AUGUSTSTRASSE                            Keine Kunst

Berlin Mitte Geschichte - Steinwürfe am Hamburger Tor

Hamburger Tor
Berliner Zollmauer: Hamburger Tor um 1860

Im Jahre 1845 machen die Bewohner des Armenviertels um die Gartenstraße von sich reden. Es ist Feierabend, und eine Gruppe von Arbeitsleuten zieht “rauchend und lärmend und sich so umfassend, daß sie die ganze Breite der Straße einnehmen” heimwärts. Am Hamburger Tor, heute Kleine Hamburger Straße/Einmündung Torstraße, genügt ein harmloser Anlaß, um die aufgestaute Wut zu entladen.
“Beim Vorübergehen vor dem Wachtgebäude qualmte einer der Arbeiter dem Wachhabenden Grenadier Brinkert in das Gesicht. Dieser verbot das Rauchen, worauf einer der Arbeiter aus der Menge hervorsprang und ihn an der Brust faßte. Bankert ergriff diesen Unbekannten ebenfalls, um ihn zu arretieren, was dann auch mit Hilfe der übrigen herbeitretenden Wachmannschaften gelang. Man transportierte den Arbeiter in die Wachstube, während die übrigen Arbeiter sich bemühten, ihn freizumachen, und teils von der Straße, teils vom Tore aus unter Drohungen auf das Wachthaus und die Mannschaft mit Steinen, Eisstücken usw. loswarfen. Bei dieser Gelegenheit wurden von den Arbeitern durch Würfe die Fenster des Wachtgebäudes, in welches gegen zwanzig Steine geworfen wurden, zertrümmert; auch waren die Wachmannschaften zum Teil durch die Würfe am Helm oder am Körper getroffen.”

Text: Manfred Gailus, Pöbelexzesse und Volkstumulte; Berlin-W. 1982, S.13
aus: Berger, Joachim, Berlin freiheitlich & rebellisch, Berlin-W. 1987

Die Bevölkerung Berlins war von 185 000 Einwohnern im Jahre 1807 auf über 400 000 im Jahre 1848 angewachsen. Dieser Bevölkerungszunahme, die vor allem der Zuwanderung von außerhalb zuzuschreiben war, entsprach jedoch nicht entfernt die Zunahme der städtisch besiedelten Fläche. Die Stadt hatte sich mehr in die Höhe als in die Breite entwickelt: 1803 kamen noch nicht 25 Bewohner auf ein Haus, im Jahre 1850 waren es schon 48. Dabei wurden weite Flächen des von einer Akzisemauer umgebenen Stadtgebietes noch landwirtschaftlich genutzt. In den nördlichen und südöstlichen Bezirken hatte bereits der Mietskasernenbau begonnen. Die Wohnung war zur Ware geworden, das Haus zur Kapitalanlage, zum Spekulationsobjekt. Unverhüllt trat diese Entwicklung an einem Unternehmen im ‘Voigtland‘ zutage, bei dem nach zeitgenössischen Schätzungen das eingesetzte Kapital sich mit mindestens 12, wenn nicht mit 20 Prozent verzinste.” Es handelte sich dabei um fünf ‘Familienhäuser’, die bereits in den zwanziger Jahren in dem Gebiet vor dem Rosenthaler und Hamburger Tor gebaut worden waren. Bald lebten hier in insgesamt 420 Stuben 3200 Personen, meistens Tagelöhner, Weber und verarmte Handwerker mit ihren Familien. Während das größte dieser Häuser 150 Stuben enthielt, dominierte in den westlichen Stadtteilen das bürgerliche Haus mit zwei bis drei Stockwerken und »fünf bis sieben Fenster Front«. Bereits in der Bebauung prägte sich also eine soziale Teilung der Stadt aus.
Diese als Polarisierung in arm und reich erfahrene Teilung erschien nicht mehr wie in der Vergangenheit als Zustand, sondern als eine sich – insbesondere in den vierziger Jahren – immer mehr beschleunigende Entwicklung. Die diesen Prozeß immer weiterer Verarmung immer größerer Bevölkerungsgruppen beklagenden Zeitgenossen konnten auf die Zahlen der amtlichen Statistik verweisen. Während die Einwohnerzahl Berlins von 1841 bis 1850 um 30 Prozent stieg, erhöhten sich die Ausgaben der städtischen Armenkasse um 63 Prozent. Sie betrugen 1847 fast 40 Prozent des Gesamtetats der Stadt. Dieser Prozeß der sogenannten Pauperisierung ließ sich zwar in weiten Teilen Deutschlands beobachten, stach jedoch in Berlin dadurch hervor, daß sich hier die Verarmten in überdurchschnittlich hoher Zahl auf kleinem Raum zusammenballten.

