AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

Scheunenviertel mond und kräne bagger brachen in die szene

zille_abbruch.jpg
Heinrich Zille, Abbruchschilderung aus dem Scheunenviertel

Kurt Bartsch, 1968:

Scheunenviertel mond und kräne
bagger brachen in die szene
häuser stehen morsche zähne

ratten pfeifen aus den gruben
kartenhexen und kreuzbuben
schlurfen nächtens durch die stuben

kohlenschipper säufer huren
rosenwangig wachsfiguren
karusselle fuhren fuhren

hielten an der straßenecke
wo im finstern die verstecke
leichen sprangen vom verdecke

rattenäugige polizisten
mit revolvern schwarzen listen
wo im schutt die träume nisten

fahnen rollten ein gewitter
mond beschien die weißen gitter
nächte stumm und leichenbitter

schatten fliehen von tapeten
bäume ragen schwarze gräten
viertel platzen aus den nähten

Heinrich Zille, Arbeitspause - Abbruch im Scheunenviertel ca. 1910
Heinrich Zille, Arbeitspause - Abbruch im Scheunenviertel ca. 1910

Zeichnung aus:
Das Zille Buch, Hans Ostwald und Heinrich Zille, 1929

Foto aus:
Ranke Winfried, Heinrich Zille, Photographien Berlin 1890-1910, München 1975

Text aus:
Laufenberg, Barbara und Walter, Berlin im Gedicht, Frankfurt am Main, 1987

2013-12-25

Der erweiterte Kunstbegriff: Schlingensief ?

Am Wochenende lief ich neben einer Touristengruppe durch die Auguststrasse, beim Vorbeigehen am KW ging ein überraschtes Raunen durch die Gruppe, “schaut mal: Ausländer raus” beim Weitergehen dann ein erleichtertes “äh, des is Kunscht”.

 Schlingensief

Die Container mit dem “Ausländer raus”-Transparent sind von Schlingensiefs Kunst- und Filmprojekt aus dem Jahr 2000, das im Rahmen der Wiener Festwochen stattfand.
Kurz vor der Aktion, war die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) unter der Leitung von Jörg Haider als zweitstärkste Partei in den Nationalrat gewählt worden. Durch eine Koalition mit der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) wurde die FPÖ zur Regierungspartei. Die FPÖ stand vordergründig wegen ihres fremdenfeindlichen Wahlkampfs in der öffentlichen Kritik. (Wikipedia)

Schlingensief

Noch bis zum 19.1.2014 findet im KW eine Werkschau zu Christoph Schlingensief statt.

Schlingensief war in den 1990er Jahren von Castorf aufgrund seiner Filmprodukte an die Berliner Volksbühne geholt worden und konnte sich in diesen Nachwendeklima als Aktionskünstler austoben.

Roberto Ohrt schrieb 1998 unter dem Titel ‘Das Stolpern des Christoph Schlingensief. Über das Abräumen politischer Bewegungsformen’ (in der Zeitschrift ‘Die Beute. Neue Folge’):
“Er ist der Abräumer der 80er und 90er Jahre. Von den Club-, Scherzvogel- und ‘Bewegungslehre’-Ideen bis zu Karaoke (…), er räumt alles ab, was seinerzeit mit weniger Absichten und Aussichten auf das große Publikum genossen wurde. Und obwohl seine Vorbilder weitaus amüsanter waren, jetzt greifen die Medien zu und machen Licht, wo es nur geht.
Er ist ein Produkt der Szene; er hat ihre Signale und Rituale auseinandergenommen - entschärft und neutralisiert waren sie ohnehin - und die Szene bringt ihn hoch, mit ihrem Überdruß an den nicht mehr funktionierenden, den nur mehr rituellen Protestformen. Bei ihm sind die Erinnerungsreste und was noch dazu kommt, Warhol oder Beuys, mit neueren Ideen zusammengesetzt, konsequenter und skupelloser auf die Medien gerichtet, den Einstieg in den Mainstream, an dessen Lacherfolgstechnik er mit den anderen Seiten seines absurden Stückwerks experimentiert.(…)

Mit der Politik - oder dem Leben - ist es bei Schlingensief übrigens genau wie mit der Kunst; sie will sich nicht wirklich formulieren, und auf diese Weise hängt das eine mit dem anderen direkt zusammen. Er entzieht seiner Politik die Anhaltspunkte für eine genauere Überprüfung und setzt an dessen Stelle das Spiel der Beteiligung und den moralisierenden Nebel. Mehr ist die Fiktionalität bei ihm nicht; sie will nicht stören, nicht projizieren, was wirklich unmöglich und doch greifbar wäre. Die von ihm aufgerufenen Interessen und Kräfte - der Rest eines politischen Engagements zum Beispiel oder der noch unklare Wunsch, dem Elend der Verhältnisse etwas entgegenzusetzen - werden von seinen Gewissensspiel sehr bald erschöpft oder abgeschliffen.”

