AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

Sind KünstlerInnen Gentrifizierer

Kunst als Image- und Lifestyleproduzentin

“(….) Das Alltagsleben des “Künstlers” ist zum Inbegriff der Generation Berlin geworden: jung, erfolgreich, spaß- und geldorientiert. Davon profitieren insbesondere die Bauherren, Investoren und Imageproduzenten, die verstärkt Kunst fördern und also die Lebensform “Künstler” mitfinanzieren helfen.(…) Der “Künstler” ist der fleischgewordene Kriterienkatalog öffentlichen Bauaufträge.” (Marius Babias, 2006)

Auguststrasse kw

Auf Initiative der 7. Berlin Biennale und ihres Kurators Artur Żmijewski wurden Statements von verschiedenen Akteur­Innen vor allem aus dem kulturellen Feld angefragt und um Meinungsäußerung zur gegenwärtigen Verfasstheit der Berliner Kulturpolitik gebeten.
Unter anderen antwortete auch Marius Babias, Direktor, Neuer Berliner Kunstverein, mit Zitaten aus seinen 2006 erschienen bemerkenswerten Buch “Berlin. Die Spur der Revolte”. In dem Buch sind auch Bemerkungen zur AUGUSTSTRASSE zu finden:

“Die ihr von Hauptstadtplanern zugedachte Aufgabe, als kultureller Brückenkopf der Wiedervereinigung Investoren anzulocken, erfüllte die Kunstmeile AUGUSTSTRASSE mit Bravour, indem sie mithalf, Politik in Kultur und Protestverhalten in einen Lebensstil zu verwandeln.” Und vorher: “Der dynamische Junggalerist in Mitte hat eine kleine Erbschaft gemacht, er sucht die Nestwärme einer sozialen Community, will Spaß und Perspektive haben, Cool, geschäftstüchtig, frisch geduscht: der Junggalerist.(…)”
Oder: “Doch mittlerweile sind Linien- und Auguststrasse zu Boulevards der Besserverdienenden aufgestiegen, wenn auch in imaginierter Form (…). Galerien, Feinkostgeschäfte, Cafés und Boutiquen schlucken die Touristenmassen. In den topsanierten Apartments und Fabriketagen lebt jetzt die dynamische Handy-Generation das Abziehbild des Künstlers.”

P/Act for Art - Auszüge aus den Statements:

“Von Politik bereinigt, wurde im Berlin der 1990er-Jahre ein neuer Produktionsstoff entdeckt: die eigene Subjektivität, die es zu vernutzen gilt. Das »Versprechen Berlin«, von dem sich so viele KünstlerInnen, KulturproduzentInnen und andere Ich-DarstellerInnen anlocken ließen, besteht vor allem darin, ein dem kulturellen Markt zur Kooptation kritischer Produktionsmodelle geeignetes Wirklichkeitsmodell bereitgestellt zu haben. Der wohl am häufigsten anzutreffende Berlin-Phänotyp ist das aus sich selbst schöpfende Künstlersubjekt, das einen ästhetischen Früchtekorb für den bürgerlichen Distinktionsgewinn bereitstellt.(…)”
Marius Babias
Direktor, Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.), Berlin

” (…)Die Stadtpolitik hat daher aus den Erfahrungen der eigenen Geschichte und der anderer Städte Konsequenzen zu ziehen. »Eine Politik zum Reinhauen« (Arno Brandlhuber) überlässt dem freien Spiel der Kräfte jede Gestaltungsmöglichkeit: Wohnungsbaugesellschaften werden verkauft, die Liegenschaften werden meistbietend verhökert, die Kontrolle über Wasser und Energie outgesourct … Die größten VerliererInnen werden absehbar die ProduzentInnen aller Kultursparten sein, es sei denn, Berlin bekennt sich zu einer Neuformulierung urbaner Politiksteuerung, die Kunst und Kultur als integralen Bestandteil begreift und an den Interessen und Bedürfnissen der in Berlin lebenden Menschen (aus aller Welt!) orientiert ist. Mietpreisbindung, behutsame Stadterneuerung mit den BewohnerInnen und nicht gegen sie, Vergabe von Liegenschaften in Erbpacht an Kultur- und Kunstprojekte mit dem Ziel einer Mischnutzung von städtischen Arealen statt meistbietendem Verkauf, stärkere Kontrolle bei Umwandlung von Miet- in Gewerbenutzung, Maßnahmen gegen die Verdrängung alteingesessener Kleinbetriebe und -händlerInnen, Förderung zur kulturellen Entfaltung der in Berlin lebenden Bevölkerung mit ihren diversen Tradi­tionen und vieles andere mehr. Wenn die bewunderte und viel zitierte besondere kulturelle Atmosphäre Berlins erhalten und sogar weiter ausgebaut werden soll, dann brauchen wir keine Lippenbekenntnisse, sondern Taten und klare politische Vorgaben, sonst wird die künstlerische Kraft und Stärke dieser Stadt bald der Vergangenheit angehören.”
Leonie Baumann
Rektorin Kunsthochschule, School of Art Berlin Weißensee

“Im politischen Selbstverständnis Europas und insbesondere Deutschlands ist Kultur als Leitmedium gesellschaftlicher Selbstbestimmung historisch verankert. Heute, in unseren neoliberal gewendeten Demokratien, lässt sich indes der emanzipatorische Charakter kultureller Produktion für die Selbstbestimmung demokratischer Gemeinwesen immer schwerer erkennen.(…)”
Arno Brandlhuber
Architekt und Stadtforscher, Berlin
Alexander Koch
Kurator, Theoretiker und Galerist, Berlin