Text: Berliner Straßenecken-Literatur 1848/49, Stuttgart 1977
Foto: wikipedia (gemeinfrei)

2010-12-27

Auguststrasse 11-13

Auguststrasse 11-13

Die vom Jewish Claims Conference im Herbst 2009 der Jüdischen Gemeinde übertragene ehemalige jüdische Mädchenschule wird jetzt saniert und wird - wie originell - Galerie und Restaurant.
Die Repräsentanten der Gemeinde stimmten für das Projekt von Michael Fuchs (Galerie Haas & Fuchs), der es für vier Millionen Euro sanieren will. Fuchs kann die Mädchenschule, mit 3300 Quadratmetern Nutzfläche, für 20 Jahre mit einer Option für weitere zehn Jahre zu guten Konditionen mieten.

Auguststrasse 11-13

Das Schulhaus wurde im Auftrag der jüdischen Gemeinde von Berlin durch ihren Gemeindearchitekten Alexander Beer Ende der 1920er Jahre erbaut und 1930 von der jüdischen Mädchenschule bezogen.
Die Schule in der Auguststraße wurde 1942 geschlossen, bis Ende des Krieges benutzte das katholische St. Hedwigs Hospital ihre Räume. Mitte der 1950er Jahre konnte die ursprüngliche Nutzung durch die Bertolt-Brecht Oberschule wieder aufgenommen werden. Diese Kontinuität wurde nach der Wiedervereinigung durch die 2. Gesamtschule des Bezirks Berlin-Mitte weitergeführt, bis diese 1996 wegen Schülermangel schließen musste.

siehe auch: Das Gebäudeensemble Auguststrasse 11-16

2010-12-21

Berlin Geschichte - Westberliner Hausbesetzerbewegung

12. Dezember 1980
An diesen Tag verhindert die Polizei die Besetzung des Hauses Fraenkelufer 48. Es ist ein Freitagnachmittag, die Nachricht verbreitet sich schnell und mutiert zum Gerücht, ein Haus sei geräumt worden, eine zweite Räumung stehe bevor. Es kommt zu stundenlangen Straßenschlachten und Plünderungen und ultrabrutalen Polizeieinsätzen - die Besetzerbewegung ist endgültig geboren. Innerhalb der nächsten vier Monate wächst die Zahl der besetzten Häuser von 10 auf 167 an. (A.G.Grauwacke)

Westberliner Hausbesetzerbewegung
BZ-Schlagzeile am 16.12.1980

Im Jahre 1963 wurden weite Teile des Gründerzeitbestandes als Sanierungsgebiete festgelegt. Sie sollten abgerissen und mit staatlichen Geldern neu aufgebaut werden. Am Stadtrand waren zwischen 1965 und 1975 mehrere Großsiedlungen im sozialen Wohnungsbau errichtet worden (Gropiusstadt, Märkisches Viertel, Falkenhagener Feld), in die die Sanierungsbetroffenen umgesetzt werden sollten – städtebaulich also ein ganz ähnliches Konzept, wie es im Ostteil der Stadt verfolgt wurde. Gegen die ,Flächensanierung`, diese Stadtzerstörung gigantischen Ausmaßes, erwachte jedoch Ende der 60er-Jahre politischer Widerstand. Aber erst die Befriedungsstrategie nach Hausbesetzungen und Straßenschlachten in den Jahren 1980/1981 setzte der Abrisspolitik ein Ende.(…)

