AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

Die verkaufte Mitte

Karte

Tacheles, Postfuhramt und die historischen Gebäude des “Forum Museuminsel” waren einst im Eigentum des Bundes oder der Universitätsklinik Charité. Doch sie wurden im Zuge der neoliberalen Politik seit Ende der 1990er Jahre verscherbelt.

Das Wall Street Journal berichtete letzte Woche:
“In ganz Europa vermuten Immobilienunternehmen Gewinnchancen in der Umwandlung von historischen Gebäuden (…), sagt David Tomback von English Heritage, einer staatlichen britischen Einrichtung, die mit dem Schutz historischer Gebäude beauftragt wurde. (…)
In Großbritannien generierten historische Projekte zwischen 1980 und 2011 einen gleich hohen oder höheren Gesamtertrag als Gewerbeimmobilien insgesamt, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2011 von Colliers International, die von English Heritage in Auftrag gegeben wurde.”

Postfuhramt
Postfuhramt -Jetzt in Besitz des Medizintechnikunternehmens Biotronik

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Tacheles

Ein ganzer Stadtteil (über 25 000m2) mit drei historischen Gebäuden, wurde von der öffentlichen Hand 1998 für 30,9 Millionen Euro an den geschlossenen Immoblienfondsbetreiber August Jagdfeld/Fundus Gruppe verkauft. Seine Investitionen hat er nie getätigt, die öffentliche Hand hat trotz dieses Vertragsbruches keine Rückabwicklung des Kaufes durchgeführt.

Laut Presseberichterstattung vom November 2013 will die Fundus Gruppe jetzt für 200 Millionen Euro
weiterverkaufen.
siehe auch: http://kritikdesign.blogspot.de/2011/09/euer-land-wurde-verschachert.html

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“Forum Museuminsel”
Schon 2001 erwarb die Freiberger Holding die Freimaurerloge aus dem Jahr 1791 und die “Post- und Fernmeldewesen”-Gebäude, 2007 dann die Gebäude der Universitätsklinik Charité.

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Gebaut wurde bisher ein Anbau an die von Martin Gropius entworfene Charité-Frauenklinik (1879–1883) durch den Architekten Chipperfield.

siehe auch:

http://auguststrasse-berlin-mitte.de/die-privatisierte-stadt
http://auguststrasse-berlin-mitte.de/der-spreeuferweg-zwischen-tucholskystrasse-und-monbijoustrasse-soll-privatisiert-werden

Karte: Daten von OpenStreetMap - Veröffentlicht unter ODbL

2013-11-28

Breitbandnetzausbau

Breitbandnetzausbau
Foto: M.St.

In den letzten Wochen wurde in der Auguststrasse und Umgebung das Breitbandnetz des Kabelanbieters TeleColumbus erweitert.

Breitbandnetzausbau
Foto: M.St.

Breitbandnetzausbau

Breitbandnetzausbau

Breitbandnetzausbau
Breitbandnetzausbau

siehe auch:

http://diskurse.net/index.php?/arbeiten/netze/

2013-11-20

9. November

“In den letzten Jahren wurde vor allem an das Ende der DDR erinnert, heuer aber kommt der “Reichskristallnacht” die Pole-Position zu, denn sie jährt sich zum 75. Mal.” (Broder in der Welt)

Dazu hat sich die Kulturprojekte Berlin GmbH eine Aktion ausgedacht:
“Am zweiten Novemberwochenende werden viele Menschen beim Shoppingbummel in Berlin verblüfft sein, vor allem in der City West und am Hackeschen Markt in Mitte.”

9. November

9. November

Eine Handvoll Läden haben Folien aufgeklebt: “scheinbar zersplitterte Schaufenster mit großen schwarzen Löchern” und ein Schriftzug der auf das Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“ hinweist.

Der Spiegel veröffentlichte in der Reihe einestages einen Text von Ruth Winkelmann, die ihre Erinnerungen an den 9.November 1938 aufgezeichnet hat:
“Als ich gegen 7.30 Uhr meine Schule an der Auguststraße erreichte, war alles wie gewohnt. (…)
Eine gute halbe Stunde später hatten SA-Leute den Schuleingang besetzt und mit einem Berg aus Gerümpel verbarrikadiert. Wir saßen in der Falle. Von drinnen hörten wir ihr Gebrüll. Später sahen wir ihre hasserfüllten Schmierereien an der Schulfassade. Wir klemmten uns an die Fensterscheiben und sahen, wie immer mehr Kisten und Bretter, ja sogar Schlitten und Kochtöpfe auf den Haufen vor der Schule flogen. Von der anderen Seite der Schule sahen wir, wie dichter Qualm aus der Kuppel der Synagoge in der Oranienburger Straße stieg. Jeden Augenblick musste damit gerechnet werden, dass die Braunhemden den Holzhaufen vor dem Schuleingang in Brand setzten.”

Heute kann man in der ehemaligen Turnhalle der Mädchenschule ‘Glasierte dicke Rippe vom Pommerschen Ochsen am Knochen serviert’ für 39 € essen und alles in “mondäner Einrichtung”.
“Inspiration sind die goldenen Berliner Jahre der 20er” so die Betreiber des Restaurants.

Ach ja, der Hugo Boss-Laden in der Rosenthaler Strasse beteiligt sich nicht an der Schaufensteraktion. In den 1930er Jahren war die Firma Boss Lieferant von Uniformen für SA, SS, Wehrmacht und HJ …

hugo boss
Stadtarchiv Metzingen

siehe auch:
http://www.metzingen-zwangsarbeit.de/body_home.html

2013-11-09

Erich Kästner: Berlin in Zahlen

Laßt uns Berlin statistisch erfassen!
Berlin ist eine ausführliche Stadt,
die 190 Krankenkassen
und 916 ha Friedhöfe hat.

53.000 Berliner sterben im Jahr,
und nur 43.000 kommen zur Welt.
Die Differenz bringt der Stadt aber keine Gefahr,
weil sie 60.000 Berliner durch Zuzug erhält.
Hurra!

Berlin besitzt ziemlich 900 Brücken
und verbraucht an Fleisch 303.000.000 Kilogramm.
Berlin hat pro Jahr rund 40 Morde, die glücken.
Und seine breiteste Straße heißt Kurfürstendamm.

Berlin hat jährlich 27.600 Unfälle.
Und 57.600 Bewohner verlassen Kirche und Glauben.
Berlin hat 606 Konkurse, reelle und unreelle,
und 700.000 Hühner, Gänse und Tauben.
Halleluja!

Berlin hat 20.100 Schank- und Gaststätten,
6.300 Ärzte und 8.400 Damenschneider
und 117.000 Familien, die gerne eine Wohnung hätten.
Aber sie haben keine. Leider.

Ob sich das Lesen solcher Zahlen auch lohnt?
Oder ob sie nicht aufschlußreich sind und nur scheinen?
Berlin wird von 4½.000.000 Menschen bewohnt
und nur, laut Statistik, von 32.600 Schweinen.
Wie meinen?

Erich Kästner, 1930

Quelle: http://www.luise-berlin.de/bms/bmstxt01/01072prof.htm

2013-11-04