“Die Fragen, die Sie ansprechen, gehen am Thema ein wenig vorbei. Was aber ist das Thema? Das Thema ist die generelle Krise der Kunst, die an Überforderung zugrunde zu gehen droht. Im allgegenwärtigen Versagen politischen Handelns, in der durchgängigen Ökonomisierung des öffentlichen Lebens, in der verheerenden Spaltung der Gesellschaft in Besitzstandswahrer und Besitzlose, in den überbordenden Schwärmen von nutzlosen Informationen, die das Wesentliche zur Unkenntlichkeit verwässern, im Versagen intellektueller Instanzen und im Trübsinn institutioneller Überlebenskämpfe soll die Kunst Orientierung geben? Sie soll sich »einmischen«? Wie soll das gehen? Wer sich einmischt, wird Teil der Mixtur, amalgamiert in eine klebrige Suspension von Interessenslagen, die auf alles mögliche gerichtet sind – nur nicht auf die Kunst.(…)
Denn die Künstler haben an Selbstbewusstsein verloren, sie wurden zu allem möglichen degradiert, zu Dienstleistern, Unterhaltungsfreaks und Renditebringern. Die Mehrzahl hat das willig angenommen, nun steht sie vor einem Trümmerfeld verlorener Illusionen. Recht so. Schad’ nichts.(…)”
Matthias Flügge
Kunsthistoriker, Berlin

Quellen:
Marius Babias, Berlin. Die Spur der Revolte, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2006
http://www.berlinbiennale.de/blog/7-biennale/pact-for-art

2011-12-16

Einzelhandelsstandortsicherungszäune

Tacheles

tacheles

Die Situation am Freigelände um das Tacheles wird immer absurder

Die aktuelle Situation auf dem Einzelhandelsimmobilienmarkt und im Bereich der Luxuswohnprojekte sehen Beratungsunternehmen im Immobilienbereich so:

“Was bringt die Zukunft? Andreas Kogge, Leiter Einzelhandelsvermietung Berlin bei Jones Lang LaSalle: Entwicklungsdynamik geht vom Bereich nördlich des S-Bahnhofs Friedrichstraße aus. Besonders die anstehenden Projektentwicklungen Tacheles und Forum Museumsinsel im nördlichen Teil um die Oranienburger Straße lassen eine Aufwertung erwarten.

Hackescher Markt / Spandauer Vorstadt – Berlins Laufsteg

Der Hackesche Markt und seine Seitenstraßen haben sich mit rund 300 Shops und etwa 50.000 m² Verkaufsfläche zu einem internationalen Standort der Modeszene entwickelt. Individuelle Shops, schmale Straßen, Passagen und belebte Hinterhöfe bestimmen das Flächenangebot. Die Mieten sind von 50 bis 75 Euro/m² in 2006 auf aktuell bis zu 130 Euro/m² gestiegen.

Kogge: „Der lokale Handel und die kreative Szene erschließen die preiswerteren Nebenstraßen rund um die Hauptachsen Oranienburger Straße, Rosenthaler Straße, Neue Schönhauser Straße und Münzstraße. Vermehrt rücken Lagen wie die Mulackstraße, Rosa-Luxemburg-Straße, Weinmeisterstraße und auch die Rochstraße in den Fokus. Für die etablierten Bereiche sind weitere Mietsteigerungen zu erwarten und neben Projektentwicklern zeigen auch Endinvestoren großes Interesse am Hackeschen Markt. In der näheren Umgebung des Hackeschen Markts wird die derzeit etwas unstrukturiert positionierte Oranienburger Straße in den nächsten Jahren einen großen Sprung nach vorn machen.“”

tacheles

“In Mitte ballen sich die Luxuswohnprojekte:
Das größte privat finanzierte Projekt in der historischen Mitte Berlins ist jedoch das Forum Museumsinsel. Nach jahrelanger Vorbereitung hat der Pizzafabrikant und Immobilienunternehmer Ernst Freiberger jetzt seine Pläne für das Areal zwischen Tucholskystraße, Oranienburger Straße und Monbijoustraße präsentiert. In denkmalgeschützten Gebäuden und Neubauten sollen bis Sommer 2014 für insgesamt rund 300 Millionen Euro nicht nur Büros, ein Hotel und Läden entstehen, sondern auch Wohnungen, deren Ausstattung dem Investor zufolge „in ihrer modernen Gediegenheit und Exklusivität mit dem Stil und der besonderen Lage korrespondieren wird“.

Dass Mitte ein teures Pflaster ist, bestätigen soeben veröffentlichte Zahlen des Beratungsunternehmens Bulwien Gesa. Demnach kosten Wohnungen in Neubauprojekten in Mitte im Durchschnitt 4080 Euro pro Quadratmeter und damit 1060 Euro mehr als in Prenzlauer Berg.”

siehe auch: Forum Museumsinsel - Die privatisierte Stadt

Quellen:
http://www.joneslanglasalle.de/Germany/DE-DE/Pages/NewsItem.aspx?ItemID=23695
http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/wo-kapitalkraeftige-kosmopoliten-kaufen/5885404.html

2011-12-06