aufenthaltsqualität und Immobilienwert zu steigern. Und die Verbraucher und die Dienstleister, die Bewohner und die Gäste sind durch ihr Verhalten und ihre Performanzen aktiv an dieser Wertschöpfung beteiligt.
So verstanden sind Stadtstrände avancierte Ausstattungsstücke einer »nutzerorientierten« Stadt. In ihr ist der Wert der Immobilie an den Schauwert der Inszenierung des Urbanen geknüpft. Nüchterne Schwimmhallen werden durch opulente Spaßbäder ersetzt; und an jedem Wochenende finden irgendwo auf den Straßen und Plätzen in Wohngebieten oder innerstädtischen Bezirken Marathonläufe, multikulturelle Straßenfeste und Open-Air-Konzerte statt.”

Tom Holert, Mark Terkessidis: Fliehkraft
Gesellschaft in Bewegung - von Migranten und Touristen
, Köln 2006
Eine Rezension: https://www.iz3w.org/zeitschrift/ausgaben/299_g8_2007/rez3

2015-02-09