Westberliner Hausbesetzerbewegung

Flächensanierung
Der riesige Bestand an heruntergekommenen Altbauhäusern in privatem Besitz war in West-Berlin nach dem Mauerbau nur noch schwer zu vermieten. Der Abriss wurde geplant. Im ersten Stadterneuerungsprogramm 1964/65 war die Sanierung von 60.000 Wohnungen für 140.000 Einwohner vorgesehen, und das hieß: Abriss von 43.000, Neubau von 24.000 und Modernisierung von 10.000 Wohnungen (Geffers 1990). Diese befanden sich in den Bezirken Kreuzberg, Wedding, Tiergarten, Charlottenburg, Schöneberg und Neukölln. Wedding und Kreuzberg gehörten dabei zu jenen Bezirken West-Berlins, die die älteste Bausubstanz und den höchsten Anteil an Wohnungen ohne Toilette aufwiesen.(…)
Die genannten Gebiete galten als ,rückständige Viertel’ (Zapf 1969) und der Abriss der Gebäude sollte den Einzug moderner Lebensweisen fördern. Sanierungspolitik verstand sich als Entwicklungspolitik für rückständige Quartiere – auch wenn sich heute kaum mehr jemand vorstellen kann, dass diese ,Entwicklung` mit dem Abriss des alten Viertels beginnen sollte. Die Gleichsetzung von schlechtem Bauzustand und problematischer Sozialstruktur war zu dieser Zeit jedoch weit verbreitet. Demnach waren die ,Defizite` der Bevölkerungsstruktur in der Bausubstanz festgeschrieben und konnten nur durch einen Abriss mit nachfolgender Neubebauung behoben werden. Dieses Vorgehen sollte über die Köpfe der Bewohner hinweg geschehen. Sie wurden nicht nach ihrem Urteil befragt, ihre Wohnwünsche erschienen durch ihre Lebensumstände diskreditiert und in der Politik besaßen sie keine Lobby.(…)
Nach der Ausweisung als Sanierungsgebiet und dem damit verbundenen Abrissurteil wurden die Häuser vollkommen vernachlässigt, es wurden keinerlei Investitionen mehr vorgenommen. Wer wegziehen konnte, verließ den Stadtteil. Geschäfte mussten schließen, Nachbarschaften zerbrachen. Zahlreiche Wohnungen, ganze Häuser und schließlich komplette Straßenzüge waren geräumt. Die alliierten Truppen veranstalteten dort Manöver für den innerstädtischen Verteidigungskrieg. Die Abwärtsspirale von Zerstörung, Vertreibung und Abriss fasste in abgeschwächter Form auch in jenen Gebieten Fuß, die als potentielle Sanierungsgebiete (,Sanierungserwartungsgebiete’) galten.
Um den Abriss durchführen zu können, mussten die vom Senat beauftragten Sanierungsträger die Häuser von den Besitzern aufkaufen. Dieser Aufkauf zog sich jedoch in die Länge, weil immer noch irgendwo irgendjemand wohnte oder irgendein Eigentümer immer noch nicht verkauft hatte. Die Gebäude wurden so erst nach und nach entmietet, die Bewohner bekamen Umsetzwohnungen gestellt, und die meisten Häuser standen leer. Da nur ganze Straßenzüge abgeräumt werden sollten – auch das sollte möglichst rationell geschehen –, wurde in den 60er-Jahren praktisch kein Haus abgerissen. Die Verluste bei den Mieteinnahmen wurden zum größten Teil aus dem Landeshaushalt gedeckt. Der Prozess des Grunderwerbs und des Freiräumens dauerte im Schnitt 13 Jahre – 13 Jahre, in denen in den Häusern nichts passierte. Eine ,zu gute’ Instandhaltung hätte den Bleibewunsch der Bewohner verstärkt und die Freimachung erschwert: die Entmietung hätte dann noch länger gedauert (Lehmbrock 1982, 119). Vor 1975 hatte die eigentliche Sanierung daher noch gar nicht richtig begonnen.
Die Wohnungen wurden dann ,vorübergehend` an Gastarbeiter vermietet.(…)