Schlingensief

Aus einen Interview von Dietrich Kuhlbrodt in der Jungle World (Nr. 23, 31. Mai 2000) zur Wiener ‘Ausländer raus’-Aktion

“Machst Du es nicht den Haider-Freunden zu leicht? Ist da nicht was dran, an der unzulässigen Verquickung von Politik und Kunst? Roberto Ohrt hat Dir in der Beute vorgeworfen, den Ausverkauf von Kunst zu betreiben.

Schlingensief: Was soll das sein: Ausverkauf der Kunst? Wenn er damit die Menschheit meint, habe ich keine Probleme, wenn er aber die Erfindung der Kunst meint und somit das Monopol der Erfinder stützen will, gehört er genauso wie die Beute zu den Vorgestrigen. Die Beute hat ihre Absichten dermaßen verraten und ausgelutscht, dass sie Henryk M. Broder das Heft überlassen sollten. Das wäre sicher spannender.

Ich sehe keine Trennung mehr zwischen Kunst und Politik, Politik und Leben, Leben und Kunst. Das gehört ab sofort alles zusammen. Das transformiert sich von selbst. Und wer das behindert oder auf irgendwelche Schutzzonen und Monopoleinrichtungen verweist, ist verloren.”
http://jungle-world.com/artikel/2000/22/27651.html

2013-12-16

Wolfgang Neuss zum 90igsten

‘Wer nicht haargenau wie die CDU denkt, fliegt glatt aus der SPD’ - Eine kleine Ergänzung zum Blog-Beitrag von 2008

1963
“Wolfgang Neuss nimmt Partei, und die, die ihm am nächsten steht, ins kabarettistische Visier. So versteht sich die Passage des “Jüngsten Gerüchts”, die sich mit der SPD befaßt, als Plädoyer für eine neue Opposition. Vier Jahre zuvor hatten sich die Sozialdemokraten auf Geheiß ihres Zuchtmeisters Herbert Wehner in ihren Godesberger Programm von den eigenen Traditionen losgesagt, der Klassenidee abgeschworen und sich als bessere CDU empfohlen. Neuss, seinerzeit noch SPD-Mitglied, faßt zusammen: Wer nicht haargenau wie die CDU denkt, fliegt glatt aus der SPD.”
aus Volker Kühn (Hrsg.): Der totale Neuss. Gesammelte Werke, Frankfurt a. M. 1997 S. 307

1966 wurde er dann aus der SPD ausgeschlossen, zwei Tage nach dem in der Zeitung ein Bild von einer Vietnam-Demonstration erschienen ist, mit Wolfgang Neuss als Teilnehmer (mit einen Pfeil kenntlich gemacht).
Als Begründung mußte aber herhalten, das Neuss Monate vorher, bei einer Wahlkampfveranstaltung der SPD riet: “Also wenn Sie mich fragen: Erststimme der SPD, Zweitstimme der DFU“.
Quelle: Gaston Salvatore: Die Geschichte des Mannes mit der Pauke. = Gaston Salvatore erzählt die Geschichte des Mannes mit der Pauke. Wolfgang Neuss, ein faltenreiches Kind.
Nachwort von Siegward Lönnendonker
Unveränderte Neuauflage der Erstausgabe von 1974, Hamburg 1995 S. 476

Für alle die sich mehr mit Wolfgang Neuss beschäftigen wollen, seien die Bücher von Volker Kühn und Gaston Salvatore empfohlen.

siehe auch: http://www.zeit.de/1966/09/in-sachen-wolfgang-neuss

Lesenswert der Artikel von Mathias Bröckers heute in der taz: „… ab 5 Uhr 45 wird zurückgelächelt“

2013-12-03