Die Wiederentdeckung der Altstadt
In den 60er-Jahren war in Kreuzberg das Viertel zwischen Wassertorplatz und Prinzenallee/Ritterstraße abgerissen und neu bebaut worden, zu Beginn der 70er-Jahre folgte das Gebiet um das Kottbusser Tor, an dem zwischen 1972 und 1974 das Neue Kreuzberger Zentrum erstellt wurde. Seit Mitte der 70er-Jahre, zeitgleich mit der Fertigstellung der Großsiedlungen, formierte sich in den Abrissgebieten erster Widerstand. Die Bewohner drängten auf eine Beteiligung an den Planungen, die Forderung nach dem Erhalt von Altbauten mit guter Bausubstanz wurde erhoben. Abrissbedingte Umsetzungen würden, so das Argument, die gewachsenen Nachbarschaftsbeziehungen und damit jene Milieus und sozialen Beziehungen zerstören, die gerade für die einkommensschwache Bevölkerung lebenswichtig seien (vgl. Sanierung für wen? o.J.).
Soziale Beziehungen im Altbauquartier wurden als eine Ressource für Haushalte betrachtet, die über nur geringe Geldeinkommen verfügen konnten.
In den Altbaugebieten lebten nach den von den Sanierungsträgern organisierten Umsetzungen vor allem jene Gruppen, die nicht in die modernen Großsiedlungen umziehen wollten oder denen dort keine Wohnung angeboten wurde. Zahlreiche Bewohner organisierten sich in Betroffenenvertretungen und Bürgerinitiativen und riefen den ,Widerstand` aus. Die Sanierung kam ins Stocken. Im Jahre 1977 wurde schließlich der Wettbewerb „Strategien für Kreuzberg” ausgelobt, der nach neuen Ideen der Betroffenenbeteiligung und der Stadterneuerung in Kreuzberg suchte.
Zu dieser Zeit hatte sich eine skurrile Form von Wohnungsnot entwickelt: Die Nachfrage nach Wohnungen war größer als das Angebot, weil sich Abriss und Neubau von Wohnungen nicht in gleicher Geschwindigkeit entwickelten wie in den frühen 70er-Jahren. Altbauten standen in großer Zahl leer, wurden aber nicht vermietet – speziell in Kreuzberg, Schöneberg und Charlottenburg im Jahr 1979. Diese wurden dann von der aufkommenden Hausbesetzerszene in Beschlag genommen, um ihren weiteren Verfall und den darauf folgenden Abriss zu verhindern. Ihre Forderungen waren: preiswerten Wohnraum erhalten und nur jene Baumaßnahmen (möglichst in Eigenarbeit) durchführen, die von den Bewohnern als notwendig erachtet wurden. 1980/1981 waren ungefähr 160 Häuser besetzt, und bei den Versuchen, diese zu räumen, lieferten sich Hausbesetzer und Polizei zum Teil dramatische Straßenschlachten. Stadterneuerung als Abrisspolitik war danach politisch diskreditiert. Dass mit öffentlichen Mitteln Wohnungen abgerissen werden sollten, für die es eine Nachfrage gab, war in der Öffentlichkeit nicht mehr glaubwürdig zu begründen. Die Hausbesetzungen und die mit ihnen verknüpften Straßenschlachten hatten gezeigt, dass diese Politik nicht mehr ohne gewaltförmige Konflikte weiter zu führen war. Zudem hatten sich zahlreiche Architekten, Stadtplaner und Intellektuelle auf die Seite der Hausbesetzer gestellt. Da überdies immer mehr Details über den Berliner Bausumpf und über Korruption veröffentlicht wurden änderte sich zusehends auch die öffentliche Meinung.

Text: Häußermann, Hartmut und Andreas Kapphan (2000), Berlin: Von der geteilten zur gespaltenen Stadt? Sozialräumlicher Wandel seit 1990

Foto: Aus einer Besetzerdokumentation von 1981, Fotograf unbekannt

siehe auch: Bürgerrechte & Polizei/CILIP Nr. 9-10 (2/1981) , Berlin, Zürich, Amsterdam - Politik, Protest und die Polizei. Eine vergleichende Untersuchung

2010-12-12

Heizpilze

Heizpilze

Eigentlich sind die Propangas-Heizpilze seit 1. Januar 2009 auf öffentlichen Straßenflächen in Berlin-Mitte verboten, aber viele Gastronomen halten sich nicht daran und holen die sporadischen Bußgelder über das Umsatzplus wieder herein.

Heizpilze

Doch der Dauerfrost läßt sogar in der Oranienburger Straße die Tische und Stühle auf dem Gehweg verschwinden und die Heizpilze bleiben im Lager…

Heizpilze

siehe auch: Tagesspiegel vom 21.11.2010

2010-12-04

Erst wenn …

Erst wenn

Erst wenn
der letzte Zaun gezogen,
das letzte Haus totsaniert,
das letzte Orginal vertrieben,
werdet ihr feststellen,
daß man diese Stadt
nicht kaufen kann!

Erst wenn

gesehen in der Gipsstraße

2010-12-01